zur Navigation springen

Pinneberger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 17:27 Uhr

Die Barrieren des Alltags aufheben : Veranstaltungsreihe zum Umgang mit Demenz

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Verschiedene Ansätze sollen Menschen helfen, deren Gedächtnis langsam nachlässt.

Appen | In Deutschland sind laut Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. knapp 1,6 Millionen Menschen von Demenz betroffen. Darunter versteht man in der Medizin einen andauernden oder fortschreitenden Zustand, bei dem die Fähigkeiten des Gedächtnisses, des Denkens sowie andere Leistungsbereiche des Gehirns beinträchtigt sind, erläutert der Verein. Für Betroffene und ihre Angehörigen ist diese Diagnose oftmals schwer zu handhaben. Wie genau mit dieser Form des langsamen Vergessens umgegangen werden soll, ist meist nur schwer zu greifen. Daher stand die dritte „Barrierefreiheitskonferenz“ der Stiftung Hamburger Arbeiter-Kolonie – in Kooperation mit dem Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein und der Initiative „Konfetti im Kopf“ – ganz im Zeichen des Umgangs mit Demenz.

Der Themenschwerpunkt der Konferenz lag auf Natur und Umweltbildung für Menschen mit Demenz. Die Veranstalter luden mehrere Referenten in den Appener Schäferhof ein, um sich über verschiedene Möglichkeiten auszutauschen, wie man mit Demenz umgehen kann. Man habe mit diesem Thema den Zahn der Zeit getroffen, betonte Ingrid Kandt vom Kirchenkreis und bedankte sich in der Eröffnungsrede bei den 70 Teilnehmer, die größtenteils aus der Pflege und Demenzbetreuung stammten, für das „hohe Interesse“.

Auch der geschäftsführende Vorsitzende der Stiftung Hamburger Arbeiter-Kolonie, Rainer Adomat, betonte in seiner Rede die Wichtigkeit des Projektes: „Es geht um Umweltbildung mit sozialem Anteil – um Inklusion also. Und den damit verbundenen Abbau von Barrieren.“

Als Redner waren die bayrische Gerontotherapeutin Rosemarie Bleil, der Pflegedienstleiter des Stadtdomizils, Holger Carstensen, und der Mitveranstalter und Pinneberger Fotograf Michael Hagedorn eingeladen. Ein gemeinsames Thema lag allen am Herzen: das Anknüpfen an die Biografien der Menschen. Durch das Anbinden an die frühere Lebens- und Arbeitswelt werde das Körpergedächtnis wachgerufen, so die Aussage der Experten. Ferner müsse auch das Thema Demenz mehr in den gesellschaftlichen Mittelpunkt gerückt werden, betonten sie.

Was neben dem Austausch von Anreizen und Ideen auch auf der Agenda stand, wurde besonders zum Ende der Veranstaltung deutlich: die Netzwerkarbeit. Teilnehmer traten untereinander oder mit den Referenten in den Dialog, Kontaktdaten wurden ausgetauscht. „Wir hoffen, mit dieser Veranstaltung einen Grundstein für neue Projekte gelegt zu haben“, betonten die Veranstalter der Konferenz auf dem Schäferhof. 

„Demenz geht nicht weg, wird aber leichter“

Auf der „Barrierefreiheitskonferenz“ machte die  bayrische Gerontotherapeutin Rosemarie Bleil den Auftakt:  Sie sprach in ihrem Vortrag „Naturerleben und Demenz – wie Ressourcen aktiviert werden können“ über die Bedeutung der Natur für den erfolgreichen Umgang mit dem Vergessen.

„Es geht darum, das Leibesgedächtnis anzusprechen. Die Natur soll mit allen Sinnen angesprochen werden“, sagte die ehemalige Pflegekraft. Darüber hinaus betonte sie: „Wenn ich sehe, was in so manchen Heimen abgeht; das kann nicht angehen“. Bleil selbst habe während ihrer Tätigkeit als Pflegerin die „kleine Revoluzzerin“ gespielt. So wollte sie das Leben der Menschen in Heimen wieder lebenswert machen. „Warum müssen Ältere immer um sechs Uhr ins Bett? Ich habe mit den Senioren Silvester bis vier Uhr gefeiert – weil sie das so wollten“, berichtete sie aus ihrer Vergangenheit.

