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Pinneberger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 16:41 Uhr

Polonium-Fährte bis in den Kreis Pinneberg : Vor zehn Jahren starb der russische Ex-Agent Alexander Litwinenko

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die radioaktive Sustanz, mit der die mutmaßlichen Killer nach London reisten, war auch in der Marsch nachweisbar.

Haselau/Moskau | Ein ehemaliger Apfelhof in der Haseldorfer Marsch: Die etwas verwitterte Pforte zum Grundstück ist weit geöffnet, ein knorriger Obstbaum steht vor einem der reetgedeckten Backsteinhäuser, zu hören ist lediglich das Bellen des Hundes vom Grundstück gegenüber. Es ist ein idyllisches Bild. Vor genau zehn Jahren war dieser Hof einer der Schauplätze in einem immer noch mysteriösen Agenten-Drama: der Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko mit radioaktivem Polonium 210.

Die Nobelpreisträgerin Marie Curie entdeckte das chemische Element Ende des 19. Jahrhunderts und nannte es zu Ehren ihrer polnischen Heimat Polonium. Es kommt in verschiedenen Isotopen vor, darunter Polonium 210. Schon ein Millionstel Gramm Polonium 210 kann einen Menschen töten – laut Bundesamt für Strahlenschutz innerhalb weniger Tage. Das Radionuklid sendet zwar nur eine kurze Alphastrahlung aus, die durch Kleidung, Papier oder Haut abgehalten wird. Es wird aber gefährlich, wenn Polonium geschluckt, eingeatmet oder über Wunden aufgenommen wird. Erste Anzeichen einer Vergiftung sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfall und Müdigkeit. Es folgen unkontrollierte Blutungen und Haarausfall, bis schließlich der Körper kollabiert. (dpa)

Knapp drei Wochen siechte Litwinenko im November 2006 in einem Londoner Krankenhaus vor sich hin. Er konnte zuletzt nicht mehr gehen und kaum sprechen. Am 23. November 2006 starb der Ex-Agent des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB schließlich an einer Vergiftung mit der radioaktiven Substanz. Britischen Ermittlungen zufolge steckten die früheren russischen Offiziere Andrej Lugowoj und Dmitri Kowtun hinter dem Mord an dem abtrünnigen Exilanten.

Es war Kowtun, dessen radioaktive Fährte auch durch den Kreis Pinneberg führte. Der Offizier hatte 1991 Asyl in Deutschland beantragt, als seine Truppe ins Unruhegebiet Tschetschenien verlegt werden sollte. Lange Zeit lebte er in der Bundesrepublik. Vor dem 1. November 2006 – dem Abend, als Litwinenko bei einem Treffen mit Lugowoj und Kowtun in London den vergifteten Tee zu sich nahm – besuchte Kowtun seine deutsche Ex-Frau in Hamburg. Ende Oktober übernachtete er bei dieser Stippvisite auch eine Nacht auf dem Hof in Haselau, auf dem seine ehemalige Schwiegermutter lebte. Dann brach er nach London auf.

Litwinenko in dem Londoner Krankenhaus, in dem er starb.
Litwinenko in dem Londoner Krankenhaus, in dem er starb. Foto: dpa
 

In der Nacht zum 9. Dezember – zwei Wochen nach Litwinenkos Tod – riegelte ein Großaufgebot von Polizeikräften den Gebäudekomplex in der Marsch ab. Die zehn Bewohner wurden evakuiert, Beamte bewachten das Areal rund um die Uhr. Kowtuns Ex-Frau musste mit ihrem neuen Lebensgefährten sowie ihren damals ein und drei Jahre alten Kindern ihre Wohnung am Hamburger Spritzenplatz räumen. Die vier wurden im Elmshorner „Hotel Royal“ untergebracht. Am 11. Dezember holten Rettungskräfte und Polizisten die Familie ab und brachten sie ins Strahlenschutzzentrum des Allgemeinen Krankenhauses St. Georg. Das Ergebnis: Die gemessenen Polonium-Werte sollten keine Gesundheitsgefahr darstellen, hieß es.

Ein idyllischer Hof an der Altendeicher Chaussee in Haselau: Auch hierhin führte die Spur des ehemaligen Geheimagenten und späteren Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko.
Ein idyllischer Hof an der Altendeicher Chaussee in Haselau: Auch hierhin führte die Spur des ehemaligen Geheimagenten und späteren Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko. Foto: Kleist
 

Litwinenko hatte sich vom russischen Spion zum Kritiker von Präsident Wladimir Putin gewandelt. Er arbeitete im Londoner Exil mit anderen Oppositionellen zusammen. Zehn Jahre nach dem spektakulären Mord sind immer noch nicht alle Rätsel gelöst. Strafrechtlich konnte niemand belangt werden, denn Moskau liefert die mutmaßlichen Täter nicht aus. Lugowoj und Kowtun kehrten nach dem Mord nach Russland zurück und entzogen sich so der britischen Justiz. 2015 kündigte er an, vor Londoner Ermittlern aussagen zu wollen, nahm dies aber später zurück.

Ein Richter, eine Witwe, ein mutmaßlicher Mörder und Putin

Bis heute belastet der Fall Litwinenko die britisch-russischen Beziehungen. Wie geht es den Hauptfiguren in dem Skandal heute? Andrej Lugowoj (50): Der Ex-Geheimdienstoffizier und Unternehmer organisierte 2006 zwei Geschäftsmeetings mit Litwinenko. Beim zweiten Treffen in der Bar des „Millennium“-Hotels in London am 1. November trank das Opfer den radioaktiv verseuchten Tee. In Lugowojs Hotelzimmer fanden sich Polonium-Spuren in hoher Konzentration. Er hatte eine Verwicklung in den Mord stets bestritten. Doch der britische Verdacht verschaffte ihm in seiner Heimat den Status eines Volkshelden. Seit 2007 sitzt er für die nationalistischen Liberaldemokraten im russischen Parlament.

Marina Litwinenko (55): Die Witwe des Kreml-Kritikers kämpft immer noch darum, dass der Fall juristisch aufgearbeitet wird. „Ich habe immer daran geglaubt, dass ich in einer Gesellschaft lebe, die mir nicht das Recht verweigern wird herauszufinden, wer meinen Mann umgebracht hat“, sagte die ehemalige Tänzerin. Sie erzwang, dass der britische Royal Court of Justice (Königlicher Gerichtshof) 2015 in einer öffentlichen Anhörung alle Beweise sammelte.

Robert Owen (72): Zuständig dafür war der ehemalige Richter Robert Owen. In seinem Schlussbericht vom Januar 2016 sah er die Schuld Lugowojs und Kowtuns als erwiesen an. Mutmaßlich hätten sie im Auftrag des russischen Geheimdienstes gehandelt. Owens Kernsatz: „Ich habe ferner festgestellt, dass die FSB-Operation,

Mr. Litwinenko umzubringen, vermutlich von Mr. (Nikolai) Patruschew, damals Leiter des FSB, und Präsident Putin gebilligt worden ist.“ Beweise dafür fehlen aber. Wladimir Putin (64): Der Kremlchef beherrscht die russische Politik unangefochten seit mittlerweile fast 17 Jahren. Vom Tod Litwinenkos an gerechnet, verließ er 2008 den Kreml, ließ sich 2012 wieder zum Präsidenten wählen und steuert 2018 eine weitere Amtszeit an. Über die Jahre sind mehrere seiner Kritiker ermordet worden, so die Journalistin Anna Politkowskaja und der Oppositionspolitiker Boris Nemzow.

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erstellt am 24.Nov.2016 | 18:00 Uhr

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