zur Navigation springen

Pinneberger Tageblatt

28. Juli 2016 | 06:44 Uhr

Halstenbek : Spediteur schmeißt Neonazis raus

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ein Unternehmer aus Halstenbek setzt Rechtsextremisten vor die Tür. Ein Konkurrent schwärzt ihn anonym bei den Kunden an.

Halstenbek | Diesen Augenblick wird der Halstenbeker Speditionsunternehmer Rolf-Oliver Hertling wohl nie vergessen: „In unserer Firma arbeiten Neonazis“, teilte ihm ein aufgeregter Mitarbeiter per Telefon mit. Hertling, der sich gerade im Urlaub befand, war so schockiert, dass er abrupt die Heimreise antrat. „Ich sah mein Lebenswerk und das meiner Familie in Gefahr“, sagt der 50-Jährige.

Zurück in Halstenbek sah er sich mit einer Internetseite konfrontiert, auf der seine Spedition als Nazi-freundlicher Arbeitgeber an den Pranger gestellt wird. Schlimmer noch: Die auf der Website namentlich genannten fünf Personen aus der rechtsextremen Szene Norddeutschlands hätten in sozialen Netzwerken mit ihrem Arbeitgeber geprahlt und rassistische Sprüche neben das Firmenlogo gestellt, war auf der links gerichteten Internetseite zu lesen. „Keine Ruhe für Nazis am Arbeitsplatz“ lautet der Slogan der Initiative, die Unternehmen an den Pranger stellt, wenn sie Rechtsextremisten in der Belegschaft ausgemacht hat – ohne Rücksicht darauf, ob die betreffende Firma davon weiß oder nicht.

Für Hertling ein Alptraum. Das Halstenbeker Unternehmen zählt zu den Großen der Branche – auch im internationalen Geschäft. „Wir beschäftigen Menschen aus vielen Nationen mit unterschiedlichen Religionen. Menschen mit rechtsextremer Gesinnung im Betrieb – das ist für uns rein menschlich und als Unternehmen vollkommen untragbar“, sagt der Geschäftsmann, der versichert, keine Kenntnis von der Gesinnung dieser Mitarbeiter gehabt zu haben. „Hier sind mehr als hundert Mitarbeiter unterwegs, wie soll man da jeden einzelnen kennen“, fragt er.

Er handelte sofort: Vier der Rechtsextremisten waren nicht direkt in seiner Firma, sondern bei Subunternehmern beschäftigt – ihr Vertrag wurde mit sofortiger Wirkung aufgelöst. Den fünften Mann, einem direkt bei der Spedition Hertling Beschäftigten, beurlaubte er und sprach ihm die fristgerechte Kündigung aus. Obendrein griff Hertling tief in die Tasche und bezahlte eine Abfindung. „Es ist für mich nicht hinnehmbar, dass wir mit solchen Menschen in Verbindung gebracht werden. Ich habe deshalb keine Kosten und Mühen gescheut, um von dieser, ich sag es einmal so, Pest befreit zu werden“, betont Hertling, der dachte, dass die unangenehme Angelegenheit damit ausgestanden sei.

Doch weit gefehlt. Es kam noch schlimmer. „Kurze Zeit später bekam ich Anrufe von langjährigen Kunden“, erzählt Hertling. Der Grund: Sie alle hatten einen anonymen Brief „An die Geschäftsleitung“ erhalten, dessen Inhalt aus dem Ausdruck der links gerichteten Internetseite mit besagten Vorwürfen bestand.

Es ist der offenkundige Versuch, das Unternehmen in Misskredit zu bringen – als Arbeitgeber überzeugter Neonaizs. Die Internetinitiative kommt nach Recherchen des Radiosenders „NDR Info“ jedoch als Urheber nicht in Frage. „Diese Kreise könnten nicht einmal das notwendige Porto aufbringen, denn die Halstenbeker Firma hat einen langen Kundenstamm“, erklärt Redakteur Stefan Schölermann, auf dessen Schreibtisch eines der anonymen Schreiben landete.

Hertling vermutete schnell, dass ein Konkurrent seiner Firma die Pamphlete verschickt hat. „Man kennt sich in der Branche“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Erneut reagierte der Unternehmer prompt: „Wir haben uns zu vollständiger Transparenz entschlossen und alle Kunden im persönlichen Gespräch über den Vorgang informiert“, sagt der Firmenchef. Und mehr noch: Er erstellt einen Dokumentensatz, in dem schriftlich jedes Detail der Angelegenheit erläutert wird. Und: Per eidesstattlicher Versicherung erklärt Rolf-Oliver Hertling, dass keiner der Rechtsextremisten mehr in der Firma beschäftigt wird – ein Vorgang den es so noch nicht gegeben hat.

Das Verhalten des mutmaßlichen Konkurrenten sieht der Firmenchef aus Halstenbek indes mehr als kritisch: „So etwas ist mit den Grundsätzen eines ehrbaren Kaufmanns nicht zu vereinbaren“, sagt er. Dennoch nennt er den Namen nicht, obwohl er ihn inzwischen kennt. Ihm persönlich sei die Angelegenheit sehr nahe gegangen, bekennt der Fünfzigjährige freimütig – auch wirtschaftlich habe Einiges auf dem Spiel gestanden. „Der Kundenstamm und die Mitarbeiter sind das Rückgrat eines Betriebs“, weiß er. Dies habe ihn noch mehr motiviert, sich den Vorwürfen mit Offenheit entgegenzustellen.

Mit Erfolg: Mehrere seiner Kunden haben inzwischen „sehr positiv“ auf seinen Umgang mit der brenzligen Situation reagiert und die Verträge mit der Spedition verlängert.

zur Startseite

von
erstellt am 12.Jun.2014 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert