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Pinneberger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 15:34 Uhr

Volle Züge und weinende Frauen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Teil 2Die Mobilmachungstage 1914: Bis zum 15. Oktober waren etwa 400 Pinneberger einberufen, unter ihnen 265 Familienväter

„Das deutsche Volk fieberte. Wer sich von seiner Arbeit freimachen konnte, eilte auf die Straße, wo überall in Gruppen die Frage an das Schicksal gestellt wurde: Krieg oder Frieden? Keiner mochte warten, bis die Zeitung die nächsten neuen Nachrichten brachte. Im Zentrum der Stadt zwischen Schmüsers Hotel (ab 1920 Rathaus) und der Wirtschaft ‚Zur stumpfen Ecke‘, auch beim Postamt (damals Bahnhofstraße) war man sicher, bedeutungsvolle Neuigkeiten zu erfahren. Menschen, die einander völlig fremd waren, tauschten hier wie alte Bekannte ihre Meinungen über die jedes Herz bewegende Frage aus. Die große Gefahr, in der das Vaterland schwebte, schloss Hoch und Niedrig, Arm und Reich zu einer großen Volksgemeinde zusammen. Am Bahnhof riss man sich um die Extrablätter und die Zeitungen, die aus der nahen Großstadt gebracht wurden“, so beschreibt Klaus Bassen, Rektor der Schule Nord (heute Hans-Claussen-Schule) von 1928 bis 1956, im Rückblick 1935 die Stimmung am Tag vor der Bekanntgabe des Kriegsausbruches 1914.

In seinen Ausführungen, die am Anfang einer bisher nie veröffentlichten und auch nicht vollendeten „Pinneberger Kriegschronik 1914-1918“ stehen, beschreibt er weiterhin: „Nie ist das Pinneberger Tageblatt mit größerer Spannung erwartet worden als am Sonnabendnachmittag, dem 1. August 1914. In der Zeitung fand man aber noch nicht die Entscheidung, nach der jeder verlangte, mochte sie ihm nun günstig oder ungünstig sein. Die Sonnabendausgabe enthielt sogar noch folgende Nachricht als langes Telegramm: ‚Bis 4 Uhr ist noch keine Mobilmachungsorder eingetroffen. Eine schwache Hoffnung kehrt wieder ein‘. Der zermürbenden Ungewissheit machte endlich folgendes Telegramm ein Ende, das um 18   Uhr 16 auf dem hiesigen Postamt eintraf: ‚Mobilmachung befohlen. 1. Mobilmachungstag der 2. August. Dieser Befehl ist sofort ortsüblich bekannt zu machen‘.

.  .  .  Noch in den Abendstunden eilten die Polizeibeamten und die Stadtboten mit Leitern und Eimern durch die Straßen, um an vielen Stellen die roten und weißen Plakate anzukleben. Mit ernstem Stolz lasen die Männer, an welchem Tage sie sich zu gestellen hatten. Mit verweinten Augen stand manche Gattin und Mutter daneben. Was sie seit Tagen und Wochen bange geahnt und gefürchtet hatten, war nun doch eingetreten: Der Krieg war entbrannt, der in wenigen Tagen zu einem Weltkrieg wurde, dem größten aller Zeiten und Völker.“

Auch in Bassens folgenden Beschreibungen ist von einer Kriegsbegeisterung, wie sie für die ersten Augusttage 1914 oft berichtet wird, anfänglich wenig zu spüren: „Dem schicksalsschwer beladenen Abend des 1. August folgte in vielen Familien eine unruhvolle Nacht. Den jüngeren Reservistenjahrgängen und den Offizieren des Beurlaubtenstandes waren nicht mehr viele Stunden gegeben zum Abschluss der beruflichen und familiären Pflichten und zum Abschied von Eltern und Geschwistern, von Frau und Kind.“

