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Pinneberger Tageblatt

07. Dezember 2016 | 23:18 Uhr

20 Jahre Rechtschreibreform : Warum die deutsche Sprache die Gesellschaft spaltet und Emojis bald im Duden stehen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute vor 20 Jahren wurde die Erklärung zur Rechtschreibreform unterzeichnet. Manfred Schwarz vom Verein Deutsche Sprache spricht im shz.de-Interview über Sinn und Unsinn der Reform und den Einfluss von SMS auf Sprache.

Pinneberg | Heute vor 20 Jahren wurde die Erklärung zur Rechtschreibreform unterzeichnet. Manfred Schwarz vom Verein Deutsche Sprache erklärt im Interview, wie er die Reform damals bewertet hat, was der deutschen Sprache 2016 zu schaffen macht und wie sie die Gesellschaft spaltet.

Herr Schwarz, Sie sind Regionalleiter des Vereins Deutsche Sprache für den Westen Schleswig-Holsteins. Was kennzeichnet für Sie die deutsche Sprache?
Manfred Schwarz: Die deutsche Sprache ist eine hochdifferenzierte und klare Sprache. Es gibt, glaube ich, keine andere Sprache auf der Welt, die mehr sprachliche Möglichkeiten zur Verfügung hat. Gleichzeitig gibt es im Deutschen aber auch die Möglichkeit, ganz kompakt und unmissverständlich zu formulieren.

Wie haben Sie die Reform 1996 bewertet?
Ich war nicht begeistert. Bevor die endgültigen Regelungen getroffen wurden, haben ja viele Menschen befürchtet, dass es viele bürokratisierende Maßnahmen fern der sprachlichen Realität geben wird.

Haben sich die Befürchtungen 20 Jahre später bewahrheitet?
Nein. Heute ist überwiegend Gelassenheit angesagt. Vieles hat sich eingependelt. Allerdings gibt es nach wie vor etliche Unklarheiten und Verbesserungsmöglichkeiten.

Manfred Schwarz (70) hat Politologie, Pädagogik und Soziologie studiert und zu einem bildungspolitischen Thema promoviert. Er war etliche Jahre als Berufsschullehrer, Dozent in der Lehrerbildung und Medienreferent  tätig. 2012 wurde er Mitglied im Regionalvorstand des Vereins Deutsche Sprache Hamburg und ist heute als Vorsitzender zuständig für die Region West-Schleswig-Holstein.

Manfred Schwarz (70) hat Politologie, Pädagogik und Soziologie studiert und zu einem bildungspolitischen Thema promoviert. Er war etliche Jahre als Berufsschullehrer, Dozent in der Lehrerbildung und Medienreferent  tätig. 2012 wurde er Mitglied im Regionalvorstand des Vereins Deutsche Sprache Hamburg und ist heute als Vorsitzender zuständig für die Region West-Schleswig-Holstein.

 

Die Reform hatte zum Ziel, Bildungsbarrieren abzubauen. Sprache sollte einfacher, logischer und verständlicher werden. Hat die Reform das geschafft?
Kaum. Die Möglichkeit laut Duden, verschiedene Varianten der Rechtschreibung anzuwenden, verwirrt insbesondere Schüler und Lehrer. Und allgemein verwirrt es Menschen, die nicht jeden Tag mit offizieller Sprache zu tun haben.

Was hat die Reform außerdem mit unserer Sprache gemacht?
Für mich gibt es etliche Positiva. Es sind einige Regeln gemacht worden, die die Sprache vereinfachen – wie teils die Kommasetzung. Es gibt auch Verbesserungen dahingehend, dass einige Wörter jetzt groß geschrieben werden. Und das völlig zu Recht. Zum Beispiel Rad fahren. Negativ ist die Möglichkeit, offiziell verschiedene Varianten der Rechtschreibung anzuwenden. Es gibt häufig keine klaren , nachvollziehbaren Regelungen.

Sie haben die Rechtschreibreform hautnah miterlebt. Wie war es für Sie, sich umzugewöhnen?
Die Umgewöhnung ging generell viel schneller als Kritiker befürchtet haben, glaube ich. Eigentlich war das gar kein so großes Problem.

In der aktuellen Ausgabe des Duden gibt es etliche optionale Schreibweisen. Ist die deutsche Sprache beliebig geworden?
Ja, teilweise. Das trägt natürlich zur Beliebigkeit bei, obwohl die Beliebigkeit so groß nicht ist, wie manche das behaupten. Dennoch: Zum Teil ist es sehr beliebig, und das führt dazu, dass es zum Beispiel in der Schule schwieriger wird, Deutschunterricht zu machen. Selbst Lehrer haben Schwierigkeiten zu erkennen, was richtig und was falsch ist.

In Zeiten von SMS, Twitter und anderen Kurznachrichtendiensten wird oft eine Verflachung der Sprache angeprangert. Ist das schlimm?
Es gibt zwei Seiten. Positiv ist, dass in der Geschichte wohl noch nie so viel geschrieben worden ist wie heute. Geschrieben im Sinne von Mails, Facebook, Twitter et cetera. Noch nie haben Menschen so viele Informationen und Bewertungen produziert wie heute. Nie hat man so viel in die Schreibmaschine eingetippt, das hat sich völlig verändert. Komischerweise wird das aber immer völlig übersehen.
Negativ ist, dass gerade in der Kommunikation via Mail und SMS überwiegend keine entwickelten Sprachmuster praktiziert werden. Man schreibt in einem sehr eingeschränkten Deutsch. Die mündliche Umgangssprache wird heute mehr als früher zu einer „zweiten Schriftsprache“. Neben der primären und geltenden Schriftsprache entwickelt sie sich in der Qualität stark zurück.

Der Verein Deutsche Sprache hat seinen Hauptsitz in Dortmund. Gegründet wurde er am 12. November 1996. Derzeit hat der Sprachverein etwa 36000 Mitglieder in mehr als 100 Ländern. Vorsitzender des Vereins ist seit der Gründung der Wirtschaftswissenschaftler Walter Krämer. Für die Region West-schleswig-Holstein ist Manfred Schwarz aus Ellerbek zuständig.

Also eine Art Paralleluniversum?
Ja, das trifft zu. Man könnte sie auch als Parallelsprache bezeichnen. Und es besteht die Gefahr, dass diese zweite Sprache mehr und mehr die erste ersetzt. Auch weil viele die eigentliche Hochsprache immer weniger beherrschen und Sprachformen entstehen, die man Kiezdeutsch nennt. Dabei wird die deutsche Sprache wirklich amputiert. Mit der elektronischen Kommunikation wird diese Entwicklung noch unterstützt.

Lösen Emojis die Sprache als Kommunikationsmittel ab? Werden sie in 15 Jahren in den Duden aufgenommen?
Emojis haben sich längst eingebürgert, und sie sind häufig hilfreich, wenn man etwas extrem knapp ausdrücken will. Da habe ich nichts gegen. Dem wird auch der Duden Rechnung tragen und sie bald abdrucken. Eine größere Gefahr sehe ich darin für die deutsche Sprache nicht.

Wie entwickelt sich unsere Kommunikation künftig?
Die Sprache könnte sich zweigleisig entwickeln. Die eine Gruppe wird nach dem eingeschränkten Sprachmuster kommunizieren, die andere Gruppe nach dem hoch entwickelten. Diese Gruppe wird übrigens auch künftig viel Print-Medien lesen.


 

Das „h“ vom Känguru hat jetzt der Föhn

Verbindlich ist die neue Orthografie in Schulen und Ämtern im Jahr 2005 geworden. Unverbindlich hingegen wurden sie durch die Reform in ihrer Schreibweise. Denn sogar das Wort Orthographie kann man seither in zwei Varianten schreiben. Genauso verhält es sich mit vielen anderen Wörtern der deutschen Sprache. Der Duden gibt zwar Empfehlungen, vor allem aber gibt er eine Reihe von Möglichkeiten der Schreibweisen.

Immerhin: Nur eine richtige Schreibweise gibt es seit der Reform für „Schiffahrt“, das schreibt man seither mit drei „f“, den Delfin und Fantasie  nicht mehr mit „ph“ (sieht irgendwie immer noch komisch aus) und Kuss statt ehemals  Kuß. Außerdem hat das Känguru ein „h“ verloren. Weil der Buchstabe dann übrig war, hat der Föhn ihn kurzerhand bekommen und schreibt sich seitdem nicht mehr „Fön“. Einen Föhn bekommen hat wohl manch einer, als er sein Kreuzworträtsel lösen wollte. Schließlich passte das Känguruh plötzlich nicht mehr in die Kästchen für „Beuteltier aus Australien“.

Doch erinnern wir uns zurück an die 1990er Jahre, als für so manche Wortkreation rauher Gegenwind wehte. Moment mal – „rauh“?! Das „h“ wurde doch auch wegrationalisiert. Es gibt Leute, die hätten gern alles beim Alten belassen. Dann könnten sie heute noch beim alten klein schreiben. Und hierzulande stets zusammen. Mittlerweile kann man auch hier zu Lande schreiben, wie man möchte eben. Generell hat man oft die Wahl. Man kann  es sich also leichtmachen. Oder leicht machen, auch das kann jeder schreiben, wie es ihm beliebt.

(Kira Oster)

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erstellt am 01.Jul.2016 | 14:00 Uhr

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