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Pinneberger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 02:54 Uhr

Interview : Tine Wittler: „Ich bin ein Mensch, der sich schnell langweilt“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Schriftstellerin, TV-Moderatorin, Filmproduzentin, Sängerin und Wirtin Tine Wittler über Chancen für junge Künstler und das Glück von Multitasking.

Hamburg | Als RTL-Wohnexpertin sorgte sie einst mit ihrem „Einsatz in 4 Wänden“ dafür, dass alles schöner oder zumindest anders wurde. Und wenn auch die Sendung abgesetzt wurde, ist Tine Wittler noch immer im Geschäft. Gerade ist ihr Chanson-Album „Lokalrunde − Tresenlieder schlückchenweise“ erschienen; seit 2004 betreibt sie in Hamburg eine Bar mit Café mit dem Namen „Parallelwelt“. Zum Interview treffen wir die quirlige Allround-Aktive an ihrem Lieblingsplatz in der „Parallelwelt“ − in der Elvisbar für Raucher. Durch luftdichte Schiebetüren abgeschottet, können Gäste qualmend an einer von innen beleuchteten Marmortheke sitzen und Drinks bestellen, die Schwoofi heißen und Horstmeister.

Tine Wittler, geboren 1973 in Rahden (Ostwestfalen), studierte Kultur- und Kommunikationswissenschaften. Mit ihrer Sendung „Einsatz in 4 Wänden“ (2003-2013) erhielt sie den Deutschen Fernsehpreis und inspirierte zehn Jahre lang eine ganze Nation in Sachen Home Design. In ihrem Hamburger Kulturzentrum „Café Parallelwelt“ hat sie sich der Förderung von jungen Künstlern und Kulturschaffenden verschrieben: Dort finden Konzerte, Lesungen und Filmvorführungen abseits des Mainstreams statt. Jüngstes Baby an der Gärtnerstraße in Hamburg-Hoheluft ist die Kulturgut-Mietgalerie, ein Raum, der in regelmäßigen Zyklen Künstlern Ausstellungs- und Dialogmöglichkeiten bietet.

Frau Wittler, Sie sind Autorin, Filmemacherin, Songschreiberin, Sängerin und Wirtin. Welchen Beruf üben Sie gerade aus?
Alle, parallel. Ich bin eine Langstreckenläuferin. Alles, was ich anfange, mache ich meistens sehr lange weiter. Es gibt kein Projekt, das für mich abgeschlossen ist und hinter mir liegt. Ich mache vieles parallel, weil ich ein vielseitiger und kreativer Mensch bin und mich sehr schnell langweile.

Und welchen Beruf lieben Sie am meisten?
Auch alle. Wenn ich nicht zu 100 Prozent das machen will, was ich mache, dann mache ich es nicht. Ich bin alles. Es ist wie ein Sonnensystem: Alles greift ineinander.

Schafft man so viel Multitasking auf einmal?
Es gibt Tage, da denke ich: Heute brennt die Kerze von beiden Enden. Aber Gott sei dank habe ich Mitarbeiter, die mich unterstützen.

Man hat den Eindruck, dass Sie sich rar gemacht haben in den vergangenen Jahren...
Das ist so nicht richtig. Fernsehen ist ein sehr übermächtiges Medium. Aber nur weil man sich aus dem Fernsehen zurückzieht, bedeutet das doch nicht, dass man tot ist! Ich habe allein mit meinem letzten Projekt „Wer schön sein will, muss reisen“ 220 Tourtermine gehabt, mit Lesungen und Filmvorführungen.

Aber berühmt sind Sie mit Ihrem „Einsatz in 4 Wänden“ in deutschen Wohnzimmern geworden, als sie eben diese verschönert haben. Was bedeutet Ihnen diese Zeit heute?
Es war eine sehr schöne Zeit, aber zehn Jahre sind genug. Ich denke gern daran zurück. Das Thema ist ja auch geblieben. Ich gebe Seminare, bin für Firmenkunden unterwegs und schule Mitarbeiter und Kunden von Möbelhäusern in Einrichtungsfragen. Der Moderationsjob war ein eigentlich großer Zufall. Ich war Redakteurin hinter der Kamera, als dringend jemand für die Moderation der Sendung gesucht wurde. Ich verstehe mich als Künstlerin mit vielen unterschiedlichen Projekten, die Moderation war nur eines davon.

 

Haben Sie Ihre Prominenz genossen oder war es Ihnen eher lästig?
Das ist eine schwierige Frage. Ich möchte nicht dafür gemocht werden, dass ich im Fernsehen bin. Ich möchte dafür geschätzt werden, was ich kreativ schaffe. Aber natürlich werde ich immer noch auf der Straße erkannt und angesprochen. Selbst als Geisha im Kölner Karneval wurde ich in Minutenschnelle enttarnt. Ich habe einen Wiedererkennungswert wie eine lila Kuh und ich habe gelernt, damit umzugehen.

Was weniger bekannt ist: Sie sind Wirtin und betreiben hier im Hamburger Szenestadtteil Eimsbüttel-Hoheluft das kleine Kulturzentrum „Parallelwelt“ und haben sich als Wirtin Wittlerin der Förderung von Kultur und Künstlern verschrieben. Wie kam es dazu?
Ich bin in einer Familie groß geworden, in der Kultur eine sehr große Rolle gespielt hat. Meine Eltern sind beide sehr aktiv in lokaler Kulturarbeit gewesen. Ich war deshalb schon als Kind bei vielen Veranstaltungen dabei und habe das sehr genossen. Das hat mich geprägt.

Und warum ein eigenes Kulturzentrum?
Ich weiß durch meine eigene Laufbahn, wie schwierig es ist, als junger Künstler einen Ort für Auftritte zu finden. Gerade in Großstädten ist der Kulturbetrieb sehr starr. Es gibt kaum noch Orte, an denen du dich als Kulturinteressierter überraschen lassen kannst. Das finde ich aber wichtig − auch für junge Künstler, die nur so eine Chance bekommen können, sich bekannt zu machen. Das bieten wir hier in der „Parallelwelt“ – mit Kulturcafé, Künstlerbar und Galerie.

Jetzt gerade ist Ihr Chansonprogramm „Lokalrunde – Tresenlieder schlückchenweise“ erschienen, das Sie als Dinnershow in Ihrem Laden auf die kleine Bühne bringen. Was kann das Publikum erwarten?
Einen launigen Ausflug durch die Nacht, eine Hommage an alle Wirte dieser Welt – weil Wirte einen verdammt harten Job machen, wenn andere es sich gut gehen lassen. Das muss mal gewürdigt werden. Und die Leute erwartet viel Humor. Wer Wilhelm Busch oder Joachim Ringelnatz mag, ist textlich gut aufgehoben. Dazu gibt es ein leckeres bodenständiges Vier-Gang-Mahl und natürlich gut zu trinken.

Sie sagen, das Chansonprogramm ist was für Barhocker, Nachtschwärmer und Freunde des pointierten Gelages. Sind Sie ein Feierbiest?
Ja (lacht), aber auch ein Arbeitsbiest. Meine Oma hat immer gesagt: Schnaps ist Schnaps und Dienst ist Dienst; und sie hat gesagt: Wer feiern kann, kann auch arbeiten. Und Oma hatte immer Recht.

Neben der Musik haben Sie Ihre Leidenschaft fürs schöne Wohnen nie aufgegeben. Gibt es einen typischen Fehler beim Einrichten?
Ja, nicht aufzuräumen. Wenn es unordentlich ist, nutzt man seinen Stauraum nicht. Dann wird jede Wohnung, jedes Zimmer zu klein. Und ich rate immer von Stehhübschs ab.

Was sind denn Stehhübschs?
Ein Porzellanpüppchen ist ein typisches Stehhübsch: kann nichts, macht nichts, ist für nichts gut, steht nur rum und will abgestaubt werden. Ich sage immer: Kauft lieber etwas, was auch eine Funktion hat. Kunstwerke natürlich ausgenommen.

Wie sind Sie selbst eingerichtet?
Praktisch, aber gemütlich. Es ist ein Sammelsurium aus unterschiedlichen Wohnstilen, verschiedenen Designern, sehr vielseitig.

Das aktuelle Album ist unter dem Titel „Lokalrunde: Tresenlieder, schlückchenweise“ erschienen; einige Lieder trägt Tine Wittler bei  Dinner-Shows für jeweils maximal 18 Personen in der „Parallelwelt“ vor. Termine, Infos und Buchungen unter shop.tinewittler.de.

Seit 2013 engagieren Sie sich mit der Bewegung ReBelles für Körpervielfalt und Körperakzeptanz in Gesellschaft und Medien. Die ReBelles bestärken unter anderem Schülerinnen und junge Frauen in ihrem Selbstwertgefühl. Wie kam es dazu?
Entstanden ist die Bewegung durch meinen Dokumentarfilm„Wer schön sein will, muss reisen“, für den ich nach Mauretanien gereist bin. Es geht darin um die Frage nach den unterschiedlichen Schönheitsidealen, wie Frauen sich von ihnen beeinflussen lassen und wie sie gegen Frauen eingesetzt werden. Mit den ReBelles habe ich ein Forum geschaffen, in dem sich Frauen darüber austauschen können und sich gegenseitig aufmerksam machen auf Manipulationsversuche. Das Thema beschäftigt jede Frau, egal welchen Alters. Der Name „ReBelles“ steht für die Rückbesinnung auf die eigene Kraft, die eigene Energie, die eigene innere Schönheit.

Und kommen Sie gegen den Körperwahn gerade bei jungen Mädchen an?
Es gibt inzwischen viele Bewegungen wie die „ReBelles“, und sie leisten erfolgreiche Arbeit. Das Problem liegt ja nicht bei den jungen Mädchen, sondern bei dem, was sie vorgelebt bekommen. Wir brauchen eine vernünftige Medienerziehung. Sobald du durchschaut hast, dass du deine angeblichen Defizite ausgleichen sollst, in dem du Geld ausgibst, kannst du ganz gelassen damit umgehen. Das musst du lernen von Eltern, von Schulen und von Einrichtungen. Ich vermisse das Fach Medienerziehung in den Schulen.

Sie entsprechen ebenfalls mit Ihrer üppigen Figur nicht der Norm. Stört Sie das?
Ob mich das stört, dass ich nicht dem Schönheitsideal entspreche? Nein, es stört aber andere – und das ist doch der springende Punkt. Die Gesellschaft sollte grundsätzlich über ihren Umgang mit dem Fremden, mit dem Anderen nachdenken.

Tine Wittler persönlich
Mein Laster ist... gern lange zu schlafen, aber das kann ich mir bei meinem Arbeitspensum leider viel zu selten erlauben.

Meine Stärke ist... Menschen mitnehmen, begeistern und inspirieren zu können.

Ich ärgere mich... über Engstirnigkeit

Zuletzt gelacht habe ich... (lacht ausufernd) eben gerade!

Gut verzichten könnte ich... auf die zunehmende Digitalisierung.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg... ist mein Bett und die „Parallelwelt“.

Mein Leben wäre schöner... wenn nichts mehr kaputt gehen würde − vom Auto bis zur Kaffeemaschine.

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von
erstellt am 12.Nov.2016 | 10:00 Uhr

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