Die Kriegsbegeisterung scheint mehr ein Teil des öffentlichen Raumes gewesen zu sein als des privaten: „Am Sonntag fuhren die ersten ab. Der Bahnhofsplatz war voller Menschen. Hier wurde manch ein Abschied für immer genommen. Lautere vaterländische Begeisterung entstand in den Eisenbahnzügen oder wo sich sonst Gestellungspflichtige sammelten. Hier riss der Hochgestimmte den ernsteren und stilleren Kameraden mit durch begeisternde Rede und anfeuerndes Lied. ‚Gloria, Viktoria, ja mit Herz und Hand fürs Vaterland. Die Vöglein im Walde, die singen so wunderschön: In der Heimat, in der Heimat, da gibt‘s ein Wiedersehn‘. Das war das Lieblingslied der Mobilmachungstage und erscholl aus allen Zügen, die vollgepfropft mit heimkehrenden Feriengästen und ausziehenden Reservisten durch unsere Stadt fuhren. Dicht gedrängt standen sie an den offenen Abteilfenstern und dankten noch lange mit Tücherschwenken für das Hurra, das die Pinneberger vom Waldessaum her den Abfahrenden zuriefen.“

Das nebenstehende Foto, das am 4. August 1914 aufgenommen wurde, kommentierte Bassen mit dem Pathos der damaligen Zeit wie folgt: „Das Bild zeigt eine Anzahl von Mitbürgern, die sich am 3.            Mobilmachungstage vor dem Gasthaus ‚Zur stumpfen Ecke‘ versammelten, bereit zur Abreise an den Gestellungsort. Mit Koffern oder Pappkartons zogen sie jeden Morgen in den beiden ersten Augustwochen ab, zuerst die Reservisten, dann die Landwehr- und Landsturmmänner. Die gewaltige Opferbereitschaft des deutschen Volkes packte vor allem die Jugend, die schon seit Wochen unmutig dem schleppenden Gang der diplomatischen Verhandlungen zugesehen und sehnsüchtig den Tag herbeigewünscht hatte, an dem endlich die kriegerische Abrechnung mit unseren Gegnern dem Reich wieder Luft verschaffen sollte. Nun drängten sich in hellen Scharen die jungen Menschen zum freiwilligen Eintritt ins Heer. Leider ist es nicht mehr möglich, die Zahl der Männer und Jünglinge Pinnebergs festzustellen, die gleich in den ersten Kriegswochen zu den Fahnen eilten. Bis zum 15. Oktober 1914 waren etwa 400 Pinneberger einberufen, unter ihnen 265 Familienväter.“ Unerlässlich für den Truppentransport an die Fronten war die Eisenbahn: „Erst als die Hauptmasse der Wehrpflichtigen abgezogen war, begann in größerem Umfange der Abtransport der schleswig-holsteinischen Truppen. Nun rollten Tag und Nacht in kurzen Abständen die Transportzüge durch unsere Stadt und lockten bis in die späten Abendstunden viele Menschen in die Nähe der Übergänge am Rübekamp, am Peiner Weg, nach dem Bahnhof und an den Rand des Fahlts. Besonders standhaft im Warten und Hurrarufen war unsere Schuljugend.“ Die militärische Bedeutung der Eisenbahn zeigte sich auch darin, dass „  .  .  . das Generalkommando Altona bereits am 31.    Juli die Aufstellung eines besonderen Bahnschutzes durch Zivilpersonen gefordert hatte. Es stellten sich dafür in den ersten Tagen Mitglieder des Pinneberger Kriegervereins und des Schützenvereins zur Verfügung. Im ganzen Monat August beteiligten sich 228 Pinneberger Bürger freiwillig am Bahnschutz und stellten 575 Wachen zu je sechs Stunden. Die Posten trugen Gewehr und Armbinde.“ Klaus Bassen beschreibt zudem weitere Kriegsauswirkungen auf den Alltag der Pinneberger in seinem lesenswerten Manuskript von 1935, das im neuen Buch der VHS-Geschichtswerkstatt ungekürzt zu lesen ist.


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