zur Navigation springen

Pinneberger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 05:02 Uhr

Reportage : „Von uns werden Wunder erwartet“ - im Dienst mit den Krankenpflegern

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Wie Pflegekräfte in Pinneberg arbeiten, welche Bedingungen sie sich wünschen und warum Angehörige die größte Belastung sind.

Pinneberg | Station B1, Pinneberger Regio-Klinikum: 35 Betten befinden sich dort, fast alle sind belegt. Drei Lampen im Flur leuchten rot auf. In den Zimmern, an denen das Signal zu sehen ist, haben Patienten die Ruftaste gedrückt. Die Kranken wollen sich hinsetzen, brauchen Schmerzmittel, ein Wasser oder eine neue Windel. Björn Scholz steht vor Zimmer Nummer 114. Eine weitere Lampe wechselt die Farbe von grün auf rot.

Desinfizieren nach dem Besuch im Patientenzimmer.
Desinfizieren nach dem Besuch im Patientenzimmer.

Der Pfleger wird trotzdem nicht hektisch, während er sich seine Schutzkleidung anzieht. „Anplünnen“, so nennt der 35-jährige Stationsleiter der Inneren Medizin das. Scholz schlüpft schnell in den gelben Schutzkittel und knotet ihn im Nacken zu. Er befestigt den Mund- und Nasenschutz hinter den Ohren und streift sich schließlich lilafarbene Handschuhe über. Zwei Zimmer weiter beginnt eine fünfte Lampe rot zu glühen. Doch Zeit für Hygiene muss sein. Das Infektrisiko ist zu hoch. Vor vielen der Zimmer müssen Scholz und seine 30 Stationskollegen sich deswegen anplünnen. Etwa zwei bis drei Minuten Zeit benötigen sie dafür.

Scholz greift die Türklinke, betritt das Einzelzimmer von Herrn Wichert (Patientennamen von der Redaktion geändert). Er grüßt den Ende 70-Jährigen, der an Dauerdurchfall leidet. An seinem Bett steht das Mittagessen, ein Teller voll Haferschleim. Der Patient möchte aufgerichtet werden. Scholz hievt ihn in Sitzposition, schiebt ihm seinen Brei vor die Brust. Währenddessen sagt er dem Patienten freundlich aber bestimmt, er solle versuchen etwas zu trinken und ein wenig zu essen. Seine Schutzkleidung wirft Scholz beim Rausgehen in einen Mülleimer in dem kontaminierten Zimmer. Er verlässt den Raum, ruft noch „Guten Appetit.“

Zurück im Flur desinfiziert der Pfleger sich die Hände. Und plünnt sich gleich wieder an. Die bettlägrige Frau Haagen (87) muss umpositioniert werden, sonst liegt sie sich Wund. Weil sie schwerer ist als Herr Wichert, braucht Scholz Hilfe. Er holt sich Kollegin Nadine Mordhorst dazu. Die Patientin Haagen spricht nicht, leidet an fortgeschrittener Demenz, einer Lungenentzündung und Durchfall. Sie ist multimorbid, hat mehrere Krankheiten, so wie viele Patienten. Während Scholz und Mordhorst sie positionieren, atmet sie laut, ihr Blick ist starr. Scholz prüft Infusions- und Flüssignahrungskanäle. Die Pfleger verlassen den Raum.

Interview: Regio-Kliniken-Betriebsratsvorsitzende Herta Laages über Fachpersonalmangel, Überstunden und Sparmaßnahmen

Verdi ruft heute bundesweit Beschäftigte in Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen zu Aktionen gegen Überstundenstress und für gute Jobbedingungen auf. Im Kreis Pinneberg ist die größte Aktion in Elmshorn. Volontärin Kira Oster hat vorab mit Klinik-Betriebsratschefin Herta Laages gesprochen.

Mit dem Aktionstag wollen Sie und Verdi auf Personalmangel und zu viele Überstunden aufmerksam machen. Wie kommt es überhaupt zu dieser Situation?
Herta Laages Seit der Umstellung der Finanzierung der Krankenhausleistungen auf ein Preissystem 2003 sind die Leistungen nicht mehr ausreichend refinanziert. Das führte dazu, dass bundesweit vor allem an den Personalkosten gespart wurde, weil das der höchste Posten im Aufwand ist.

Klinik-Betriebsratschefin Herta Laages.

Klinik-Betriebsratschefin Herta Laages.

Foto:PT

Wie viele Mitarbeiter hat das Regio-Klinikum derzeit? Und wie viele bräuchte es, um die Bedingungen zu verbessern?
Wir haben knapp 1800 Beschäftigte und können aufgrund des Fachkräftemangels nicht alle Stellen besetzen. Aktuell haben sich etwa 32.500 Überstunden über alle Berufsgruppen und alle Standorte angesammelt. Die Hochschule Hannover hat in einer aktuellen Studie veröffentlicht, dass allein in der Pflege bundesweit 100.000 Kräfte auf Normalstation fehlen. Personalknappheit herrscht überall und in allen Abteilungen.

Personal oder Patient – wer leidet mehr  unter den Arbeitsbedingungen?
Fast vier Millionen Menschen haben im Januar die Reportage „Profit statt Gesundheit“ von Günter Wallraff gesehen. Wöchentlich werden weitere Katastrophenberichte aus Deutschlands Krankenhäusern veröffentlicht. Die Politik und Verantwortlichen wissen Bescheid. Das Pflegeförderprogramm aus der Gesetzesreform von Hermann Gröhe  hat uns ganze 2,5 Stellen mehr beschert; für alle drei Standorte, versteht sich.

Es gab viel Kritik an der Reform der Pflegeberufe, an deren Umsetzung  die Bundesregierung weiter festhält. Wie bewerten Sie die neue Form der Ausbildung?
Sie wird den spezifischen Aufgaben der drei Berufsgruppen Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege nicht gerecht. Die dringend benötigte Aufwertung der Pflegeberufe findet damit also nicht statt. Während man die Fachrichtungen im ärztlichen Bereich noch fünfmal splittet, wird in der Pflege alles in einen Topf geworfen.

Was könnte das Land tun, um die Bedingungen für Pflegekräfte zu verbessern?
Nicht das Land. Wir brauchen eine gesetzliche Personalbemessung vom Bund – so wie wir sie in den 1980er  Jahren schon einmal hatten.

Kurz durchatmen. In dem Moment wechselt die Lampe von Herrn Wichert wieder die Farbe. „Er möchte sich wieder hinlegen“, schnauft Scholz. Nochmal anplünnen. Später muss er alle Handlungen in den Patientenakten dokumentieren.

Als Stationsleiter schreibt Scholz auch Dienstpläne, verantwortet und organisiert das Team. Seit 2011 hat er diesen Posten inne. „Unter mir hat noch niemand gekündigt. Das Team ist stabil, es herrscht gute Stimmung“, sagt er. Seine Gruppe ist zwischen 22 und 48 Jahren alt, hauptsächlich weiblich.

Pflegerin Nadine Mordhorst dokumentiert die Behandlung.
Pflegerin Nadine Mordhorst dokumentiert die Behandlung.

Auch die 28-jährige Mordhorst aus Ellerbek hat hier gelernt – und ist geblieben. Sie hat im Alltag mehr Patientenkontakt als Scholz. Was ist die größte Belastung? „Die Angehörigen“, antwortet Mordhorst ohne Zögern. „Sie sind ungeduldig, angespannt und wissen besser als wir , wie wir pflegen sollten.“ Stationsleiter Scholz ergänzt: „Es werden immer Wunder von uns erwartet.“

Drei verschiedene Schichten gehören zum Dienst: Früh-, Spät- und Nachtschicht. Jeweils drei bis vier Kollegen sind tagsüber auf der Station. Nachts arbeitet ein Pfleger.

Zeit für Hygiene muss sein. Das Infektrisiko ist hoch.

Zeit für Hygiene muss sein. Das Infektrisiko ist hoch.

Viel Verantwortung, viel Stress, wenig Dankbarkeit, Bezahlung auf dem Niveau von Erzieherinnen – ist das fair? „Nein, und ich finde wir Pfleger sollten selbstbewusster sein. Wir sind so wichtig wie Polizei und Feuerwehr. Und sollten so bezahlt werden“, sagt Scholz.

„Dass ohne uns in der Gesellschaft eine ganze Menge nicht funktionieren würde, dafür fehlt das Bewusstsein“, bedauert er. Wenn er heute noch einmal die Wahl hätte, er würde sich wieder für den Pflegeberuf entscheiden. „Weil mir vor allem wichtig ist, dass man seinen Beruf mag.“

Einen Trend beobachtet Scholz schon länger: „Die Aufenthalte werden immer kürzer. Wir müssen mehr in weniger Zeit leisten.“ Eine Kraft mehr pro Schicht würden sich die Pfleger wünschen. „Das würde uns entlasten“, sagt Mordhorst. Diese Stellen gab es früher einmal. Sie wurden wegrationalisiert.

Der internationale Aktionstag „Tag der Pflege“ wird jährlich am 12. Mai gefeiert. Dies ist der Geburtstag der Begründerin der modernen Krankenpflege: Florence Nightingale. Sie wurde am 12. Mai 1820 in Florenz geboren und starb am 13. August 1910 in London. Sie war die Tochter einer wohlhabenden britischen Familie. Sie reformierte das Sanitätswesen und die Gesundheitsfürsorge in Großbritannien und Britisch Indien. Außerdem legte sie Ausbildungsstandards fest, die zuerst in der von ihr gegründeten Krankenpflegeschule umgesetzt wurden.
Karte
zur Startseite

von
erstellt am 12.Mai.2016 | 16:10 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen