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Pinneberger Tageblatt

27. September 2016 | 08:58 Uhr

Bahnhof Pinneberg : Trotz Sprachbarriere - Flüchtlingspaar muss Bußgeld zahlen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ein junges Ehepaar aus dem Irak muss 80 Euro zahlen, weil es keine Bahnsteigkarte für 30 Cent gekauft hat.

Pinneberg | 80 Euro für etwa 80 Meter: Ein junges Flüchtlingspaar aus dem Irak war geschockt, als es in der Pinneberger Bahnhofsunterführung kontrolliert wurde. Sie ahnten nicht, dass man nicht nur, um mit der S-Bahn zu fahren, ein Ticket braucht. Sie verstanden auch das Hinweisschild nicht, da sie weder Deutsch noch Englisch sprechen. Sie waren erst seit zwei Wochen in Deutschland. Auf dem Schild wird auf die Bahnsteigkarte verwiesen. Denn auch das Passieren der Unterführung kostet 30 Cent für eine Stunde. Doch selbst viele Ortskundige wissen das nicht. „Ich und meine Bekannten haben noch nie von einer Bahnsteigkarte gehört. Und ich wohne hier seit 40 Jahren“, sagt  Beate Seifert. Die ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuerin hatte bisher Glück, wurde nie kontrolliert.

Die 66-Jährige kennt das Ehepaar seit ihrer Ankunft in Pinneberg Mitte Februar. „Sie sind sehr gewissenhaft und haben Angst, etwas falsch zu machen“, berichtet sie. Der 24-jährige Iraker und seine 19-jährige Ehefrau seien ob des Bußgeldes geschockt gewesen. „Weil sie nicht wussten, dass sie etwas falsch gemacht haben“, so die Betreuerin. Auch die Beschilderung im Pinneberger Bahnhof sei nicht ausreichend. „Es fehlen Piktogramme, die für Menschen jeder Herkunft verständlich sind.“

Seifert ist fassungslos. Sie appelliert an die Deutsche Bahn, hofft auf eine Rückerstattung. Aus Kulanz. Auf Anfrage heißt es: „In so einem Fall hätte auch ein Betreuer darauf hinweisen müssen“, sagt Bahnsprecherin Sabine Brunkhorst. „Und wir können ja nicht in allen Landessprachen Schilder anbringen.“ Der Fall solle nun noch einmal geprüft werden.

80 Euro. Um durch die Bahnhofsunterführung von Pinnebergs City auf die Seite des Quellentals zu gelangen. Das waren teure 80 Meter für ein Flüchtlingsehepaar aus dem Irak. Was der 24-Jährige und seine 19-jährige Ehefrau (die Namen sind der Redaktion bekannt) nicht wussten: Man braucht auch ein Ticket, wenn man nicht mit der Bahn fährt. Und zwar für den Bahnsteig und die Unterführung. Eine so genannte Bahnsteigkarte.

Anfang März war das Ehepaar gerade zwei Wochen lang in Deutschland. Sie konnten weder Deutsch noch Englisch. Als am 4. März Kontrolleure in der Unterführung ihre Tickets sehen wollten, verstand das Paar nur Bahnhof. Sie wollten doch nur zu ihrer Unterkunft ins Quellental. Sie wussten nicht, warum sie plötzlich 80 Euro dafür zahlen mussten.

„Ich wohne nun seit 40 Jahren hier und wusste nichts von einer Bahnsteigkarte“, sagt Beate Seifert. „Ich hatte nur das Glück, dort nie kontrolliert worden zu sein“, sagt sie. Die 66-Jährige ist empört. „Das ist doch ein schlechter Witz“, wettert die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin. Die Pinnebergerin betreut das junge Ehepaar, das den Jesiden angehört. Eine religiöse Minderheit, die im Irak als Ungläubige verfolgt wird. Das Ehepaar berichtete Seifert mit Hilfe einer Dolmetscherin von dem Vorfall.

„Das Geld haben sie den Kontrolleuren sofort in bar gezahlt“, sagt die gelernte Sozialarbeiterin Seifert und ergänzt: „80 Euro, das ist viel für Menschen, die von der knappen Sozialhilfe abhängig sind.“ Sie betont, wie gewissenhaft das Paar sei. „Sie haben Angst, hier etwas falsch zu machen. Und sie wussten: Für jede Bahn-Fahrt müssen sie ein Ticket kaufen.“ Denn das Paar fährt regelmäßig mit der Bahn nach Hamburg. Nach Pinneberg kamen sie gemeinsam mit einem 15-jährigen Cousin, der eine schwere Nierenkrankheit hat und in Eppendorf behandelt wird. Ihn besuchen sie mehrmals die Woche. „Die beiden waren wirklich geschockt, nun so eine Strafe zahlen zu müssen“, sagt Seifert.

Was die Flüchtlingshelferin außerdem kritisiert: „Es gibt nur aus Richtung Quellental ein Schild, dass auf die nötige Bahnsteigkarte hinweist.“ Dieser Hinweis ist auf Deutsch und Englisch verfasst. „Außerdem gibt es keinerlei Piktogramme, wie zum Beispiel bei den Nicht-Rauchen-Schildern“, sagt Seifert.

Auch wie sich das Ticket lösen lässt, wird an den Automaten nicht sofort ersichtlich. Seifert hat es ausprobiert. „Das ist sehr umständlich“, sagt sie. Man muss erst den Button Verkehrsverbünde wählen, danach „Ergänzungskarten“. Erst dann wird der Button „Bahnsteigkarte“ angezeigt. Die Kosten für eine Stunde: 30 Cent.

Seifert ist fassungslos. Ihre Reaktion: Bahn, Stadt und Politik auf das Schicksal des Flüchtlingspaares hinzuweisen. Sie hofft auf Kulanz seitens der Bahn: „Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, dies als Härtefall anzuerkennen und die Auslagen zu erstatten.“

Die Stadt ist machtlos. „Wir haben leider keinerlei Einflussmöglichkeiten, das Gelände gehört der Bahn“, sagt Rathaussprecher Marc Trampe. „Wir können nur an die Bahn appellieren, dass sie kulant handelt“, sagt er.

„Die Unterführung ist ein fahrkartenpflichtiger Bereich. Am 4. März mussten mehrere Personen im Rahmen einer Großkontrolle das erhöhte Entgelt bezahlen“, sagt Sabine Brunkhorst, Pressesprecherin der Deutschen Bahn Nord. „Im Sinne der Gleichstellung aller Reisenden, egal welcher Hautfarbe oder Nation, sind unsere Prüfer verpflichtet, einen Verstoß aufzunehmen“, so Brunkhorst. Sie vermutet, dass die Kontrolleure dem Paar gezeigt haben, sie dürften die Unterführung so nicht passieren. „Aber ich war ja auch nicht dabei.“

Zu der fehlenden Beschilderung sagt sie: „Wir können ja nicht in allen Landessprachen Schilder anbringen.“ Der Fall solle nun noch einmal geprüft werden, das Paar könne Einspruch erheben. „Ob das Geld erstattet wird, ist aber nicht meine Entscheidung“, so die Bahnsprecherin Brunkhorst.

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erstellt am 10.Apr.2015 | 09:30 Uhr

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