zur Navigation springen

Pinneberger Tageblatt

05. Dezember 2016 | 19:42 Uhr

Interaktive Grafik : Tag gegen Lärm: Von Belästigung und Hörschäden

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ab Lautstärke von 75 Dezibel – ein Staubsauger oder eine befahrene Straße – wird das Herz-Kreislauf-System gestresst.

Kreis Pinneberg | Etwa 14 Millionen Menschen in Deutschland sind laut des Bundesverbands der Hals-Nasen-Ohrenärzte schwerhörig. Andere Schätzungen gehen von bis zu 20 Millionen Betroffenen aus. Vor allem Kinder und Jugendliche litten verstärkt an Hörschäden durch Freizeitlärm. Bei Kindern sei häufig lautes Spielzeug wie Spielzeugpistolen oder Pfeifen die Ursache. Jugendliche schaden ihrem Gehör durch lautes Musik hören über Kopfhörer und den Besuch von Diskotheken oder Konzerten. Viele Lärmquellen erreichen Werte von 100 Dezibel oder mehr. Der jährlich stattfindende Tag des Lärms soll auf die gesundheitlichen Folgen von Dauerbeschallung aufmerksam machen.

Lärm belastet laut wissenschaftlicher Erkenntnisse das Gehör – unabhängig davon, ob das Geräusch als angenehm oder unangenehm empfunden wird. Für das Gehör zähle nur der Druck, den Lärm ausübe. Ab einer Lautstärke von 75 Dezibel werde das Herz-Kreislauf-System vom Lärm gestresst. Diese Lautstärke erreichen Staubsauger oder normal befahrene Straßen. Ab 85 Dezibel sei bei einer Dauerbelastung ein Hörschaden kaum noch zu vermeiden. Oftmals werde die eigene Wohnung als Rückzugsort vorgeschlagen. Allerdings lauern auch dort Lärmquellen. Eine schleudernde Waschmaschine oder ein Handmixer erreichen mindestens 71 Dezibel, ein Laubbläser schafft etwa 80 Dezibel und ein elektrischer Rasenmäher kommt auf 85 Dezibel, warnt die Deutsche Gesellschaft für Akustik.

Das eigentliche Hören findet im Innenohr statt. Das Hörorgan, die Cochlea, ist die Schaltstelle, in der die Schallwellen verarbeitet und in Nervenimpulse umgewandelt werden. Die empfindlichen Sinneszellen des Hörorgans, die Haarzellen, benötigen ausreichend Sauerstoff und Nährstoffe, ebenso wie der weiterleitende Hörnerv und die Hörbahnen im Gehirn. Lärm, Entzündungen oder schädigende Substanzen belasten das Innenohr übermäßig. Werden einzelne Bereiche des Ohrs unterversorgt, kann es zu Schädigungen kommen.

Häufig mehrere Hörstationen betroffen

Je nachdem, welcher Bereich geschädigt ist, unterscheiden Mediziner zwischen den Formen der Schallempfindungsschwerhörigkeit. Die Hauptursachen seien Störungen im Innenohr. Die Folgen: Innenohrschwerhörigkeit oder kochleäre und sensorische Schwerhörigkeit. Ein Schaden am Hörnerv kann die neurale Schwerhörigkeit verursachen. Erkrankungen im Gehirn für eine zentrale Schwerhörigkeit verantwortlich sein. Es sei schwer, einzelne Faktoren abzugrenzen, da häufig mehrere Hörstationen betroffen seien.

Das Umweltbundesamt empfiehlt daher, hohe Lautstärken in der Freizeit möglichst zu vermeiden und, wo das wie beim Rasenmähen oder Sägen nicht geht, unbedingt einen Gehörschutz zu verwenden. Das Gehör sei zwar in der Lage, hohe Schallpegel zu ertragen, müsse sich dann aber entsprechend erholen. Wer nach hoher Geräuschbelastung, zum Beispiel nach dem Hören von lauter Musik, ungewohnte Geräusche im Ohr wahrnimmt, sollte das in jedem Fall als Warnsignal des Körpers verstehen. Eine Untersuchung bei einem Ohrenarzt oder Hörgeräteakkustiker kann Klarheit bringen.

Noel Callagher, ehemaliger Gitarrist der britischen Band Oasis und seit 2011 auf Solopfaden unterwegs, leidet unter einem dauerhaften Pfeifen im Ohr. Ebenso ergeht es Pete Townshend, Kopf der britischen Band The Who, und Coldplay-Sänger Chris Martin. Rock- und Popstars produzieren nicht nur Lärm, sondern leiden auch unter diesem. „Ich ließ mein Gehirn untersuchen. Sie haben etwas gefunden. Ich habe dieses seltsame Pfeifen in meinen Ohren, und ich denke, das kommt von 20 Jahren lautem Gitarrenspielen“, sagte der 45-jährige Callagher. Bis zu 110 Dezibel werden bei Rockkonzerten gemessen. Laut einer Studie von Echo Barrier gehört der Rockstar somit als Beruf zu den Menschen mit den lautesten Jobs. Klassische Musiker kommen bei Proben oder Konzerten auf bis zu 95 Dezibel. „Die exponiertesten Berufe sind der Leitplankenbauer, Tiefbauer und Zimmermann. Die Tageslärmexpositionspegel liegen zwischen 91 und 102 Dezibel in diesen Berufsgruppen“, sagt Jörn Jorczyk, Aufsichtsperson der  Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau). Die Schmerzgrenze liegt bei 130 Dezibel. An Flughäfen werde diese regelmäßig übertroffen. Flughafenbodenpersonal ist auf dem Rollfeld Lautstärken von bis zu 140 Dezibel ausgesetzt, wenn die Maschinen ihre Triebwerke starten. Gleiches gilt für Formel-1-Fahrer, die Lärmbelastungen von bis zu 135 Dezibel ausgesetzt werden.

Callagher nimmt seine Erkrankung gelassen: „Letztlich ist es eine Anhäufung mehrerer Ursachen. Aber ich hatte eine verdammt großartige Zeit, als ich es mir geholt habe, und wenn ich eines Tages an einer Hirnkrankheit sterben sollte, dann war es mir das wert.“

zur Startseite

von
erstellt am 27.Apr.2016 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen