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Pinneberger Tageblatt

05. Dezember 2016 | 15:43 Uhr

Bunkerführung auf Helgoland : Unterwegs in der Unterwelt der Hochseeinsel

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Während die Insel durch Bomben zerstört wurde, überlebten etwa 3300 Helgoländer in unterirdischen Tunneln. shz.de hat sich in den Bunkern umgesehen.

Helgoland | Am 18. April 1945 zerstörten etwa 7000 britische Bomben die Hochseeinsel Helgoland. Ein Großteil der Insulaner überlebte das furchtbare Bombardement in einem 18 Meter tiefen Bunker. Als sie ihn wieder verließen, war Helgoland total zerstört. Den Bunker gibt es heute noch. Jährlich besichtigen ihn bis zu 16.000 Touristen.

92 graue, glitschige Betonstufen führen nach unten. An den feuchten Wänden wachsen Salpeterkristalle und grüne Algen. Grelle Neonleuchten tauchen die langen Gänge des Helgoländer Zivilschutzbunkers in ein kaltes Licht. Gästeführer Olaf Ohlsen steht mit einer Gruppe von 30 Touristen in einem der beiden Gänge und zeigt auf die dunkelbraunen Holzbänke an den Wänden. „Jeder Bewohner hatte hier seinen festen Platz“, erläutert der 81-Jährige mit der silber gerahmten Brille. „In einer Kiste unter der Bank konnten sie ihre wichtigsten Habseligkeiten verstauen.“

Jeder Helgoländer hatte im Tunnel 50 Zentimeter Bank für sich.
Jeder Helgoländer hatte im Tunnel 50 Zentimeter Bank für sich. Foto: Engel

Viel durfte es nicht sein, denn jedem der etwa 3300 Menschen standen nur fünfzig Zentimeter Banklänge zu. Die Bänke standen zu beiden Seiten der damals etwa 800 Meter langen Tunnelanlage. Im sogenannten Weddigenstollen war der Tunnel zudem nur 1,30 Meter breit. Wenn jemand durch wollte, mussten alle aufstehen und sich auf die Bänke stellen. Wurden verwundete Soldaten auf Tragen durch den Tunnel transportiert, mussten sich die Kinder zur Wand umdrehen. „Man wollte ihnen den Anblick ersparen“, weiß Olaf Ohlsen aus Erzählungen seiner Großeltern. „Als hätten die nicht genau gewusst, was da passiert.“

Während sich Olaf Ohlsen mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder Tage vorher nach Cuxhaven gerettet hatte, verbrachten beide Großelternpaare das verheerende Bombardement am 18. April 1945 im Zivilschutzbunker. Knapp 20 Meter tief unter der Erde erlebten sie den entsetzlichen Lärm der zirka 7000 Bomben, die eindreiviertel Stunden lang auf die kleine Insel niedergingen. Noch schlimmer jedoch war die Angst, denn mit jedem Bombeneinschlag bröckelte von der Decke Putz herunter. „Die Menschen hier unten haben geweint und gebetet“, sagt Ohlsen, „sie hatten Angst, dass der ganze Bunker einstürzt.“ Bald fielen der Strom und damit auch die Belüftung aus. Während ein Notstromgerät die nötigsten Geräte und Lampen mit Energie versorgte, mussten die „größeren Jungs“ mit einer Handkurbel die Lüftung aufrechterhalten. Ein fast schon sinnloses Unterfangen bei 3300 Menschen auf engstem Raum, sagt der Gästeführer: „Die Luft hier unten soll wegen der ganzen Körperausdünstungen ganz schrecklich gewesen sein.“

Wenigstens mussten die Helgoländer nicht hungern, denn in einem heute verschütteten Teil des Bunkers wurden Lebensmittelkonserven für zwei Jahre eingelagert. Olaf Ohlsen zeigt seinen Gästen die zirka drei mal sechs Meter große Bunkerküche, in der man noch heute die vier Herdanschlüsse sehen kann. Auch hier wachsen Algen an den Wänden. Der Fußboden ist nass und es riecht modrig. Kaum vorzustellen, dass hier Essen zubereitet wurde. „Es wurde auch nicht viel gekocht“, sagt der Gästeführer, „es war aber immer warme Milch für die kleinen Kinder da.“ Er bleibt an einer Türöffnung zu einem kleinen, finsteren Raum stehen. „Hier konnten Mütter ihre Kinder füttern.“

Gasmaske mit Dose und Maskenbrille.
Gasmaske mit Dose und Maskenbrille. Foto: Engel
 

Genau drei Tage lang mussten die Helgoländer in der konstant 15 Grad kühlen Bunkeranlage ausharren. Am Abend des 21. Aprils 1945 durften sie endlich wieder ihr unterirdisches Verließ verlassen. Sie marschierten über ihre fast völlig zerstörte Insel zum Hafen und wurden von dort aus mit Schiffen auf das Festland nach Wedel evakuiert. Die Großeltern von Olaf Ohlsen verloren damals nicht nur ihr Haus, sondern auch ihre Rente. „Mein Vater hatte nie geklebt, sondern sein Geld in Gold angelegt“, erläutert der 81-Jährige. Das Gold war in den Mantel der Großmutter eingenäht. „Als sie evakuiert werden sollten, war meine Oma so aufgeregt, dass sie ihren Mantel im Bunker vergaß.“

Es sollte zehn Jahre dauern, bis die Familie von Olaf Ohlsen nach Helgoland zurückkehren konnte. Noch heute ist es vielen alten Helgoländern nicht möglich, die Bunkeranlage zu betreten. Zu tief sitzen die Erinnerungen und der Schmerz um ihre alte Heimat, die damals dem Erdboden gleichgemacht wurde. Die Gruppe folgt Olaf Ohlsen wieder aus dem Bunker heraus. 92 graue, glitschige Stufen nach oben. Draußen scheint noch die Sonne. Möwen kreischen. In den Straßencafés sitzen vergnügt schwatzende Menschen. Die Touristengruppe von Olaf Ohlsen ist noch lang sehr still.

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erstellt am 14.Sep.2016 | 14:00 Uhr

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