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Pinneberger Tageblatt

10. Dezember 2016 | 17:44 Uhr

Das Sonntagsgespräch : „Vielen fällt es schwer, auch einmal ‚Nein‘ zu sagen“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute mit Silke Lechterbeck vom Frauenhaus Pinneberg.

Pinneberg | Silke Lechterbeck ist Mitarbeiterin des Frauenhauses Pinneberg. Im Sonntagsgespräch erklärt sie unter anderem, warum die Einrichtung für Frauen mehr als nur ein Zufluchtsort ist.

Silke Lechterbeck (49) arbeitet seit 13 Jahren im Frauenhaus Pinneberg. Die Diplom-Sozialpädagogin hat eine Tochter.

Wie sieht die Arbeit des Frauenhauses aus?
Die Aufgaben sind vielfältig. Im Haus muss natürlich alles funktionieren. Im Mittelpunkt steht aber die Arbeit mit den Frauen und deren Kindern, die bei uns Zuflucht suchen. Erst einmal wirken wir auf die Frauen beruhigend ein und stellen ihnen das Haus vor. Danach geht es darum, die wichtigsten Angelegenheiten zu regeln. Neue Konten eröffnen, Rechtsanwälte hinzuziehen – es fällt immer einiges an. Außerdem erfolgt eine Gefährdungsanalyse. Wir prüfen, ob es aus Sicherheitsgründen sinnvoller ist, ein anderes Frauenhaus aufzusuchen, weil sonst eventuell Lebensgefahr besteht. Die Frauen sollen ja zumindest mal einkaufen können, ohne Angst haben zu müssen.

Was ist Ihnen besonders wichtig?
Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe. Die Frauen sollen möglichst viel selbst machen. So merken sie, dass sie ihr Leben alleine meistern können. Deshalb übernehmen die Frauen beispielsweise auch Telefondienste, wenn von uns drei Mitarbeiterinnen mal keine vor Ort ist. Dadurch stellen die häufig verunsicherten Frauen fest, dass sie in der Lage sind, anderen zu helfen. Das stärkt das Selbstbewusstsein. Wir bringen ihnen außerdem bei, auch mal „Nein“ zu sagen. Das fällt vielen anfangs schwer.

Wie viele Bewohnerinnen kommen pro Jahr ins Frauenhaus?
Zwischen 80 und 100 Personen. Etwa die Hälfte davon sind Kinder. Die Zeit, die sie bei uns verbringen, ist ganz unterschiedlich. Manche bleiben nur wenige Tage und ziehen schnell in eine eigene Wohnung. Andere bleiben mehrere Monate. Insgesamt haben wir 15 Plätze und halten Ein- bis Vier-Bett-Zimmer vor. So können Mütter zusammen mit ihren Kindern in einem Raum wohnen. Grundsätzlich ist es empfehlenswert, dass die Frauen bei uns erst einmal innehalten und sich neu orientieren.

Was fehlt dem Frauenhaus?
Der Wohnungsmarkt ist leer gefegt. Deshalb ist es ist ganz schwer, eigene Wohnungen für die Frauen zu finden, die zu uns gekommen sind. Daher appellieren wir auch immer an Vermieter, den häufig traumatisierten Frauen eine Chance zu geben. Viele Wohnungseigentümer haben offenbar völlig unbegründete Vorbehalte. Es ist schade, dass der Neuanfang so erschwert wird.

Wie kann man das Frauenhaus unterstützen?
Das Frauenhaus hat seit 2015 einen Förderverein. Wer dort Mitglied wird, hilft uns durch seine Beiträge schon enorm weiter. Grundsätzlich ist die Finanzierung der Frauenhäuser sichergestellt. Allerdings ist alles so knapp kalkuliert, dass uns beispielsweise eine kaputte Waschmaschine schon vor Probleme stellt. Gelder können wir auch brauchen, um den Frauen individuelle Hilfen zu geben. Zum Beispiel, wenn neue Papiere bezahlt werden müssen, weil die alten nicht mehr aus der Wohnung mitgenommen werden konnten. Schön wäre zudem, wenn wir mehr Mittel hätten, um den Kindern etwas Gutes zu tun.

Was raten Sie Frauen, die physisch oder psychisch schikaniert werden?
In aller Regel handelt es sich um einen schleichenden Prozess. Anfangs sind es meistens verbale Erniedrigungen oder ständige Kontrollen. Zudem wird häufig versucht, die Frau von Freunden und Verwandten zu isolieren. Wenn so etwas festgestellt wird, sollte man sich jemandem anvertrauen oder eine Beratungsstelle aufsuchen. Ein Problem ist, dass viele Frauen Angst vor einem Neustart haben – vor allem, wenn Kinder im Spiel sind.

Gibt es Schicksale, die Sie besonders bewegt haben?
Mich bewegt, wenn Frauen den Mut haben, etwas an ihrer Situation zu ändern und ihren eigenen Weg gehen. Wenn zum Beispiel eine Mutter mit fünf Kindern einen Neuanfang schafft, finde ich das klasse. Solche Beispiele zeigen mir, dass sich unsere Arbeit lohnt. Leider gibt es nicht immer ein Happy End. In Deutschland stirbt alle 60 Stunden eine Frau durch eine Beziehungstat.

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erstellt am 31.Jul.2016 | 15:00 Uhr

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