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Pinneberger Tageblatt

30. März 2017 | 04:54 Uhr

Bilanz : Unterstützung und Dankbarkeit

vom

In 157 Fällen half der Weisse Ring Kreis Pinneberg im vergangen Jahr Kriminalitätsopfern: Auch nach dem Mehrfachmord in Wedel.

Pinneberg | Die Arbeit des Weissen Rings beginnt oft dort, wo das mediale Interesse nachlässt und die breite Öffentlichkeit nicht mehr hinsieht. So auch bei dem Mehrfachmord in Wedel im Oktober des vergangenen Jahres, der bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Ein Familienvater hatte  zunächst seine Frau, dann die beiden gemeinsamen Kinder und letztlich sich selbst umgebracht. Viele Details über die Getöteten  und die Arbeit der Ermittler wurden bekannt. Das Team des Weissen Rings kümmerte sich um die aus Bolivien stammenden Hinterbliebenen der Familientragödie.

Die unfassbare Tat von Wedel war einer von 157 Fällen, in denen der Weiße Ring im Kreis Pinneberg im vergangenen Jahr half (siehe rechts). Als die Großmutter und die Tante der beiden kleinen Kinder am Flughafen landeten, begann für Opferhelfer Dirk Schröder einer der fordernsten Fälle seiner ehrenamtlichen Arbeit. „Das fing bei der Verständigung an“, erzählt Schröder: „Ich kann kein Spanisch und mehr schlecht als recht Englisch.“ Manchmal mit Händen und Füßen, teilweise mit einem Übersetzer half Schröder den Angehörigen nicht nur bei der Trauerbewältigung, sonder auch bei dem Papierkram.

„Die Leichen mussten von der Rechtmedizin freigegeben werden, wir haben die Trauerfeier organisiert, es gab zahlreiche Anträge auszufüllen.“ Die Unterstützung reichte von der Organisation einer Tatortbegehung bis zur Bereitstellung von Geld. 6000 Euro erhielten die Angehörigen vom Weißen Ring, um die Trauerfeier und den Rückflug zu finanzieren. Schröder: „Die hatten schon Probleme, das Geld für den Hinflug zusammenzukriegen.“ Weiteres Geld gab es auf Antrag im Rahmen  des Opferentschädigungsgesetzes.

Im vergangenen Jahr betreute der Weisse Ring im Kreis Pinneberg in insgesamt fast 160 Fällen Opfern eines Verbrechens: 134 Frauen und 23 Männer. Die Jahresbilanz weist 3500 Stunden aktiver Opferarbeit aus, wie Außenstellenleiter Sönke-Peter Hansen gestern bei der Vorstellung der Zahlen mitteilte.  „Wir nehmen uns Zeit, Opfern aktiv zuzuhören“, führte er weiter aus. Am häufigsten wurde die Opferbetreuung des Weissen Rings im vergangenen Jahr nach Fällen  von Körperverletzungen (58 Fälle, das entspricht 37 Prozent) in Anspruch genommen. Gefolgt von Sexualdelikten (47 / 30 Prozent). Signifikant gestiegen sind die Fälle von Stalking, nach denen die Opfer Hilfe beim Weissen Ring suchen: 2015 waren es acht Stalking-Opfer, 2016 mit 14 deutlich mehr. In vielen Fällen war nicht nur Unterstützung bei der Bewältigung des Erlebten und die Vermittlung der richtigen Ansprechpartner nötig, sondern auch direkte finanzielle Unterstützung. Die Außenstelle Kreis Pinneberg stellte hierfür im Jahr 2016 insgesamt 23362 Euro bereit. (fk)

Nach bolivianischer Tradition sollten die Verstorbenen bei der Trauerfeier noch einmal zu sehen sein. Und die Großmutter wollte die drei Urnen mit der Asche ihrer Tochter und den Enkelkindern beim Rückflug nicht eine Sekunde aus den Augen lassen. Dirk Schröder half, so gut er konnte. „Es war nicht alltägliche Hilfe bei einem nicht alltäglichen Verbrechen“, erzählt Schröder und erinnert sich daran, wie beim Abschied am Flughafen Tränen flossen. Eigentlich ein Tabu bei seiner ehrenamtlichen Arbeit: „Wir müssen eine gewisse professionelle Distanz wahren. Sonst würden wir es selbst irgendwann nicht mehr aushalten.“ Florian Kleist

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