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Pinneberger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 10:35 Uhr

Altlasten im Kreis Pinneberg : Spurensuche im Bohrschlamm

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Potenzielle Verdachtsflächen in Schleswig-Holstein sollen untersucht werden. Sechs Kommunen im Kreis Pinneberg sind betroffen.

Kreis Pinneberg | Es sind Altlasten der Vergangenheit, die jetzt im Kreis Pinneberg wieder zum Thema werden: Zwischen Anfang der 1950er- und Ende der 1980er-Jahre ist zwischen Brande-Hörnerkirchen, Bokel und Lutzhorn Erdöl gefördert worden. Um an das schwarze Gold zu gelangen, mussten Unternehmen wie die Deutsche Erdöl AG (Dea) bis zu 2000 Meter tief bohren. Doch wo der dabei anfallende Bohrschlamm entsorgt wurde, ist unklar. Mit einer kleinen Anfrage hatten sich die Piraten im Landtag im Juni an das Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (Melur) gewandt, um mehr über die Altlasten zu erfahren – und die Gefahr, die möglicherweise von ihnen ausgeht. Dabei kam heraus: Im Kreis Pinneberg soll in sechs Kommunen Bohrschlamm entsorgt worden sein. Was dort entsorgt worden ist, soll nun ermittelt werden.

Nach Angaben des Kreises Pinneberg gibt es 15 potenzielle Verdachtsflächen für Bohrschlammablagerungen im Kreisgebiet. Vier davon würden sich mit bekannten Altablagerungsflächen überschneiden. „Die 15 potenziellen Verdachtsflächen befinden sich in den Gemeinden Bokel, Brande-Hörnerkirchen, Groß-Offenseth Aspern, Langeln, Lutzhorn und Quickborn“, teilte Pressesprecher Oliver Carstens mit (siehe Karte). Konkrete Standorte dürften aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht genannt werden. Von den bekannten Ablagerungen würden keine Gefahren ausgehen, die Maßnahmen zur Gefahrenabwehr erforderlich machen würden. Genauer untersucht worden seien die Flächen allerdings noch nicht. „In einem ersten Schritt soll vom Land Schleswig-Holstein in Kürze ein Gutachterbüro mit der Verifizierung der Daten und einer historischen Recherche zur Überprüfung aller potenziellen Verdachtsflächen im Land beauftragt werden“, so Carstens über den aktuellen Stand der Planungen. In den Ablagerungen könnten Mineralölkohlenwasserstoffe (MKW), polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und Schwermetalle sowie andere Bohrzusätze vorhanden sein.

Als Bohrschlamm wird das zu Tage geförderte Bohrmaterial bezeichnet, das aus einer Mischung  des Bohrkleins mit dem Lagerstätteninhalt, Bohrspülung und gegebenenfalls weiteren chemischen Additiven besteht. Inhaltsstoffe der Bohrspülung waren laut Dea bis Anfang der 1990er-Jahre in der Regel Ton, Wasser und Salz, so das Unternehmen in einer Pressemitteilung. Heute seien die ehemaligen Schlammgruben meist völlig überwachsen und häufig nicht mehr als Grube zu erkennen. Nach allen vorliegenden Daten gehe von ihnen keine gesundheitliche Beeinträchtigung von Anwohnern oder Belastung der Umwelt aus.

Auch die Bürgerinitiative (BI) „Frackingfreies Auenland“ beschäftigt sich seit längerem intensiv mit dem Thema. Ihnen seien zwei konkrete Standorte von Bohrschlammgruben bekannt, berichten Marion Ecke und Dirk Albrecht. „Für Bokelseß und die Motocross-Strecke in Bokel haben wir die Koordinaten, die anderen noch nicht“, berichtet Ecke. Überraschend sei die Liste mit den Ortsnamen nicht gewesen. „Das mit den Flächen war abzusehen, es sind eher noch viel zu wenig, die offiziell bekannt gemacht worden sind“, sagt sie. Allein 21 Bohrungen hat es laut einer Übersichtskarte der Dea von 1956 im Erdölgewinnungsfeld Brande gegeben. „Und die Liste des Melur sagt über Größe, Tiefe und die Anzahl der Gruben nichts aus“, fügt Albrecht hinzu.

