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Pinneberger Tageblatt

05. Dezember 2016 | 13:42 Uhr

Landflucht : Warum immer mehr Menschen nach Hamburg ziehen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Hohe Mobilität, mehr Arbeitsplätze - Hamburg ist für viele attraktiv. Doch die Armut in der Hansestadt wächst.

Immer mehr Menschen zieht es nach Hamburg, gleichzeitig wächst die Armut in der reichen Hansestadt. shz.de hat mit der Universitätsprofessorin Ingrid Breckner darüber gesprochen. Ein Interview.

Wie war Ihr erster Eindruck von Hamburg?

Eine freundliche Stadt. Ich kam 1995 aus München und habe Hamburg im Gegensatz zur bayrischen Metropole als sehr freundlich wahrgenommen – hier gibt es weniger dynamische BMW-Fahrer, man darf einfädeln, wenn man sich vorher verfahren hat, und wenn man mit dem Stadtplan in der Hand unterwegs ist, wird gefragt, ob man Hilfe benötige. Die Menschen hier sind nicht so aggressiv. Hamburg war vor 20 Jahren noch sehr beschaulich und etwas starr, bedingt durch die lange Regentschaft der SPD hatten sich Verkrustungen eingeschlichen. Bezogen auf die Politik hatte ich manchmal den Eindruck, ich sei wieder in Bayern, wo ähnlich lange politische Kontinuitäten herrschten. So etwas tut einem Gemeinwesen oft nicht gut, weil wenige Leute die Strippen ziehen und die Posten verteilen. Eine Intrige kostete damals – so die Warnung eines Kollegen – nur 20 Pfennig, ein Ortsgespräch.

Von ihrem Arbeitsplatz in der Hafencity-Universität hat Ingrid Breckner freie Sicht auf die Shanghaiallee.
Von ihrem Arbeitsplatz in der Hafencity-Universität hat Ingrid Breckner freie Sicht auf die Shanghaiallee. Foto: stahlpress

Wie hat sich die Stadt seitdem verändert?

Hamburg hatte damals eine Vorreiterrolle bei der Förderung von Wohnprojekten und im Bereich der Armutsbekämpfung, dann gab es aber eine Durststrecke. Man sagte zwar, wir leisten uns diese Experimente, aber der Übergang von der geförderten Nische zur Regel geriet ins Stocken. Das änderte sich erst, als Oberbaudirektor Jörn Walter sagte: Schluss, wir legen jetzt generell fest, dass wir eine bestimmte Prozentzahl von städtischen Grundstücken für Wohnbaugemeinschaften zur Verfügung stellen. Zur Veränderung hat nach der Wende auch der Zuzug von vielen jungen Leuten aus Ostdeutschland beigetragen, der der Stadt neue Steuerzahler bescherte. Leider hat man damals versäumt, genügend neue Wohnungen zu bauen und bei aus der Bindung gefallenen Sozialwohnungen nicht nachgelegt.

Hamburg wächst, nicht nur wegen des Zuzugs von Flüchtlingen. Warum gelten Städte vermehrt als attraktiv?

Überall, wo Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, verzeichnen wir Zuwanderung. Pendeln ist teuer und kostet viel Zeit. Immer weniger Menschen sind bereit, mehrere Stunden An- und Abreise zum und vom Arbeitsplatz in Kauf zu nehmen. Außerdem hat die internationale Mobilität stark zugenommen. Der schnelle Zugang zum Flughafen, zur Bahn und Autobahn wird immer wichtiger. Bei unseren Interviews in der Hafencity haben wir festgestellt, dass sehr viele Leute von den Rändern zugezogen sind, weil sie dort kein Auto brauchen. Diese so genannte Renaissance der Stadt ist aber kein Selbstläufer. Unsanierte Siedlungen aus den 50er Jahren locken niemanden in die Stadt.

Warum profitiert Hamburg wie kaum eine andere Stadt von der neuen Lust aufs Urbane?

Das liegt vor allem an der Dynamik des Wirtschaftsstandorts, in dem – wie bei Airbus – Menschen aus aller Herren Länder zusammenarbeiten. Das schafft auch das Image Hamburgs als weltoffene Stadt, als Stadt mit Hafen. Viele Fremde denken: Hier kann ich gut klarkommen. Hamburg leidet nicht unter Stigmata wie einige ostdeutsche Städte, wo man mit rechtsgerichteten Bewegungen konfrontiert ist. Die Leute in Indien lesen auch Zeitung und wissen, was los ist. Zu meiner Zeit an der Technischen Universität Harburg wurde noch Ende der 90er Jahre eine Professorenstelle mit einem hoch qualifizierten Inder nicht besetzt, weil er meinte, er könne seiner Familie das Leben in Deutschland nicht zumuten – es sei zu gefährlich. Angesichts solcher Erfahrungen muss man Wirtschafts- und Stadtentwicklung sehr stark zusammendenken.

Hamburg boomt, doch der Wohnungsbau hinkt trotz aller Anstrengungen hinterher. Was sind die sozialen Folgen?

Sollte es nicht gelingen, der starken Zuwanderung und der hohen lokalen Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum mit einem geeigneten Wohnungsangebot zu begegnen, besteht die Gefahr, dass Menschen mit niedrigem Einkommen an den Stadtrand oder aus der Stadt verdrängt werden. Dadurch würde die soziale Spaltung verschärft, die auch für höhere Einkommensgruppen die urbane Lebensqualität mindert. Eine solche Entwicklung ist vor allem für ältere Menschen mit geringen Altersrenten, junge Bevölkerungsgruppen in Ausbildung und Menschen in niedrigen Lohngruppen problematisch. Sie müssen unter Umständen ihre gewohnten Quartiere verlassen. So werden Sozialbeziehungen auseinander gerissen. Sich im höheren Alter in einer völlig anderen Umgebung mit schlechterer medizinischer Versorgung und unzureichenden Mobilitäts-Angeboten zu arrangieren, ist nicht so einfach. Da müsste man schon jetzt intervenieren. Aber auch studentisches Wohnen ist problematisch. Es sollen immer mehr junge Leute an die Uni, die Behörde zwingt uns, immer mehr Bachelor-Studierende aufzunehmen, doch angemessener Wohnungsbau für diese Zielgruppe hinkt total hinterher.

Ist es da nicht an der Zeit, den Genossenschaftsgedanken zu stärken?

In den 20er Jahren sorgten diese von verschiedenen Interessengruppen gegründeten Zusammenschlüsse für einen ordentlichen Schub im Wohnungsbau. Einige Genossenschaften beteiligen sich aktiv an den aktuellen Hamburger Wohnungsbauprogrammen im „Bündnis für das Wohnen“ und motivieren in Zukunft hoffentlich auch noch zurückhaltende Genossenschaften. Auch im Bereich der Hamburger Baugemeinschaften leisten traditionelle Genossenschaften wichtige Unterstützung für neu entstehende Kleingenossenschaften.

Wie sozial ist Hamburg, die Stadt der Millionäre?

Der Handelskapitalismus bestimmt nach wie vor den Geist in der Stadt. Wenn man mit der Handelskammer spricht, hört man immer die Frage: Wie rechnet sich das? Die Handelskammer versucht in sehr starkem Maße, Stadtentwicklungspolitik im Interesse der zentralen Wirtschaftsunternehmen zu betreiben. Sozialpolitik ist da allenfalls als Reparaturbetrieb mitgedacht. Das ist problematisch. Hamburg wird sich das zwar leisten können, solange die Steuereinnahmen sprudeln. Mir fehlt aber eine nachhaltige Strategie, die Soziales und Ökonomisches systematischer zusammendenkt und bearbeitet.

Wächst die Armut in Hamburg?

Es gibt eine Zunahme von Armut trotz des Reichtums. In wohlhabenden Städten wie Hamburg oder München bilden sich seit Jahrzehnten regelrechte Armutsinseln. Billstedt, Bereiche in Wilhelmsburg und der Osdorfer Born sind Stadtteile, die mit vielen sozialen Schwierigkeiten konfrontiert sind. Man muss sich nur die Statistiken zur Arbeitslosigkeit, zum SGB-II-Bezug, fehlenden Schulabschlüssen und niedriger Wahlbeteiligung anschauen oder den Sozialmonitor der Stadtentwicklungsbehörde verfolgen. Dann sieht man, welche Probleme sich in welchen städtischen Räumen überlagern.

Wer ist arm?

Rentner ohne ausreichende Erwerbszeiten, Verwitwete, Alleinerziehende, kinderreiche Familien, vor allem mit Migrationshintergrund.

Wie wirkt sich das auf Jugendliche aus, die in solchen Familien aufwachsen?

Für die ist das nicht einfach, weil sie die notwendige Unterstützung von Zuhause nicht bekommen. Viele gehen zur Schule, ohne vorher ein einziges Buch gesehen zu haben, daheim fehlt ein Platz für die Erledigung von Hausaufgaben, manche kommen ohne Frühstück in die Schule – da sind problematische Bildungskarrieren vorgezeichnet. Bitter ist, dass Jugendliche trotz gutem Examen auf dem Arbeitsmarkt oft schlechte Chancen haben, auch die Wohnungssuche mit ausländisch klingendem Namen konfrontiert mit existierenden Diskriminierungen. Nach 50 Ablehnungen, übrigens auch bei vielen Genossenschaften, geben Viele auf. Leider wird diese Diskriminierung noch viel zu wenig thematisiert und abgebaut.

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erstellt am 10.Sep.2016 | 15:10 Uhr

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