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Pinneberger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 21:33 Uhr

„Wir werden hier abgewickelt“ : Verzweifelte Senioren und bittere Tränen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Helga Brauer und Siegfried Syskowski vom Heimbeirat berichten von verzweifelten Senioren und bitteren Tränen.

Kummerfeld | Von Helga Brauer wollen sie derzeit alle was – Kreisseniorenbeirat, Sozialverband, Kummerfelder Kommunalpolitiker oder auch Vertreter der SPD im Kreis Pinneberg. Und deshalb klingelt ihr Telefon wieder und wieder. Termine mit der Beiratsvorsitzenden des Kummerfelder Pflegezentrums sind begehrt, und die 89-Jährige könnte diesen Umstand durchaus genießen, wäre der Anlass ein anderer. Aber alle wollen über die drohende Schließung des Hauses reden – was die Nachricht mit den Bewohnern gemacht hat, wie es jetzt weitergehend könnte. Helga Brauer spielt mit, obwohl es sie viel Kraft kostet, obwohl sie wieder einen Terminkalender führen und eine Aktenmappe anlegen muss.

Die Verträge  der Heimbewohner werden zum 31. März 2017 gekündigt. Bis dahin müssen sie eine neue Bleibe gefunden haben, denn zum 1. April wird der Betrieb in der Einrichtung an der Bundesstraße in Kummerfeld eingestellt.  „Wir helfen bei der Vermittlung und unterstützen  sowohl finanziell als auch logistisch, wenn es gewünscht wird“, sagte der Sprecher der Regio Kliniken, Sebastian Kimstädt, gestern. Dazu stehe das Unternehmen in Kontakt mit vielen Seniorenheimen in der Region. Erst  danach beginnen nach offiziellen Angaben die Gespräche über das Grundstück und die Immobilien. „Im Moment konzentrieren wir uns darauf, für die Bewohner einen möglichst schonenden Übergang  zu schaffen“, so Kimstädt. Zeitgleich haben die Gespräche über die Zukunft des zweiten Seniorenheims der Regio Kliniken, das Haus Elbmarsch in Elmshorn, begonnen. Hier sollen die Chancen auf einen Erhalt allerdings besser stehen.

Die Beiratsvorsitzende macht mit, weil sie hofft, dass die in der vergangenen Woche verkündete Schließung vielleicht doch noch abzuwenden ist, wenn nur der öffentliche Druck groß genug ist. Aber ihr Optimismus schwindet, der Stein im Magen wird schwerer. „Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen, nachdem uns mitgeteilt worden ist, dass wir demnächst die Kündigung bekommen“, sagt sie. Seitdem hat sie Angst – Zukunftsangst. Und jede Menge Fragen, auf die ihr niemand eine Antwort geben will. „Ich wohne seit Weihnachten 2014 hier, und als ich eingezogen bin, müssen die doch schon gewusst haben, dass etwas schief läuft.“

Warum man ihr dann noch einen Platz angeboten habe, warum sich kein Käufer für das Haus finden lasse, und ob denn überhaupt intensiv genug gesucht wurde? Und sie will wissen, warum es nicht reiche, ein Seniorenheim kostendeckend zu führen, warum es unbedingt profitabel sein müsse? Als sie die schriftliche Einladung zur Versammlung aller Heimbewohner bekam, da habe sie schon geahnt, um welches Thema es gehe. „Es wurde gemunkelt, dass das Haus geschlossen werden soll, aber wir haben darauf gebaut, eine andere Antwort zu bekommen“, sagt Helga Brauer.

Jetzt ist die Schließung beschlossen, der Zeitrahmen verkündet. „Wir werden einfach abgewickelt, sagt Helga Brauer. Die Reaktion der Heimbewohner habe denn auch von völliger Apathie bis hin zu Tränen gereicht. Und die weint auch Siegfried Syskowski, wenn das Thema angesprochen wird. Der 77-Jährige ist an den Rollstuhl gefesselt und fühlt sich im Augenblick hilflos wie lange nicht mehr. „Ich komme mit der Situation nicht klar“, räumt er ein, um im gleichen Augenblick die Fassung zu verlieren.

Der Eingang zum Pflegezentrum Kummerfeld liegt direkt an der Bundesstraße.
Der Eingang zum Pflegezentrum Kummerfeld liegt direkt an der Bundesstraße. Foto: Kleist
 

Und dann erzählt Siegfried Syskowski von dem Mann, der in den vergangenen Jahren erblindet ist und froh war, sich im Pflegezentrum so gut auszukennen. „Der ist völlig verzweifelt und hat Angst“, sagt Syskowski. Das gilt auch für die 96 Jahre alte Dame, die ihm die Frage gestellt habe, was denn nun aus ihr werden solle? Eine Antwort haben weder er noch Helga Brauer. Allerdings sind Gespräche über die Zukunft des Hauses und seiner Bewohner ohnehin eher die Ausnahme. „Hier herrscht vor allem betretenes Schweigen“, sagt Helga Brauer, für die das Pflegezentrum zum Zuhause geworden ist. Trotz eindeutiger Zeichen des Verfalls hier und da. „Die Gebäude sind eben alt wie wir. Das passt doch“, sagt sie zaghaft lächelnd.

Die 89-Jährige hat inzwischen auf die angekündigte Schließung schon reagiert und sich bei mehreren Seniorenheimen im Kreis Pinneberg auf die Warteliste setzen lassen. „Und seitdem frage ich mich, wie viele Menschen sterben sollen, damit alle 100 Bewohner des Pflegezentrums einen neuen Heimplatz bekommen können“, sagt Helga Brauer, bevor sie erneut ans Telefon geht.

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erstellt am 12.Okt.2016 | 10:00 Uhr

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