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Pinneberger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 07:44 Uhr

Ein Selbstversuch : Unterwegs mit Wilfried: Mit dem Rennrad 57 Kilometer durch den Kreis Pinneberg

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Streit zwischen Rennrad- und Autofahrern sorgte für Aufregung. Wir haben uns selbst auf den Sattel geschwungen und fast 60 Kilometer in die Rennradpedale getreten. Den Beweis gibts im Video.

Wedel | Mir steht ein jung gebliebener 63-Jähriger gegenüber. Er hat dunkelgraue Haare, einen dunkelgrauen Schnäuzer und trägt ein blau-weißes Rennradoutfit. Wir befinden uns in Wilfried Weitz Garten in Hamburg-Rissen. Zwei Rennräder lehnen an einer Holzbank. Eines davon ist für mich. Herr Weitz ist längst abfahrbereit. Und erteilt mir sofort die erste Lektion: „Ich bin Wilfried, damit das klar ist.“ Ob 15-Jähriger oder fünfzig Jahre älter: „Wenn du mit dem Rad unterwegs bist, hast du keine Zeit dich zu siezen“, sagt er. „Alles klar, ich bin Kira.“ Und mir beim Anblick der Rennräder nicht mehr ganz so sicher, was ich hier gerade tue.

Rennrad- und Autofahrer zoffen sich um die Straßenhoheit im Kreis Pinneberg. Doch wie ist es eigentlich, als Rennradfahrer unterwegs zu sein? shz.de wollte es selbst erleben und so schwang sich Reporterin Kira Oster auf einen Sattel. Mit Wilfried Weitz, Präsident des Radsportverbandes Schleswig-Holstein, und Kamera am Lenker war sie in der Region unterwegs.

Wie bin ich hier nochmal reingeraten? Herr Weitz... äh Wilfried hat mich eingeladen Rennrad zu fahren. Er, Vorsitzender der Radgemeinschaft Wedel (RG Wedel), hat kurz nach meinem Bericht über Rennrad- und Autofahrer im Kreis Pinneberg in der Redaktion angerufen. Wilfried wollte, dass ich die Straßen Pinnebergs mit dem Rennrad kennenlerne. Ich habe ohne zu Zögern zugesagt.

Jetzt stellt mir Wilfried mein Rad vor. Wir prüfen, ob es für meine Körpergröße passt. Tut es. Wir montieren meine Kamera am Lenker, ich bin ja nicht zum Spaß hier, sondern im Dienst. Wilfried erklärt mir, wie ich schalte und bremse und demonstriert ein paar Handzeichen zur Verständigung auf dem Rad. Die beherrscht er im Schlaf. Wilfried fährt seit 1996 Rennrad. „Damals hatte ich noch 25 Kilo mehr drauf“, sagt er und fasst sich lachend an den Bauch. Die RG Wedel ist mit etwa 150 Mitgliedern der viertgrößte Rennradverein in Schleswig-Holstein. Auch deswegen ist Wilfried der Präsident des Radsportverbands Schleswig-Holstein.

Hat gut lachen, fährt ja auch schon seit 1996 Rennrad: Wilfried Weitz.
Hat gut lachen, fährt ja auch schon seit 1996 Rennrad: Wilfried Weitz. Foto: Oster
Mit am Po gepolsterter Hose und Helm auf dem Kopf stehe ich vor Wilfried. Ist doch ’ne andere Nummer, als mit dem Stadtrad durch Hamburg zu radeln, denke ich. Für einen kurzen Moment bereue ich meinen Wagemut. Mehr Zeit zum Zögern bleibt nicht. Während der Himmel über uns immer dunkler wird, fahren wir langsam vom Hof ins Wedeler Industriegebiet. Die ersten Meter fahren sich ganz schön wacklig.

Wir üben Kurven. Als erstes drehen wir ein paar Runden in einem leeren Kreisel. Dann fahren wir Achten. „Schön in die Seite legen“, ruft Wilfried mir zu. „Und bloß nicht in der Kurve aufhören in die Pedale zu treten, Kira“, ermahnt er mich. Ahja. Ich versuchs. Klappt nicht bei jedem Mal. Meine Hände haben sich seit unserem Start nicht vom Lenker entfernt. Ich klammere.

Wir fahren eine Straße rauf und runter. „Na schau, jetzt kommt auch die Geschwindigkeit. 28,5 haben wir schon auf’m Tacho“, ermutigt mich Wilfried. Ich kann nur ein „Mhhm“, von mir geben, ganz geheuer ist mir das noch nicht. Der Himmel hat sich noch weiter zugezogen. Erste Tropfen fallen. Dann Platzregen. Wir suchen Schutz unter einem Baum. Wilfried erklärt mir alles zum Thema Carbon- und Titanrad. Hat er beides. Hat aber auch beides seine Vor- und Nachteile. Während Wilfried redet, rinnt mir der Regen durch die Löcher meines Helms, ich habe kleine Pfützen in den Schuhen, kurz: Ich bin klatschnass. Auf der Straße vor uns steht das Wasser. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen Rennrad-„Rookie“ wie mich. „Machen wir das jetzt wirklich, Wilfried?!“ – „Na klar.“

Also machen wir uns auf den Weg zum Marktplatz in Wedel, Treffpunkt der Fahrer der RG Wedel. Es nieselt noch immer und deswegen warten dort heute nur Vier. Sonst sind es bis zu 15. Es geht los. Ganz schön anstrengend dran zu bleiben. Die Herren fahren vor mir. Ich blicke auf Waden aus Stahl. Es regnet immer noch. Die Fahrer vor mir spiegeln sich im nassen Asphalt.

Zähne zusammenbeißen, denke ich. Mit jedem Kilometer fahre ich sicherer. Doch ein Schotterweg und ein schmaler Pfad bringen mich fast aus der Spur. Einmal hupt ein Auto beim Überholen. Nicht gerade hilfreich, um konzentriert zu bleiben, denke ich. Bin doch eh die Schwächere. Die Radwege sind tatsächlich selbstmörderisch, Wurzeln ragen heraus, Schlaglöcher klaffen auf dem Asphalt.

Mir brennen die Waden

Wir fahren jetzt nicht mehr mit der Gruppe. Die will schließlich richtig trainieren, ein Padawan wie ich hält da eher auf. Bis zu 45 Kilometer pro Stunde heizen die Sportler über die Straßen. „Wir legen Sprints ein, bis zu den gelben Ortsschildern“, erklärt Wilfried. Als mein Rücken langsam anfängt zu ziepen, soll ich schätzen wie viel Kilometer wir schon gefahren sind. „25?“, tippe ich und bin nah dran. „Es sind 29“, sagt Wilfried.

Pause. Zur Belohnung kommt die Sonne raus. Irgendwo zwischen Holm und Hetlingen am Deich essen wir einen Sportriegel. Wilfried erzählt von Rennradprofis und Wintertraining. Er brennt für diesen Sport. Mir brennen die Waden. Aber die wunderschöne Landschaft und die klare Luft gleichen das aus.

 

In Haselau rumpelt es, als wir in den Ort fahren. Hier wurde vor einigen Jahren der Beton weggerissen, stattdessen hat die Gemeinde für wenige Meter und viel Geld Pflastersteine gelegt. „Extra breit auseinander“, ruft mir Wilfried zu. „In den Sitzungen haben sie das Rennradfallen genannt“, sagt er kopfschüttelnd.

Wir rollen durch Wedel – ich bin erleichtert, immer noch nass vom Regen und euphorisiert. Ich verstehe jetzt, was so viel Spaß am Rennrad fahren macht. Wilfried fährt gemütlich vor mir, freihändig. „Habe ich mir im Alter wieder beigebracht“, sagt. er. „Das wichtigste ist die Angst rauszutrainieren. Angst hindert dich nur“, sagt Wilfried. Ein Satz, den ich mir merken werde. Wilfried hat Recht.

 

Zurück in Rissen. „57 Kilometer sind wir gefahren“, sagt mein Trainer, der immer noch lachen kann. Puh. Und wie habe ich mich gemacht? „Super. Für das erste Mal ziemlich gut“, lautet Wilfrieds Fazit. Mein Fazit für die Radwege im Kreis Pinneberg fällt nicht ganz so positiv aus. Die sind teilweise nämlich ganz schön marode. Die Autofahrer hingegen waren – bis auf einmal Hupen – bei der Tour kein Problem.

Am nächsten Tag habe ich eine E-Mail in meinem Postfach. Wenn ich will, darf ich  bei den Cyclassics mitfahren, schreibt Wilfried. Da bin ich nicht da. Aber noch mal Rennradfahren? Auf jeden Fall.

Die Radgemeinschaft Wedel (RG Wedel) wurde 1991 gegründet und ist im Breitensport sowie Amateurrennsport aktiv. Das erste Standbein war der Radwandersport, der um die sportliche Variante des Radtourenfahrens (RTF) ergänzt wurde. Die RG gibt außerdem Pannenseminare, RTF in und um Wedel, Training im Radrenn fahren und Teilnahme an Lizenzrennen, Training für fortgeschrittene und Standard. Im Winter gibt es Spinning-Training für Vereinsmitglieder. Ansprechpartner ist der Vorsitzende Wilfried Weitz. Kontakt unter Telefon 040-81990744 und per E-Mail an vorstand@radgemeinschaft-wedel.de www.radgemeinschaft-wedel.de
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erstellt am 26.Jul.2016 | 10:00 Uhr

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