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Pinneberger Tageblatt

07. Dezember 2016 | 21:22 Uhr

Wohnen auf einer Baustelle : Wedel: Wohnungen nach Unwetter evakuiert

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Das Wasser drang durch das provisorisch gedeckte Dach ein. Drei Parteien verlassen den Block an der Wedeler Pulverstraße.

Wedel | Bozena Krajewska ist schwerkrank. Todkrank. Sie muss eine Maske tragen, die an ein Beatmungsgerät angeschlossen ist. Die 57-Jährige hat Diabetes und Herzprobleme. Sie lebt an der Pulverstraße in Wedel. Das schwere Unwetter am Sonntag machte den Abend für sie zum Albtraum. In vielen Teilen Schleswig-Holsteins hat es am Sonntag schwere Gewitter gegeben. Einige Bewohner der Pulverstraße traf es besonders heftig. Sie mussten ihre Wohnungen verlassen, weil das provisorisch gedeckte Dach nicht dicht hielt. Feuerwehrleute holten die Menschen aus dem Haus – darunter Krajewska und eine vierköpfige Familie mit einem behinderten Kind.

Stefanie Bossen, Pressesprecherin der Wedeler Stadtverwaltung, bestätigte gestern auf Anfrage: „Insgesamt drei Parteien mussten ihre Wohnungen verlassen: eine Frau mit Beatmungsgerät, eine Familie mit einem behinderten Kind und ein alleinstehender Mann. In einer vierten betroffenen Wohnung war der Bewohner nicht zuhause.“

Die Wedeler Feuerwehr sei gegen 20.30 Uhr alarmiert worden, weil Wasser in Wohnungen des Blocks Pulverstraße 86 bis 88 gedrungen sei. „Im Rahmen der Gefahrenabwehr wurden vier Wohnungen evakuiert. Betroffene ohne eigene Ausweichmöglichkeiten wurden von Seiten der Stadt für die Nacht untergebracht“, sagte Bossen. Krajewska wurde in ein Krankenhaus gebracht. Nach Angaben der Stadt habe die zuständige Hausverwaltung, die BHW Bauwerk Hamburg Immobilienmanagement GmbH, Kontakt zu den Betroffenen aufgenommen, um sich um eine neue Bleibe zu kümmern. Die Kosten für die Unterbringung in der Nacht zu Montag wird die Stadt Wedel der Hausverwaltung in Rechnung stellen.

Behörde begutachtet Wohnungen

Noch gestern trafen sich Mitarbeiter des Wedeler Bauamts, Bauwerk-Geschäftsführer Martin Rickers und Handwerker zu einer Begutachtung der Wohnungen. Dazu teilte Bossen mit: „Nach öffentlichem Baurecht hat der Bauherr während der Maßnahmen dafür Sorge zu tragen, dass eine Durchfeuchtung der Wohnungen aufgrund der Bautätigkeit vermieden wird. Es wurde festgestellt, dass die Abdeckung ordnungsgemäß erfolgt ist, allerdings dem Starkregen nicht standhielt.“

Für Bozena Krajewska war der Sonntagabend trauriger Höhepunkt einer seit Wochen dauernden Qual, wie Oksana Mankovska sagt. Die 32-Jährige pflegt Krajewska bis zu sechs Stunden am Tag. Seit etwa zwei Monaten werde an dem Haus gebaut. Das Dach sei entfernt worden, um zwei neue Stockwerke aufzusetzen. „Seit die Handwerker hier sind, gibt es massive Schäden. Feuchtigkeit dringt ein, die Tapete löst sich, es gibt meterlange Risse und Schimmel, von der Decke im Flur fällt Schutt. Im Treppenhaus ist alles voller Staub“, klagt Mankovska. Vor etwa zehn Tagen strahlte der Sender Hamburg 1 einen Beitrag über einen Besuch bei Krajewska aus. Sie weinte. Und sie sagte: „Ich kann nicht mehr richtig schlafen. Ich fürchte immer, dass mir Steine ins Gesicht fallen. Und ich habe Angst, dass ich das alles nicht überlebe.“

Holzbalken und Plastikfolie: Die Innenansicht im Hausflur.
Holzbalken und Plastikfolie: Die Innenansicht im Hausflur. Foto: Thieme

Gestern sah ihre Wohnung aus wie eine Baustelle. Filzmatten liegen auf dem Boden, im Wohnzimmer sind Möbel mit Plastikplane abgedeckt, im Flur wurde die Decke abgespachtelt, auf dem Balkon sammeln sich Wasser und Dreck. Der Balkon ist nicht benutzbar. „Das geht seit Tagen so“, sagt Mankovska. „Und während die Handwerker im Wohnzimmer arbeiten, liegt Frau Krajewska mit ihrem Beatmungsgerät nebenan im Schlafzimmer“, klagt die Pflegerin. Miete für die 60-Quadratmeter-Wohnung laut Mankovska: 730 Euro. Eine Reduzierung oder Schadenersatz für durchnässte Möbel seien bisher nicht angeboten worden.

Eine Anfrage dieser Zeitung an Bauwerk-Geschäftsführer Rickers blieb gestern bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Mankovska hofft nun auf eine schnelle Lösung: „Die Zustände in der Wohnung sind unerträglich. Lange hält Frau Krajewska das nicht mehr durch.“

Streit zwischen Mietern und Vermieter über die Bewohnbarkeit der Wohnungen sei eine privatrechtliche Angelegenheit. „Die Stadt hat in diesem Fall keine rechtlichen Möglichkeiten“, sagte Bossen. „Aufgrund des Eigeninteresses des Eigentümers gehen wir aber davon aus, dass dieser alle Maßnahmen ergreifen wird, seiner Verpflichtung auf Sicherstellung gesunder Wohnverhältnisse nachzukommen.“

Die heftigen Gewitter mit großen Hagelkörnern sorgten am Sonntagabend im gesamten Kreisgebiet für Feuerwehreinsätze. So stand in Bönningstedt der Keller eines Einfamilienhauses auf etwa 100 Quadratmetern mit etwa zehn Zentimeter Höhe unter Wasser. In der Nähe hatte außerdem grobkörniger Hagel das Kunststoffdach eines Treib- und Lagerhauses erheblich beschädigt. Die Feuerwehr Halstenbek meldete für ihr Einsatzgebiet dreimal Wasser in Keller, dreimal unterspülte Bahnunterfühungen, einmal Wasser in einer Baugrube, zweimal Gehweg unterspült und zweimal Wasser auf der A 23. In Schenefeld wurden die Helfer zu insgesamt zehn Einsätzen im ganzen Stadtgebiet gerufen. Unter anderem lief in der Straße Bekweiden eine Tiefgarage voll. Feuerwehrsprecher Dennis Fuchs: „Das Wasser stand teilweise 20 Zentimeter hoch.“ Vier Stunden lang war die Feuerwehr im Einsatz. Es blieb zum Glück bei Sachschäden.
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erstellt am 30.Aug.2016 | 13:00 Uhr

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