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Mehr als 100 Insolvenzen : Trotz Pleiten: Der Kreis Pinneberg ist wirtschaftlich gesund

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Kreis Pinneberg ist von einem buntem Branchenmix gekennzeichnet. Männer führen Unternehmen häufiger in die Pleite als Frauen.

Pinneberg | Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Kreis Pinneberg ist von 2015 auf 2016 leicht zurückgegangen. Das geht aus einer Statistik der Hamburger Wirtschaftsauskunftei Bürgel hervor. Gingen im vergangenen Jahr 102 Unternehmen pleite, waren es im Jahr zuvor 105. 2014 waren es 101 und 2013 sogar 110.

Die Top-drei-Plätze bei den Insolvenzen belegte 2016 die Region Elmshorn, zu der Bürgel auch Bokholt-Hanredder, Klein Nordende, Kölln-Reisiek und Raa-Besenbek zählt (insgesamt 22), Wedel (15) und Großraum Uetersen mit Uetersen, Moorrege, Neuendeich, Groß Nordende und Tornesch (insgesamt 11). Die einzigen Gemeinden ohne Pleiten waren Helgoland, Hetlingen und Borstel-Hohenraden. Die Zahlen scheinen zu bestätigen, dass der Kreis Pinneberg eine prosperierende Region ist. „Wir schätzen das Insolvenzrisiko an der Unterelbe geringer ein als in anderen Regionen“, sagt Peter Ahrendt, Existenzgründungsberater in der Elmshorner Zweigstelle der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Kiel. Das bestätigten auch Daten aus der Vergangenheit. „Während der Wirtschaftskrise 2008/2009 waren die Insolvenzzahlen an der Unterelbe nicht nennenswert höher als in den Jahren davor und danach. Die Region ist wirtschaftlich gesund“, sagt Ahrendt. Deutschlandweit hatten in den Krisenjahren nach Angaben von Bürgel 50 Prozent mehr Firmen Pleite gemacht als zuvor oder danach.

Die positive Einschätzung Ahrendts teilt Ken Blöcker, Geschäftsführer des Unternehmensverbands Unterelbe-Westküste (UVUW), grundsätzlich. Er weist jedoch auch auf Defizite hin. Zwar seien die Firmen in der Region Unterelbe-Westküste grundsätzlich den selben betriebswirtschaftlichen Risiken ausgesetzt wie Unternehmen im übrigen Deutschland. In Schleswig-Holstein seien jedoch die Investitionsquote des Landes zu gering und die Entwicklung der Infrastruktur unzureichend. Außerdem sei es oft schwer, die Unternehmensnachfolge zu regeln.

Nicht von Großbetrieb abhängig

Der Kreis Pinneberg ist wirtschaftlich gesund. Die Arbeitslosenquote ist vergleichsweise gering. Nach Ansicht von Unternehmensvertretern sind die Bedingungen für Firmen gut. Trotzdem haben nach Angaben der Hamburger Wirtschaftsauskunftei Bürgel 102 Unternehmen aus dem Kreis Pinneberg 2016 Insolvenz angemeldet.

Peter Ahrendt, Existenzgründungsberater in der Elmshorner Zweigstelle der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Kiel, ordnet die Zahl der Pleiten so ein: „Nicht jede Betriebsaufgabe bedeutet auch eine Insolvenz. Wenn ein Gewerbe nicht mehr besteht, ist es in aller Regel aufgegeben und schlicht abgemeldet worden. Im Kreis Pinneberg sind von 2012 bis 2016 rund 10  300 Unternehmen gegründet worden, vom Kleingewerbe bis zur GmbH. Davon sind noch 6600 aktiv. Von den 3700, die aufgegeben haben, sind nur 500 in die Insolvenz gegangen, pro Jahr 100.“ Die wenigsten Betriebsaufgaben seien also auf Insolvenzen zurückzuführen.

