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Pinneberger Tageblatt

10. Dezember 2016 | 11:58 Uhr

Cosplay-Fans wollen helfen : Rollentausch für leidende Tiere

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

CharityAktion: Mit einem Jahreskalender wollen zwei Cosplay-Fans und zwölf Models Geld für den Hamburger Tierschutzverein sammeln.

Hamburg | Sie lachen und reden, laufen und rennen – im Hamburger Park Planten un Blomen herrscht wie immer reges Treiben. Nur ein Mann sitzt allein und regungslos am japanischen Teehaus auf dem Holzsteg, der in den kleinen See hineinragt. Er wartet. Nicht etwa auf Freunde, sondern auf sein Fotomodel. Und auch nicht auf irgendein Fotomodel, sondern die 18-jährige Cosplayerin Mitsuki, die sich mit Hilfe von Make-up und Kostüm in einen Anime-Charakter verwandelt. Vincent Bär, Hobbyfotograf aus Halstenbek, will sie heute in ihrem Kostüm vor der malerischen Kulisse von Herbstblättern, Felsen und einem sprudelnden Wasserfall fotografieren. Es ist eine Aktion für einen Kalender, dessen Erlös dem Hamburger Tierschutzverein zugutekommen wird.

Cosplay ist ein zusammengesetztes Wort aus „costume play“ (deutsch: Kostümspiel) und kommt aus Japan. Dort geht der Trend bis in die 1980er Jahre zurück. In den 1990er Jahren erreichte er auch die USA. Cosplayer verkleiden sich als ihre Lieblingscomichelden oder Mangafiguren. Sie verbringen Stunden damit, ihre Kostüme – meist nach Grafikvorlagen – zu schneidern, oft mit liebevollen und auch kostspieligen Details. Sie treffen sich auf Fan-Conventions wie der ChisaiiCon zu Rollenspielen, um an ihren Kostümen zu feilen und Wettbewerbe auszutragen. Eine zentrale Internetseite der deutschen Cosplay-Szene ist animexx.onlinewelten.com

Die Idee dazu hatte der 33-jährige Hamburger Cosplayer Sebastian Baumruker, dem Bär im Juni auf der jährlich stattfindenden ChisaiiCon in Wilhelmsburg auffiel: Gegen Spenden für die Deutsche Muskelschwundhilfe lichtete der Halstenbeker, der hauptberuflich Soldat in der Appener Unteroffizierschule ist, und über einen Freund zu Fotografie und Cosplay kam, dort Teilnehmer ab. Und schon war die Idee geboren, gemeinsam einen gemeinnützigen Cosplay-Kalender zu erstellen. Laut Bär sind es meist sehr hilfsbereite Menschen. „Cosplayer helfen immer gern für den guten Zweck. Das sind kreative Menschen, die mit Leidenschaft großen Aufwand mit ihren Kostümen betreiben, und auch ein Händchen dafür haben“, sagt er. Deshalb sitzt er heute auch im eisigen Wind am Teehaus und hält nach seinem Model Ausschau. Es ist eines der letzten Shootings für das Projekt.

In Planten un Blomen fanden die Cosplayer die Kulisse für ihr Shooting, das bei herbstlich-kühlen Temperaturen nicht zu lange dauern durfte.
In Planten un Blomen fanden die Cosplayer die Kulisse für ihr Shooting, das bei herbstlich-kühlen Temperaturen nicht zu lange dauern durfte. Foto: Kowalewski
 

Mitsuki – mit leuchtenden rosaroten Haaren und unter der Lederjacke bereits in ihrem gleichfarbig kurzen Kostüm – und der Initiator Baumruker kommen gemeinsam beim Teehaus an. Jetzt legt Bär los: Aus seinem Rucksack zieht er die Kamera und eine Softbox. „Alles mobil“, sagt er, während er das Stativ aufklappt und einen Systemblitz in der Box montiert. Baumruker dokumentiert den Fortschritt mit seiner Kamera. Die Bilder kommen auf eine eigens eingerichtete Internetseite. „Ich fand das super, dass Vincent für die Muskelschwundhilfe sammelt“, erläutert er, während von der anderen Seeseite Kinderlachen herüberschallt – neugierige Blicke verfolgen das Geschehen auf dem Steg. Davon lassen sich die drei in ihren Vorbereitungen nicht beirren. Sie merken es kaum, so beschäftigt und konzentriert sind sie.

Baumruker führt weiter aus: „Wenn man so viel Zeit für sein Hobby opfert, dann kann man dabei auch was Gutes tun. Auf die Idee mit dem Kalender bin ich durch meine Ausbildung als Mediengestalter gekommen. Das ist umsetzbar und realistisch.“ Trotzdem viel Arbeit: 200 Stunden hat Baumruker bisher in das Projekt investiert, hat Models gefunden und auch kurzfristigen Ersatz, hat Termine koordiniert – alles ehrenamtlich, alles für die Tiere. „Die Einnahmen gehen komplett an den Tierschutzverein.“ Der bekäme zwar Unterstützung von der Stadt Hamburg, aber das reiche gerade mal für einen Teil der laufenden Kosten. „Die Aktion ist kein Thema, das ich mir ausgesucht habe, weil es sich vielleicht gut verkaufen könnte. Der Verein kann was von jedem, der ein Herz für Tiere hat, gut gebrauchen“, sagt Baumruker nachdrücklich.

Gemeinsam für den Tierschutz: Vincent Bär (l.), Model Mitsuki im „Ichigo“-Kostüm und Projektorganisator Sebastian Baumruker.
Gemeinsam für den Tierschutz: Vincent Bär (l.), Model Mitsuki im „Ichigo“-Kostüm und Projektorganisator Sebastian Baumruker. Foto: Kowalewski
 

Neben ihm verwandelt sich Mitsuki blitzschnell in ihren Charakter „Ichigo“ aus der japanischen Manga-Serie „Tokyo Mew Mew“. Mit Hilfe eines kleinen Taschenspiegels samt Batman-Symbol klemmt sie Katzenohren auf ihrem rosa Haar fest. Denn passend zum Thema kann sich ihr Serien-Charakter in eine Katzenfrau verwandeln, um gemeinsam mit anderen die Tiere der Erde vor Aliens zu retten. Ein Schwanz mit Glöckchen liegt noch neben Mitsuki. Gefärbte Kontaktlinsen trägt sie bereits.

„Ich bin vor fünf, sechs Jahren über Freunde zum Cosplay gekommen“, sagt sie. „Ich habe schon als Kind Animes geguckt und fand die Klamotten der Charaktere voll toll. Mir gefällt besonders das Arbeiten daran, auch die Fotos, und dass ich Charaktere, die ich wirklich gern mag, darstelle. Und es ist was Tolles, in diesem Kalender zu sein.“ Dafür ist es auch ganz egal, ob es regnet oder – wie beim Shooting – ein kalter Wind pfeift. Bärs Bedenken wegen ihres knappen Kleides wischt sie mit einem Lachen weg.

Keine fünf Minuten später ergänzt Mitsuki das letzte Detail – rote Handschuhe, immerhin – und jetzt geht’s zum Glück ganz schnell: Bär holt sie an den Stegrand und zeigt ihr, wie sie sich dort hinsetzen, fast hinlegen soll, den Blick gedankenverloren in den grau verhangenen Himmel. Er zieht seine Blitzbox an die richtige Stelle und fotografiert drauflos. Gerade als er sich dazu flach auf den Bauch legt, flattert eine Möwe herbei – als hätte die Tierwelt einen Vertreter dazu geschickt, der sich das Projekt mal aus der Nähe ansehen soll. Fast sieht es so aus, als wollte sie mitten ins Bild fliegen, aber dann landet sie doch skeptisch am Stegrand und schaut von dort zu. Nicht ganz so skeptisch sind die menschlichen Passanten, die am Teehaus vorbeilaufen: Sie stupsen sich an, gucken und manche zücken ihr Smartphone, um selbst ein Foto zu schießen. Baumruker lächelt darüber, doch Model und Fotograf merken es überhaupt nicht.

Die Idee zu dem Cosplay-Kalender für den guten Zweck entstand auf der ChisaiiCon. Innerhalb von nur vier Monaten wurde das Projekt geplant, zwölf Cosplay-Models gefunden und abgelichtet. Über eine Internetseite kann der Kalender vorbestellt werden. Er kostet zwölf Euro plus Versand und wird ab dem 1. November verschickt. Auch der Hamburger Manga-Laden „J-Store“, Wandsbeker Chaussee 33, wird einige Exemplare vorrätig haben. Die Einnahmen gehen an den Hamburger Tierschutzverein.

Innerhalb von zehn Minuten ist alles im Kasten, das Shooting beendet. „Das war das kürzeste Shooting, bei dem ich je war“, kommentiert Mitsuki, die mit einer deutlich sichtbaren Gänsehaut schnell ihre Jacke wieder überzieht. Bär lacht. „Ich hatte das Bild schon fertig im Kopf“, sagt er. „Das ist anders als bei normalen Shootings, wo man acht bis zehn Motive fotografiert.“

Model, Fotograf und Initiator sind zufrieden mit dem Ergebnis. Genauso schnell wie alles aufgebaut war, ist auch alles wieder weg. Das Stativ ist verstaut, die Katzenohren sind verschwunden. Von der Manga-Figur bleiben nur das Kleid und die leuchtenden Haare. Die Bilder müssen zwar noch am Computer bearbeitet werden, doch der Kalender ist so gut wie fertig. Schon in zwei Wochen sollen 100 Exemplare zu je zwölf Euro plus Versand verschickt werden. Mitsuki, Bär und Baumruker hoffen, dass die Nachfrage groß ist und sie nochmal einen Schwung werden nachlegen müssen.

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erstellt am 16.Okt.2016 | 13:00 Uhr

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