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Pinneberger Tageblatt

05. Dezember 2016 | 09:35 Uhr

Weiße Speiche will nicht weichen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Clubhaus Stadt wird Mietvertrag mit Tandemclub, der Touren für Sehgeschädigte und Sehende anbietet, nicht mehr verlängern

„Die klappern auch manchmal“, sagt Reinhard Töpler, Vorsitzender des Pinneberger Seniorenbeirats. Wie aufs Stichwort scheppern Schraubenschlüssel auf dem Boden. „Da haben wir es. Es ist ja fast ein Handwerksbetrieb“, sagt Töpler beim Besuch auf dem Vereinsgelände des Vereins „Tandem-Club Weisse Speiche Hamburg“ im Pinneberger Hafen. Seit 25 Jahren ist der gemeinnützige Verein, der gemeinsame Tandemtouren für Sehgeschädigte und Sehende anbietet, auf dem 450 Quadratmeter großen Grundstück beheimatet. Nun soll er weg. Das hat die Politik beschlossen.

Der Pachtvertrag, der 1991 geschlossen wurde, verlängerte sich beim Ablauf automatisch um fünf Jahre. Im Sommer vergangenen Jahres wurde er zum 31. Dezember gekündigt. Die Stadt wollte das Gelände verkaufen. „Wir haben sofort unser Interesse signalisiert und eine Spendenaktion gestartet“, berichtet Gregor Scheithauer, Vorsitzender des Tandem-Clubs, und ergänzt: „Wir waren alle überrascht, dass ein Großteil des Geldes von den Mitgliedern gespendet wurde.“ Etwa 45  000 Euro kamen so zusammen. Dann wurde es konkret. „Die Stadt wollte 100 Euro pro Quadratmeter haben. Da haben wir unsere Reserven zusammengekratzt, da wir noch 50 Quadratmeter zusätzlich erwerben sollten“, sagt Scheithauer. Das Geld war da, der Vertrag von Seiten der Stadt unterschriftsreif. Doch dann stoppte der Finanzausschuss den Verkauf. „Die Politik will unser Grundstück und die Nachbarfläche zusammenlegen und Gewerbe ansiedeln“, sagt Scheithauer. Ein Argument der Politik: Die Weiße Speiche sei ein Hamburger Verein. „Das werden wir ändern“, sagt Scheithauer. Die Mitglieder sollen bei der nächsten Versammlung für die Umbenennung in „Tandem-Club Weisse Speiche Hamburg-Pinneberg“ entscheiden. „Das macht auch Sinn. Wir sind in Hamburg registriert, aber seit 25 Jahren in Pinneberg zuhause.“

„Es wohnen ja nicht in jeder Straße drei Blinde. Da muss der Verein überregional arbeiten. Pinneberg kann froh sein, wenn es solche Leute hat“, erzürnte sich Töpler.

Dass der Pinneberger Hafen ein reines Gewerbegebiet sei – ein weiteres Argument der Politik, nicht an den Verein zu verkaufen, kann Töpler gar nicht nachvollziehen: „Das THW, das DRK und die DLRG sind direkte Nachbarn. Warum ist es dort OK und bei diesem Verein nicht?“ Scheithauer ist sauer, weil seine Schreiben an die Bundestags-, Landtags- und Stadtabgeordneten unbeantwortet blieben: „Keiner hat das Gespräch mit uns gesucht. Wir haben die Bereitschaft überall signalisiert. Sie reden über das Grundstück, aber ich bin sicher, dass 98 bis 99 Prozent derjenigen noch nie hier war.“

Der Verein hat nach der Kündigung einen neuen Dreijahresvertrag erhalten. „Mit dem Hinweis, dass dieser definitiv nicht verlängert wird“, berichtet Scheithauer. Somit müsste der Verein spätestens Ende 2018 das Gelände räumen. Für den Vorsitzenden des Tandem-Clubs unvorstellbar. „Wir haben für die Erschließung und die Hallen etwa 100  000 Euro investiert. Mit einer 25 Jahre alten Halle, die einige Macken hat, umzuziehen, macht wirtschaftlich keinen Sinn“, ist sich Scheithauer sicher. Der Rückbau des Geländes würde weitere Kosten für den Verein bedeuten, der an anderer Stelle neu anfangen müsste. Zwei Flächen seien von der Stadt angeboten worden – eine im Klövensteen und eine an der Raa. „Die Menschen müssen auch zum Gelände kommen“, sagt Töpler. Dies sei laut Scheithauer im Hafen ideal: „Von der Bahn sind es 20 Minuten über breite, ausgebaute Wege. Das schafft jeder Blinde problemlos.“ Beim Gelände an der Raa hätte zudem die Erschließung übernommen werden müssen. „Der Wasseranschluss war 100 Meter entfernt. Das können wir gar nicht wuppen“, sagt Scheithauer.

Kritik an der Verwaltung kommt weder von ihm noch von Töpler. „Die Bürgermeisterin wollte das Gelände verkaufen. Die Verwaltung trifft keine Schuld“, sagt Töpler. Er ist sich sicher: „Was die Politik macht, ist nicht rechtens.“ Er sieht darin einen Verstoß gegen die UN-Behindertencharta. Das wolle er nun in die Ausschüsse tragen. „Wir wollen die Gespräche suchen, um die Zukunft des Vereins zu sichern. Ich bin sicher, dass niemand in Pinneberg boshaft handelt und so ein Projekt schädigen will“, sagt Töpler.

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