Das Risiko einer Pleite sei im Kreis Pinneberg zudem „geringer ein als in anderen Regionen“, sagt Ahrendt. Ein Grund sei die Branchenstruktur. „Es gibt keinen großen Branchenschwerpunkt und keine Abhängigkeiten von einem Großbetrieb, wie das zum Beispiel bei der Automobilbranche in und um Stuttgart der Fall ist“, sagt Ahrendt. „Wenn ein solcher Großbetrieb schwächelt, schwächeln auch alle anderen, die davon abhängig sind. Das ist hier bei uns aber nicht der Fall.“

Grundsätzlich gelte: Je länger ein Unternehmen am Markt sei, desto unwahrscheinlicher werde eine Insolvenz. „Nach unserer Erfahrung sind es vor allem kleine Dienstleistungsbetriebe und kleine Einzelhändler, die im Vergleich zu anderen ihren Betrieb eher wieder einstellen“, sagt Ahrendt. Die Gründe für eine Zahlungsunfähigkeit müssen nicht zwingend im Betrieb selbst liegen. „Für alle Betriebe gilt, dass es für Zahlungsschwierigkeiten schon reichen kann, wenn zwei große Aufträge von Kunden nicht rechtzeitig bezahlt werden. Auch eine nur vorübergehende Zahlungsunfähigkeit kann unter bestimmten Umständen als Grund für ein Insolvenzverfahren ausreichen.

„Die Konjunktur läuft gut.“

Zur wirtschaftlichen Perspektive sagt Ahrendt: „Die Konjunktur läuft gut. Wir raten aber jedem, der ein Unternehmen gründen möchte, sich vorher bei der IHK oder anderen geeigneten Stellen beraten zu lassen, ob das geplante Geschäftsmodell trägt. Wenn der Businessplan gut durchdacht und besprochen ist, schützt das in der Regel vor bösen Überraschungen im Geschäftsbetrieb.“

Dabei muss eine Insolvenz nicht zwingend das Aus für ein Unternehmen bedeuten. Ken Blöcker, Geschäftsführer des Unternehmensverbands Unterelbe-Westküste (UVUW), sagt: „Das Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG) bietet seit einigen Jahren Betrieben eine neue Chance, Krisen zu überwinden. In der Eigenverwaltung bleibt die Geschäftsführung im Amt und kann die Geschicke des Unternehmens weiter lenken.“ Wenn die Rahmenbedingungen stimmten, bestünden gute Chancen, mit dem Verfahren der Planinsolvenz den Grundstein für eine erfolgreiche Zukunft des Unternehmens zu legen, meint Blöcker.

Die Entwicklung der Insolvenzzahlen im Kreis Pinneberg passt in den norddeutschen und bundesweiten Trend. In Schleswig-Holstein sank die Zahl der Insolvenzen von 2015 auf 2016 ebenfalls leicht um 3,7 Prozent, von 1012 auf 975. Trotzdem: Mit 86 zahlungsunfähigen Firmen pro 10  000 Unternehmen liegt Schleswig-Holstein noch deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Aus dieser Perspektive schneidet Baden-Württemberg mit 39 Fällen am besten, Nordrhein-Westfalen mit 100 pro 10.000 Unternehmen am schlechtesten ab. Das statistische Mittel liegt in Deutschland bei 67 Fällen pro 10.000 Unternehmen. Hamburg rangiert mit einem Wert von 95 auf den hinteren Plätzen.

Deutschlandweit ist die Zahl der Pleiten 2016 von 23.222 auf 21.789 Fälle um 6,2 Prozent gesunken. Laut Bürgel ist das der niedrigste Stand seit 1999. Im Krisenjahr 2009 hätten noch 33.762 Unternehmen Insolvenz anmelden. Bürgel geht davon aus, dass der Trend anhält. „Aktuell können wir keine Trendumkehr erkennen und rechnen 2017 mit einem Rückgang um 3,5 Prozent auf 21.000 Insolvenzen“, sagt Klaus-Jürgen Baum, Geschäftsführer der Auskunftei Bürgel.

Die Experten von Bürgel haben auch untersucht, ob es einen statistischen Zusammenhang von Insolvenzen und dem Geschlecht der Geschäftsführungen in den Unternehmen gibt. Das Ergebnis ist eindeutig: Männer führen Firmen demnach etwa doppelt so oft in die Pleite wie Frauen.

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erstellt am 14.Mär.2017 | 14:00 Uhr

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