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Pinneberger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 15:37 Uhr

Giftköder? : Rätselraten um rosa Klumpen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Michael M.* aus Quickborn entdeckt ein rosafarbenes, kaum zu identifizierendes Gebilde und alarmiert Ordnungsbehörde.

Quickborn | Es lag in Quickborn-Heide an einem Waldweg mitten auf einem abgesägten Baumstumpf. Ein kugelförmiges rosafarbenes Gebilde mit dunklen Pigmenten, kaum dicker als zwei Daumen. Der vorsichtige Test mit Handschuhen zeigte: Das Objekt ist leicht und von harter Konsistenz.

Als der aufmerksame Quickborner Michael M.* den seltsamen Gegenstand entdeckte, ereilte ihn ein furchtbarer Verdacht: Rattengift. Erst sechs Wochen zuvor war in dem Viertel ein fünfjähriger Leonberger nach dem Spielen im Garten unter Krämpfen zusammengebrochen. Der Besitzer ließ ihn einschläfern. Als Ursache vermutete die Tierärztin eine Epilepsie oder eben Gift. Unserer Zeitung wurde berichtet, dass an einem Wanderweg an der A7 Köder gefunden worden seien.

Offenbar hatte der unbekannte Täter wieder zugeschlagen, so der Verdacht. Ein Kollege von Michael M. bekämpft beruflich Schädlinge und nahm die rosafarbene Masse in Augenschein. „Das sind definitiv Rattengiftkugeln“, habe er gegenüber M. gesagt. Immerhin seien Nagespuren zu sehen. Anscheinend hatte der Köder die Tiere bereits angelockt.

M. brachte das Objekt zur Polizei und äußerte seinen Verdacht, dass es sich um Rattengift handle. „Was soll es sonst sein?!“, habe ihm eine Beamtin geantwortet. Die Polizei übernahm das Gebilde, um es fachmännisch überprüfen zu lassen. M. ließ die Wartezeit auf das Ergebnis nicht ungenutzt verstreichen. Er warnte sein Umfeld, stellte einer Quickborner Facebook-Seite ein Foto des mutmaßlichen Köders zur Verfügung. Die Polizei habe bestätigt, dass es sich um Rattengift handelt, war dort zu lesen. Es sei Anzeige gegen Unbekannt erstattet worden. 71 Nutzer teilten den Beitrag, 24 hinterließen das Symbol eines wütenden Gesichts, 14 kommentierten ihn mit scharfen Worten: „Diesen Leuten müsste man die Kehle aufschlitzen“, hieß es. „Bestie Mensch“, schrieb jemand. „Wenn ich die erwische, fressen die es selbst“, warnte ein Nutzer.

M. wartete auf Nachricht aus dem Veterinäramt des Kreises Pinneberg. Auf Anfrage unserer Zeitung teilte Kreissprecher Oliver Carstens aber mit: „Wir haben nicht die Möglichkeiten, das hier zu prüfen. Wir brauchen Spezialisten.“ Zudem sei das Objekt niemals im Kreishaus aufgetaucht.

Was Michael M. nicht wusste: Die Quickborner Polizei hatte das Beweisstück an den Ermittlungsdienst Umwelt und Verkehr in Pinneberg geschickt. Polizeioberkommissar Christian Tamm berichtete auf Anfrage unserer Zeitung, dass er in diesem Fall Rücksprache beim Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) gehalten habe. Die erste nüchterne und doch schockierende Auskunft: „Wir gehen im Moment davon aus, dass es sich im vorliegenden Fall um den Einsatz von sogenannten Antikoagulanzien-haltigen Rodentiziden handelt. Diese Produkte wirken durch einen Eingriff in die Blutgerinnungsfähigkeit“, erläuterte Tamm. Zu deutsch: Die Ratten verbluten innerlich.

Antikoagulanzienhaltige Rodentiziden führen bei Ratten zu einer innerlichen Verblutung. Die Wirkung setzt allerdings erst nach Stunden oder Tagen ein.

Antikoagulanzienhaltige Rodentiziden führen bei Ratten zu einer innerlichen Verblutung. Die Wirkung setzt allerdings erst nach Stunden oder Tagen ein.

Foto: dpa
 

Die Tücke des Mittels: Seine Wirkung tritt erst zeitverzögert ein. „Die Ratten sterben also nicht unmittelbar bei der Giftaufnahme, sondern erst Stunden bis Tage später durch die fehlende Blutgerinnung“, erläuterte der Kommissar. Hinzu komme: Bei den Produkten werde hinsichtlich der enthaltenen Wirkstoffe nach Mitteln der ersten und zweiten Generation unterschieden. Laien dürften nur die Köder der ersten Generationen einsetzen, allerdings nur in Gebäuden und um sie herum, keinesfalls aber in offenem Gelände. Zudem seien die Substanzen für Kinder unbedingt und für Haus- sowie Wildtiere möglichst unzugänglich auszulegen. M. hatte den mutmaßlichen Köder dagegen an einem öffentlichen Weg gefunden.

Tamm betonte: Sämtliche Angaben zum Umgang mit den Substanzen würden in den Gebrauchsanweisungen stehen. „Ein vorsätzlicher oder fahrlässiger Verstoß stellt eine Ordnungswidrigkeit im Sinne des §26 (1), Nr. 7a Chemikaliengesetz dar“, betonte der Kommissar. Das gelte auch bei einem Missbrauch von Mitteln der zweiten Generation, die nur von Experten eingesetzt werden dürften. Die dürften sie auch in offenem Gelände verwenden, allerdings nicht offen sichtbar. Einziger Trost: „Alle Köder sind mit Bitterstoffen versetzt, so dass bei einer versehentlichen Aufnahme zum Beispiel durch Kinder sehr wahrscheinlich allenfalls nur eine kleine Menge des Wirkstoffes aufgenommen wird“, erläuterte Tamm. Er riet: Sofern der Verdacht einer Aufnahme bestehe, sollte ein Arzt oder Tierarzt aufgesucht werden.

Bei dem angeblichen Köder sei zu prüfen, ob es zu einem Schadensfall gekommen ist. „Im Bereich einer Straftat wird die Staatsanwaltschaft über die Untersuchung entscheiden“, kündigte Tamm an.

In dem konkreten Fall gab aber ein Experte Entwarnung: „Nach Begutachtung des ausgelegten Materials durch einen fachkundigen Schädlingsbekämpfer gehen wir nun davon aus, dass es sich um einen bereits stark abgenagten Gummiball handelt“, teilte Tamm mit. Gründe für die Annahme: Die Konsistenz sei für Rattengift untypisch. Es gab keine Geschädigten und keine weiteren Funde. Tamm ließ das Material ordnungsgemäß entsorgen.

Michael M.* überzeugt diese Einschätzung nicht. „Ich kenne keinen Gummiball, der diese Konsistenz hat. Das ist wie ganz harter Bauschaum“, sagte er. Offenbar könne niemand genaue Angaben dazu machen. Der Fall bleibt rätselhaft.

(* Namen geändert)

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erstellt am 19.Okt.2016 | 10:00 Uhr

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