Daher rief sie die Zuhörer auf, so zu pflegen, wie man selbst gern gepflegt werden würde. Zusätzlich empfahl sie, mindestens einmal am Tag mit den Senioren rauszugehen und die Natur in Ruhe zu genießen. Dadurch gehe die Demenz nicht weg, sie werde aber leichter, schreite nicht so weit fort.

Essen und Schrebergarten unterstützen Normalität im Alltag

Während der Konferenz  betonte Holger Carstensen, Pflegedienstleiter des Stadtdomizils Hamburg-Altona, die Bedeutung von der Natur für Menschen mit Demenz. Schon lange biete sein Haus Ausflüge an, um eine Abwechslung in den Alltag zu bringen. Denn: „Die meisten Tage im Heim sind einfach zum Wegrennen“, sagte der Pflegedienstleiter scherzhaft. Daher habe man sich Gedanken über ein Kontrastprogramm zur städtischen Umgebung gemacht.

 „Schnell ist uns klar geworden: Die Natur fehlt“, berichtete er. Die Idee: Das Mieten einer Parzelle im nahe gelegenen Schrebergarten-Vereinen. Dies sei als Institution gar nicht so einfach gewesen. „Unsere Chefin musste als private Mieterin für den Garten herhalten. Als wir angekündigt haben, dass wir täglich Besuch von älteren Herrschaften bekommen würden, war der Verein von unserer Idee sehr angetan“, beschrieb er die bürokratischen Hürden. „Diese Normalität im Schrebergarten wirkt Wunder“, fasste Carstensen den Erfolg zusammen. Mit diesem Projekt stehe das Stadtdomizil beinahe allein in Deutschland da. Lediglich ein Heim in Essen betreue ein ähnliches Projekt, sagte er.

Neben dem Erleben von Natur stand auch das Thema Essen auf der Tagesordnung der Konferenz: So spielt laut Therapeutin Rosemarie Bleil der Anbau und Verzehr von eigenem Gemüse und Obst eine wichtige Rolle. „Durch die Aktivität im Garten wird das Selbstwertgefühl gehoben“, betonte sie. Darüber hinaus stellte Bleil fest, dass die Esskultur in vielen Heimen nicht optimal ist. „Mit gesundem Essen kann viel bewegt werden und Demenz besser behandelt werden – auch ohne erhöhte Medikamentendosierungen“, lautete ihr Plädoyer.

„Konfetti im Kopf“ und Traktoren restaurieren

Das Finale der  Veranstaltung zum Thema  Demenz bildeten zwei Vorträge: Mitveranstalter Fotograf Michael Hagedorn stellte seine Werke vor, um zu zeigen, welche fotografischen Möglichkeiten im Umgang mit dem Vergessen möglich sind. Darüber hinaus  präsentierte er seine Initiative  „Konfetti im Kopf“.

Einer der Schwerpunkte des Vortrags war die Bildreihe eines dementen Hannoveraners. „Ich habe ihn 2007 kennengelernt und bis zu seinem Tod sechs Jahre lang mit der Kamera begleitet“, berichtete Hagedorn. Dabei sei eine tiefe Freundschaft entstanden. Die dabei entstandenen Fotos wurden  ausgestellt. „Bei meinen Arbeiten habe ich viel Emotionalität und Unkonventionalität erlebt. Es berührt mich in der Seele“, fasste Hagedorn seine Leidenschaft zusammen.

Auch in sein Projekt „Konfetti im Kopf“ steckt Hagedorn viel Herzblut: Ziel dieser Initiative sei es, Demenz in den Alltag zu bringen. „Wir wollen keine Stigmatisierung schaffen“, erläuterte er. Dies gelinge durch Projekte wie die Parade für und von Menschen mit Demenz. Der Pinneberger zeigte in Appen ein Video von der vergangenen Parade in Hamburg. In bunten Kostümen, mit vielen Luftballons, Musik und Konfetti wurden die Hanseaten auf Demenz hingewiesen – schließlich betreffe das Thema jeden, direkt oder indirekt.

Für den Abschlussbeitrag der Konferenz stand erneut Rosemarie Bleil am Rednerpult. Sie sprach über ein Projekt, dass sie selbst in jüngster Vergangenheit organisiert hatte. „Ich habe gemeinsam mit Männern, die von Demenz betroffen sind, einen alten Hanomag-Trecker wieder in Schuss gebracht“, berichtete sie und untermalte das Projekt mit einem Film, bei  dem zu sehen war, wie Männer an dem alten Traktor schraubten – bis er am Ende wieder läuft und im Heim  der Senioren ausgestellt wird. 

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 11.Aug.2016 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen