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Pinneberger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 07:15 Uhr

Interview zum 80. Geburtstag : Uwe Seeler: „Ich fühle mich überhaupt nicht als Held“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der HSV mache immer die gleichen Fehler, sagt Uwe Seeler. Auf der Tribüne zu sitzen, sei manchmal schwer.

Hamburg | Uwe Seeler empfängt in seinem Lieblingslokal „La Veranda“ in Norderstedt, wo er am 5. November seinen 80. Geburtstag feiern wird. Die Wände sind voll mit Fußballfotos aus besseren Tagen. Wirt Paco bringt Kaffee, und Uns Uwe beginnt zu erzählen von einem erfolgreichen Kickerleben.

Herr Seeler, kurz vor Ihrem 80. Geburtstag: Wie viel Autogramm-Post bekommen sie noch?
Überraschend viel. Wenn man es 50, 60 Jahre macht, freut man sich aber immer noch. Zwischendurch hatte ich mal die Lust verloren. Da hat meine Tochter gesagt: Wenn die Leute nach so vielen Jahren immer noch an dich denken, ist es doch schön. Da habe ich wieder Lust bekommen. Ich unterschreibe auch alles selber.

Sie sagten jüngst, Sie seien immer eine Gewinnertype gewesen. Warum tun Sie sich das als fast 80-Jähriger noch an, regelmäßig Ihren HSV zu sehen?
Das würde ich auch machen, sollten sie tatsächlich mal in die Zweite Liga absteigen. Ich habe von dem, was da in den letzten Jahren passiert ist, aber einiges nicht verstanden. Es ist schon anstrengend, oben in der Loge zu sitzen und zusehen zu müssen, dass nichts passiert. Letzte Saison haben schon einige Freunde gesagt: Uwe, guck mal in den Spiegel, wie du aussiehst! Innerlich muss ich wohl doch sehr mitgenommen sein, auch wenn ich nach außen locker bleibe.

Woran liegt es denn, dass Ihr HSV, grob gesagt, seit 30 Jahren kaum mehr was auf die Reihe bekommt?
Wenn man die letzten fünf Jahre betrachtet, muss man feststellen, dass immer die gleichen Fehler gemacht werden. Auch Vereinschef Dietmar Beiersdorfer hat es schwer, er müsste mal auf den Tisch hauen, der Typ ist er aber nicht. Dass er auch noch das Doppelamt mit dem Sportdirektor hat, ist zu viel. Er hat bei Transfers nicht immer eine glückliche Hand bewiesen. Es ist ein altes Gesetz: Eine Mannschaft besteht immer aus einer guten Mischung. Die haben wir nicht. Der HSV hat zwar in den vergangenen Jahren an Ansehen verloren, ich werde aber immer HSVer bleiben.

Was hat sich im Vergleich zu früher geändert?
Wir haben auch mal verloren, haben aber zumindest immer alles bis zum Schluss gegeben. Das vermisse ich bei den Profis heute, wir waren ja noch Amateure. Mein ehemaliger Mitspieler Jochen Meinke, Kapitän der HSV-Meistermannschaft von 1960, sagt, unsere Zeit sei so schön gewesen, weil wir von der Jugend an zusammengespielt haben. Wir wollten alle gewinnen, die Einstellung stimmte. Wenn es ganz schlecht lief, hatten wir montags Mannschaftsabend ohne Trainer und dann haben wir uns ausgesprochen.

Charakterisiert es Sie vielleicht am meisten, dass Inter Mailand Ihnen 1961 eine Millionensumme für einen Wechsel zahlen wollte, Sie aber stattdessen dem HSV lebenslange Treue schworen?
Vielleicht liegt es an meiner Herkunft. Mein Vater hat im Hafen als Schauermann gearbeitet. Er hat mich und meinen Bruder Dieter zur Seite genommen und gesagt: Denkt immer dran, Geld ist nicht alles! Ich habe mich seinerzeit nicht gegen die Millionen, sondern für meinen Beruf entschieden. Ich war ja dann Handelsvertreter bei Adidas und gut abgesichert. Schön ist, wenn man heute noch sagen kann: Was du gemacht hast, war richtig.

Heute wechselt ein Paul Pogba für 95 Millionen Euro zu Manchester United...
Dazu kommt noch sein üppiges Gehalt. Bei Bayern verdienen sie ja fast alle zwischen fünf und zehn Millionen Euro im Jahr und mehr. Das ist auch okay, das muss man solchen Spielern dann auch zahlen. Die Frage ist nur, ob das Preis-Leistungsverhältnis stimmt.

Fußball war, ist und bleibt sein Leben: Uwe Seeler in seinem Norderstedter Stammlokal.
Fußball war, ist und bleibt sein Leben: Uwe Seeler in seinem Norderstedter Stammlokal. Foto: Lorenz
 

Wäre für einen Uwe Seeler heute noch Platz?
Ich glaube schon, dass ich mit meiner Einstellung gut durchkommen würde. Es gibt ja auch gute Beispiele von Mannschaften, bei denen noch viel gerannt wird. Ich denke da an RB Leipzig. Alle schimpfen auf die, sie haben aber eine gute Einstellung.

Was sind die prägendsten Erinnerungen Ihrer Spielerkarriere?
Jede Weltmeisterschaft ist natürlich ein Erlebnis. Ich bin mit 17 Jahren ja schon in die Nationalmannschaft gekommen. In die Ligamannschaft des HSV sollte ich mit 16, da hat mein Vater zunächst ein Veto eingelegt, was richtig war. Dann kamen Hamburger und Norddeutsche Auswahl und in der logischen Konsequenz die Nationalelf. Ich war dreimal Fußballer des Jahres in Deutschland. Das hat mich gefreut. Mein Antrieb war aber immer: Fußballspielen, gewinnen wollen und Ehrgeiz.

War das verlorene WM-Finale von Wembley 1966 Ihre größte Niederlage?
Wir wissen bei dem Tor zum 3:2 für die Engländer ja immer noch nicht, warum es der Schiedsrichter gegeben hat. Zunächst hat er auf Eckball gezeigt. Was den Schiri, den ich eigentlich für einen guten hielt, da geritten hat, weiß ich nicht. Beim vierten Tor waren Zuschauer auf dem Platz, das hätte er auch abpfeifen müssen. Vielleicht lag es ja daran, dass die Königin im Stadion war. Wir haben es dann aber schnell abgehakt. Das Leben geht weiter, auch wenn ich natürlich gerne Weltmeister geworden wäre.

Biografisches

Uwe Seeler wurde 1936 als Sohn des Hafenarbeiters und populären Fußballspielers Erwin Seeler in Hamburg geboren. Mit 16 Jahren debütierte er in der ersten Mannschaft des Hamburger SV, mit 17 machte er sein erstes Länderspiel. 1960 errang Uwe Seeler mit dem HSV die deutsche Meisterschaft, erzielte im Finale gegen den 1. FC Köln (3:2) zwei Tore. Als Kapitän der Nationalmannschaft wurde der Mittelstürmer 1966 Vize-Weltmeister in England und WM-Dritter 1970 in Mexiko. Seit 1972 ist er Ehrenspielführer des DFB, 2003 ernannte ihn seine Heimatstadt zum Ehrenbürger. Uwe Seeler lebt in Norderstedt in Schleswig-Holstein. Seit 1959 ist er mit Ilka verheiratet; das Paar hat drei Töchter und sieben Enkelkinder.

 

1965 haben Sie sich bei einem Bundesligaspiel schwer verletzt, die Karriere hing am seidenen Faden, doch ein halbes Jahr später haben Sie in der WM-Qualifikation Deutschland die Fahrkarte nach England gesichert...
Ich hatte einen Achillessehnendurchriss. Normalerweise bedeutete das damals das Karriereende. Ich wurde aber nach neuen Methoden operiert. Da war ich froh, dass ich noch den anderen Job hatte und abgesichert war. Das Siegtor gegen Schweden war für mich persönlich wichtig, weil ich gemerkt habe, dass es weitergeht.

Wie sehr trennen Sie als Familienmensch das Private vom Spektakel Fußball?
Ich glaube, dass ich immer normal durchs Leben gegangen bin. Wenn mich jemand anspricht, antworte ich anständig. Ich bin ein stinknormaler Menschen, das möchte ich auch bleiben. Wenn ich verrückt gespielt hätte, hätte mir Old Erwin die Ohren lang gezogen. Mein Vater hat manchmal drei Schichten im Hafen geschoben, mein Bruder und ich hatten großen Respekt vor ihm.

Ihr Enkel Levin Öztunali ist Bundesligaprofi bei Mainz 05. Was haben Sie ihm mit auf den Weg gegeben?
Es bringt nichts, die jungen Profis mit Tipps verrückt zu machen. Wenn er eine Frage hat, kann er aber kommen. Ich sage ihm höchstens, dass er zu mannschaftsdienlich ist, manchmal muss man auch Egoist sein.

Sie sind ein Arbeiterjunge, die Welt haben Sie aber erst durch den Fußball entdeckt...
Ich bin durch den Sport durch die Welt gereist. Meine Eltern hätten mir das nicht bieten können, allein weil das Geld gefehlt hat. Nach dem Krieg war es gar nicht so einfach, in anderen Ländern gut anzukommen als Deutscher. Wir mussten zeigen, dass wir nicht so waren, wie es viele annahmen. 1966 haben die Engländer uns dann gefeiert, weil wir uns so einwandfrei verhalten haben – trotz des Wembley-Tores. Politisch war das ein Riesenerfolg.

Dieses berühmte Foto von Ihnen, wo Sie gesenkten Hauptes vom Platz gehen, die Kapelle neben sich, ist das nun nach dem Spiel oder in der Halbzeit?
Nach dem Schlusspfiff. Die Kapelle ist noch mal auf den Platz gekommen, weil die Königin da war. Wer mich fragt, was ich da denke, dem kann ich nur antworten: schon an die nächste WM.

Welche Rolle spielt für Sie Hamburg?
Hamburg ist eine wunderschöne Stadt, mit allen Facetten. Es wäre mir und meiner Frau schwer gefallen, wegzugehen. Es ist eine Weltstadt, die noch eine gewisse Gemütlichkeit hat. Ich wollte aber immer ein bisschen am Rande wohnen, weil ich dort meine Ruhe habe.

Sie sind ein Hamburger Idol, aber auch im Rest des Landes bekannt und gelten als Held. Wie nimmt man das war?
Ich fühle mich überhaupt nicht als Held. Vielleicht wird man das mit dem Alter. Ich werde ja jetzt 80. Immer dran denken: Die Acht hat stets gelacht! Ich erlebe es natürlich, dass ich überall gern gesehen und angesprochen werde. Ich gebe immer gerne Auskunft, auch wenn es anstrengend ist, weil es so viele sind.

Und wo feiern Sie Ihren Ehrentag?
Ich feiere mit der Familie gemütlich im Restaurant. Wir sind 40 Leute. Ansonsten möchte ich, dass der Deutsche Fußball-Bund und der HSV etwas für meine Stiftung geben. Wir helfen Menschen in Not.

Uwe Seeler persönlich...
Mein wichtigstes Tor war... 1965 in Schweden das 2:1-Siegtor in der WM-Qualifikation. Das war sieben Monate nach meinem Achillessehnenriss.

Mein härtester Gegenspieler war... unter anderem Pico Schütz von Werder Bremen und Luggi Müller vom 1. FC Nürnberg.

Der beste Fußballer aller Zeiten ist... da gibt es mehrere. Pelé war vielleicht der vollkommenste.

Am modernen Fußball ärgert mich... das Markieren und Hinschmeißen der Spieler.  

Frauenfußball finde ich... mittlerweile sehr gut. Ich guck mir gern Frauenspiele an.

Am Ende dieser Saison belegt der HSV Platz... ich möchte nur einen sicheren Platz, damit nichts passiert.

Um erfolgreich zu sein, braucht man vor allem... Ehrgeiz und die richtige Einstellung.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist ... ich bin gern an der Elbe zum Essen mit meiner Frau, aber auch an der Alster.

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erstellt am 29.Okt.2016 | 10:00 Uhr

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