Welche Stoffe sich im Boden befinden könnten, darüber sei sich auch die Bürgerinitiative nicht sicher, so Ecke. „Die haben damals aus über 2000 Metern Tiefe gefördert. Das kann alles sein, was heute im Boden liegt.“ Es sei davon auszugehen, dass bei der Entsorgung nicht mit Sperrschichten gearbeitet worden sei, ergänzt Albrecht. Wahrscheinlich seien einfach Gruben ausgehoben und mit Bohrschlamm verfüllt worden. Die enthaltenen Stoffe könnten dann ins Grundwasser sickern. In Niedersachsen habe es bereits solche Fälle gegeben. „Wir wollen das herausfinden“, so Albrecht.

Zwei Probleme stellen sich dabei: „Es ist alles sehr vage“, sagt Ecke. „Man braucht die genauen Koordinaten der Standorte. Eine Untersuchung würde zudem enorm viel Geld kosten.“ Die Problematik betreffe zudem nicht nur die Bohrschlammgruben, sondern auch alle weiteren Tiefbohrungen. Um mögliche Gruben zu finden, ist die BI daher weiter auf der Suche nach Zeitzeugen, die Infos zu möglichen Standorten geben können. Hinweise werden unter nofrac@freenet.de entgegengenommen. Zudem gebe es laut BI die Möglichkeit, über die Dokumentation der Dea an weitere Infos zu kommen. „Aber das ist sehr schwierig, man kommt nur schwer an die Unterlagen“, so Ecke.

Akute Gefährdung bisher nicht bekannt

Laut Landesregierung ist eine von den Standorten ausgehende akute Gefährdung bisher nicht bekannt. „Aufgrund der vorliegenden Erkenntnisse ist das Gefährdungspotenzial für viele Standorte vergleichsweise gering einzustufen. Gleichwohl kann eine Gefährdung nicht für jeden Fall von vornherein ausgeschlossen werden“, heißt es in der Antwort an die Piraten. Das Trinkwasser soll laut Umweltminister Robert Habeck (Grüne) nicht gefährdet sein.

Auch in Barmstedt werden die Bohrschlammgruben in der Region zum Thema. In einer E-Mail an die Verwaltung hatte die Barmstedter Linke Liste (BALL) mehrere Fragen zu den Altlasten in der Region gestellt. Die BALL fragte unter anderem, wo die Ablagerungen aus den Ölbohrungen in Lutzhorn erfolgt sind. Zudem wollte die Fraktion wissen, ob die Ablagerungen das Grundwassereinzugsgebiet Barmstedts betreffen und ob es dadurch gefährdet sei. Zuletzt wollte die BALL wissen, ob die Ablagerungen bereits auf Gefahrenmomente untersucht worden sind und – falls nein – ob es erforderlich sei, solche näheren Untersuchungen vorzunehmen.

Die Antwort darauf liegt vor. Laut Auskunft der Kreisverwaltung liegen die drei Verdachtsflächen für Bohrschlammablagerungen in Lutzhorn alle außerhalb von Wasserschutzgebieten. In Lutzhorn gibt es laut Kreis drei Verdachtsflächen. Zwei davon würden sich mit bekannten Altablagerungen überschneiden. Die dritte Verdachtsfläche sei keine Altablagerung, hieß es. Eine Teilfläche einer der bekannten Altablagerungen sei im Jahr 2012 im Rahmen einer Bauleitplanung „auf die Gefährdungspfade Boden-Mensch und Boden-Grundwasser“ untersucht worden. Dabei hätten sich keine Gefahren herausgestellt. Zudem wies der Kreis noch einmal darauf hin, dass ein Gutachterbüro mit der Verifizierung der Daten und einer historischen Recherche zur Überprüfung aller potenzieller Verdachtsflächen in Schleswig-Holstein beauftragt werden soll. Abhängig von den Ergebnissen würden dann weitere Schritte erfolgen. Mit den Ergebnissen wird in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres gerechnet.

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erstellt am 12.Aug.2016 | 10:00 Uhr

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