zur Navigation springen

Pinneberger Tageblatt

23. März 2017 | 19:24 Uhr

Streuobstwiese in Wedel : Wer kümmert sich jetzt ums Paradies?

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Horst Tresselt pflegt seit 30 Jahren sein Pachtgrundstück mit 200 Obstbäumen – jetzt sucht er einen Nachfolger.

Wedel | Ein Eichhörnchen huscht durch die Bäume. Gelbe und orangefarbene Blätter liegen auf dem Boden. Nieselregen tropft von grünen Blättern und verbliebenen Früchten. Es sind die letzten Tage der Apfelernte auf Horst Tresselts Streuobstwiese am Marinedamm in Wedel. Seit nunmehr 30 Jahren pflegt und bewirtschaftet der 80-Jährige die 15.000 Quadratmeter große Fläche. „Das ist ganz schön viel Arbeit – mehr als tausend Stunden im Jahr“, schätzt er. Deswegen möchte er nun seine Pacht abgeben. „Nicht weil ich will, aber weil ich wahrscheinlich muss. Ich werde zu alt.“ Tresselt sucht einen Nachfolger, der ebenso wie er „die Natur im Sinn hat“.

Der 80-Jährige und seine Helfer packen gestern Vormittag gerade zusammen. Der Himmel hat sich zugezogen. Es regnet und ist zu nass für die Ernte. Heute soll es weitergehen. An die 200 Obstbäume wachsen hier am Marinedamm – und das ganz natürlich. „Wir haben sie all die 30 Jahre kein einziges Mal gedüngt oder gespritzt“, sagt Tresselt stolz. „Die Pflanzen sollen sich selbst entwickeln – und dazu die Chance haben.“ Die meisten Bäume hat er 1988 gepflanzt. Damals hatte er die Pacht für das Grundstück gerade übernommen.

So viele Äpfel: Exemplare mit „Stellen“ werden nicht eingelagert. Besucher der Streuobstwiese können sich das Obst kostenlos mitnehmen.

So viele Äpfel: Exemplare mit „Stellen“ werden nicht eingelagert. Besucher der Streuobstwiese können sich das Obst kostenlos mitnehmen.

Foto: Oster
   

Tresselt war im IT-Bereich tätig, künstliches Licht und schlechte Luft im Büro leid. Als Kind hatte er gern viel Zeit auf dem Apfelhof seiner Großeltern in Haselau verbracht. Daran erinnerte er sich. Trotzdem habe er bei Vertragsabschluss am 7. Dezember 1987 wenig Ahnung gehabt. Das änderte sich über die Jahrzehnte. Heute geht der Wedeler glatt als Pomologe durch.

Während er sich an dem Ast eines Apfelbaums abstützt, erzählt er welche Sorte sich wie lange hält, dass ein Baum ausreichend Sauerstoff für 18 bis 20 Menschen am Tag liefert, und dass Äpfel vor 7000 Jahren als Medizinpflanzen aus Asien nach Deutschland kamen. „Aber die ganzen Züchtungen haben das kaputt gemacht“, sagt der Kenner.

Frank Gehetzke sammelt im Regen Äpfel ein. (Foto: Oster)

Frank Gehetzke sammelt im Regen Äpfel ein. (Foto: Oster)

Tresselt entschied sich für alte Obstsorten, er wollte zu deren Erhalt beitragen. Drei Dutzend davon gedeihen heute auf dem Gelände. „Von jeder mindestens zwei“, sagt er. Und tatsächlich, hier finden sich viele Sorten, die es in keinem Supermarkt zu kaufen gibt. Sie tragen so klangvolle Namen wie der „Geflammte Kardinal“, „Martini“, die „Seestermüher Zitrone“, die „Wintergoldpramäne“, „Cox Orange Renette“ und „Signe Tillisch“.

80 Zentner hat Tresselt gemeinsam mit seinen Helfern im vergangenen Jahr geerntet. Dieses Jahr werden es bis zu 65 sein, schätzt er. Und welches ist sein Lieblingsapfel? „Der Ribston Pepping, der Vater des Cox“, antwortet er. Was er von den Äpfeln im Supermarkt hält, das möchte Tresselt lieber nicht beantworten.

Zentnerweise Äpfel – was passiert damit? „Die werden gespendet. Zehn bis zwanzig Zentner gehen zum Beispiel an die Tafel in Wedel“, sagt Tresselt. Regelmäßig seien außerdem Kindergärten aus der Region zu Besuch. Die Helfer versorgen sich auch mit ausreichend Äpfeln. „Ich habe hier nie auch nur einen Pfennig mit verdient“, blickt Tresselt zurück.

_________________________________
„Wir haben all die 30 Jahre kein einziges
Mal gedüngt oder gespritzt.“
Horst Tresselt (Pächter)
_________________________________

Seine Streuobstwiese ist alles andere als eine Monokultur: Zwischen den Apfelbäumen steht mal ein Walnussbaum, mal eine Kirsche, dazu Birnenbäume, Holunder und Sanddorn. Drumherum wächst ein Knick aus Mirabellenbäumen. Es ist ein kleines Paradies für Mensch und Natur – mitten in der Wedeler Marsch. Doch nicht nur die Pflanzen fühlen sich hier wohl, auch viele Tiere. „Ich habe hier schon Rehe, Dachse, Füchse, Pirole und Mäuse gesehen“, berichtet Tresselt. „Auch Fasane, Wiesel und Steinkäuze gibt es hier“, ergänzt Frank Gehetzke, der regelmäßig mitarbeitet.

80 Zentner sind im vergangenen Jahr geerntet worden.

80 Zentner sind im vergangenen Jahr geerntet worden.

Foto: Oster
 

„Ich halte das für gut: Jedes Tier und jede Pflanze haben hier eine Chance“, betont Tresselt. Das glaubt man ihm. Hat er doch etliche Nistkästen für Steinkäuze, Hornissen und andere Tiere auf seinem Grundstück anbringen lassen. Mehrere Bäume hat er außerdem in Obhut genommen, die sonst verbrannt worden wären. „Sie sind hier in Pension.“

Für seine Nachfolge habe es schon einige Bewerber gegeben. Aber bisher hat keiner gepasst. „Man muss halt erstmal jemanden finden, der den Sinn erkennt von dem, was wir hier machen“, räumt der 80-Jährige ein. Und er ergänzt: „Ich selbst habe eine große Familie – mit der Arbeit hier muss man Kompromisse eingehen. Eigentlich ist man nie fertig.“

Das Gelände ist 15.000 Quadratmeter groß. (Foto: Oster)

Das Gelände ist 15.000 Quadratmeter groß. (Foto: Oster)

 

Am liebsten wäre es Tresselt, wenn ein möglicher Nachfolger erst einmal mitarbeitet. Den Umgang mit den Pflanzen und dem Grundstück kennenlernt. „Da mache ich gern eine richtige Übergabe“, sagt er. Und er würde gern weiterhin auf dem Grundstück mitarbeiten. „Das hält mich schließlich jung“, sagt Tresselt und blickt auf seine Apfelbäume.

Wer Interesse an der Nachfolge hat, wendet sich an Horst Tresselt unter Telefon 04103-6634. Weitere Infos über das Grundstück und die Apfelsorten gibt es online.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 29.Okt.2016 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen