zur Navigation springen

Pinneberger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 22:25 Uhr

Kolumne : Warum „Packing“, wenn’s auch „Langer Hafer“ tut

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Dichter am Ball über die Folgen des Turniers in Frankreich und den Sinn der neuen Regeln.

Pinneberg | So eine Post-Europameisterschaftssaison ist nicht nur für die diversen Nationalspieler, die quasi nur mit ein paar Tagen Urlaub und der Schweinsteiger-Hochzeit im Kopf und in den Knochen wieder zu ihren Vereinen zurückkehren eine schwere und schwierige, auch wir Wald-und Wiesenfußballer müssen die ganzen Eindrücke und verkappten Neuerungen des Turniers erst einmal wegstecken.

Da sind ja diese neuen Fußballbegriffe, die auf einmal in jedem zweiten Klugscheißersatz fallen, wie zum Beispiel „Packing“, „Pressing“ und „Polyvalenz“. Was für ein Quatsch! Es braucht kein televisonärer Schlauschnacker so zu tun, als wenn das jetzt was ganz Neues wäre. Früher hießen diese Wörter einfach „Langer Hafer“, „Raufgehen“ und „der kann links wie rechts, den kannst Du überall hinstellen, sogar ins Tor“. Auch Worthülsen, wie die als geiler Scheiß belaberte „Balleroberung“ und die „Rotation“ Hitzfeld’scher Ausprägung sind oller Schrott. Gegen ständigen Ballbesitz des Gegners schaffen, das weiß jeder frikadellenplautzige Kreisklassentrainer, „ein paar auf die Socken“ oder das seit dem Mittelalter bewährte „Knochenpolieren“ bestens Abhilfe. Vermutlich werden Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl uns das spätestens zur WM 2018 in der Sowjetunion als „Socking“ oder „Bonepolishing“ verkaufen. Und die Rotation, also wirklich, die haben wir damals in Kollmar schon in der D-Klasse praktiziert, wenn Libero und Vorstopper vom Polterabend am Vorvortag noch zu geschwächt (physisch und mental sowieso) für einen Einsatz gegen VfR Horst IV waren und zum eigenen Wohlergehen auf die Bank rotiert wurden. Mit einer Schüssel davor.

Zum anderen müssen wir uns auch an neue Regeln gewöhnen. Zwar bleibt es grundsätzlich so, dass Fußball immer noch mit den Füßen gespielt wird, aber sonst können wir uns auf viele dämliche Änderungen einstellen. Und das fängt schon vor dem Spiel an. War man es bislang gewöhnt, ab Oktober bis April in langer Doppelrippunterbuchse oder Feinstrumpfhose unter der kurzen Hose über den Acker zu stolpern, so wird auch das nun reglementiert. Wenn lange Hosen getragen werden, dann darf von der gesamten Mannschaft nur noch ein und dasselbe Modell angezogen werden und das muss zwingend die Farbe der Hose haben. Hinzu kommt, dass jeder weitere Firlefanz wie Stutzenhalter, Klebeband oder Fußgelenkbandagen nur noch allein die Farbe der Stutzen haben darf. In welchen Ausmaßen das geahndet wird, bleibt abzuwarten, doch sollte man als Verein ernsthaft in Erwägung ziehen, seine Vereinsfarben in Weiß und Beige zu ändern, damit untenrum weiterhin Angorawäsche von Schießer getragen werden und man sich die Stutzen wie gewohnt mit Tesa Krepp abkleben kann.

Was noch? Seit Menschengedenken wird der Anstoß nach vorne ausgeführt, aber auch das ist seit Kurzem nur noch Western von gestern. Ab sofort ist es möglich, direkt nach Anpfiff und mit nur einer Ballberührung ein Eigentor zu erzielen. Hört sich zunächst noch dämlich an, aber ich bin mir sicher, einer wird es schon schaffen. Auch an der Abseitsregelung wurde wieder ein wenig herumgeschraubt, was genau, muss man aber als Spieler nicht wissen. Denn das bleibt wie es schon immer war und Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.

„Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen“

Das Kapitel „Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen“ enthält den meisten neuen Stuss. Das meiste ist uninteressant und auch nur Blech. Doch aufgepasst, es wird durch eine Ergänzung noch einmal deutlich hervorgehoben, dass auch der Versuch einer Tätlichkeit mit einer Roten Karte bestraft werden soll. Ob es zu einem Kontakt kommt oder auch nicht, spielt dabei keine Rolle. Das heißt, wenn man als elefantöser Verteidiger seine 220-Pfund-Schwungmasse nicht rechtzeitig zwischen Ball und Stürmer bringt und den agilen Neuner nicht einmal mehr von hinten in Kniehöhe waidgerecht weghauen kann, um ihn auf vierwöchige Reha nach Bad Bramstedt zu schicken, sondern nur ein gewaltiges Luftloch schlägt, das in Südamerika Wirbelstürme auslöst, dann kriegt man dennoch die Arschkarte gezeigt. Ob das zur weiteren Fairness im Spiel beträgt, bleibt arg zu bezweifeln. Schuld ist am Ende eh immer der Schiri.

Insgesamt werden die Fußballregeln immer detailreicher und komplizierter. Musste der Ball sich nach einem An-, Frei-, Straf- und Eckstoß bislang lediglich bewegen, muss er sich seit dem 1. Juni 2016 (12 Uhr) nun deutlich bewegen. Wie beim Weinbrand sind da die Unterschiede nicht groß, aber fein. Wann ist der Videobeweis in dieser Angelegenheit einzufordern, damit amerikanische Forscher mit dem Rasterelektronenmikroskop Bewegungspartikel von der Balloberfläche isolieren können? Und während in Villarriba schon längst weitergespielt wird, wartet Villabajo immer noch auf eine Schiedsrichterentscheidung.

Wo führt das alles noch hin? Der Fußball entfernt sich immer mehr von sich selbst und erst wenn das letzte Abseits gepfiffen, der letzte Spieler dem Platz verwiesen und die längste Nachspielzeit zu Ende gegangen ist, werdet Ihr vermutlich merken, dass der Schiedsrichter allein nicht Fußball spielen kann.

zur Startseite

von
erstellt am 30.Jul.2016 | 14:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert