zur Navigation springen

Pinneberger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 20:28 Uhr

Der Dämon sitzt auf ihrer Schulter : Portrait einer Spielsüchtigen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Pinnebergerin Sylke S. spricht über ihre verhängnisvolle Spielsucht. Arbeiterwohlfahrt bietet neue Selbsthilfegruppe an.

Pinneberg | Sylke S., 49, ist eine kommunikative Frau. Sie hat kein Problem damit, über ihre Sucht zu reden. Die Pinnebergerin ist spielsüchtig. Die Daddelautomaten haben es ihr angetan. 33 Jahre zockte Sylke S. In dieser Zeit verprasste sie unzählige Gehälter, oft noch am Abend des Auszahlungstages. „Ein Einfamilienhaus habe ich wohl verspielt“, sagt sie. Und die Beziehung zu ihrem Mann Olaf S. (46) fast verloren. Jetzt lebt sie in Waldenau, getrennt von ihrem Mann. „Da gibt es weit und breit keine Spielhallen.“

Die Selbsthilfegruppe für Glücksspielsüchtige trifft sich jeden ersten und dritten Dienstag im Monat im Fahltskamp 30 in Pinneberg. Beginn ist  jeweils um 19 Uhr. Ansprechpartner ist Suchttherapeut Martin Witte unter 04101-606580.

Sylke S. zieht Bilanz in der Awo-Beratungsstelle „Das Schiff“ am Fahltskamp. Im Beisein ihres Mannes und des Awo-Suchttherapeuten Martin Witte. Unlängst hat die Pinnebergerin sich der neuen Selbsthilfegruppe angeschlossen. Sie will Betroffenen helfen und ihre Erfahrungen weitergeben. „Es ist wie bei einem Alkoholiker. Man ist trocken, aber nicht geheilt“, sagt sie. 2013 ging sie in Bad Hersfeld in Therapie. „Da sind Dinge in mir hochgekommen. Ich kompensiere etwas, was in meinem Leben nicht gut gelaufen ist“, weiß sie. Näheres möchte sie nicht sagen. Die Aufarbeitung habe dazu geführt, dass sie Depressionen bekam. Heute ist sie erwerbsunfähig.

Mit 16 Jahren fing das Drama an: „Mein Vater hat mich zum Frühschoppen in die Kneipe mitgenommen und mir fünf Mark für den Spielautomaten in die Hand gedrückt. Vier Wochen später habe ich zum ersten Mal Geld geklaut“, sagt sie. Es war der Beginn eines Teufelskreises.

Sylke S. ist ein untypisches Beispiel: Der klassische Glücksspieler ist eigentlich männlich. Nach Schätzungen der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim sind etwa 80 Prozent der pathologischen Glücksspieler Männer. Ein weiterer Unterschied ist den Wissenschaftlern zufolge, dass ein großer Teil der spielsüchtigen Frauen in der Kindheit schwer traumatisiert worden seien. Frauen werden seltener, aber schneller spielsüchtig. Genauso wie Sylke S.

Der ratternde Automat

Es ist dieses Verlangen nach den ratternden Automaten mit ihren blinkenden Lichtern, ihren schrillen Tönen. „Die Daddelhallen haben einen ganz bestimmten Geruch und Geräusche, auf die ich extrem reagiere.“ Dabei sei es gar nicht die Sucht danach, das Glück immer wieder aufs Neue herauszufordern. „Zocken ist für mich eine Welt, in die ich mich zurückziehen kann, wenn es mir nicht gut geht“, sagt Sylke S. Doch die Kehrseite der Medaille ist der Kontrollverlust über die Finanzen. „Beim Einkauf habe ich immer das Billigste vom Billigen gekauft, um Geld fürs Spielen übrig zu haben.

In 45 Minuten sind 50 Euro weg. Ich habe im 45-Minuten-Takt Geld vom Konto geholt.“ Zunächst sei sie ein guter Finanzjongleur gewesen. Als sie und ihr Mann sich jobmäßig verschlechterten, wurde es eng. Sylke S. musste Pfandgeld sammeln, um zocken zu können. Die Schulden wuchsen dem Paar dann aber über den Kopf. Den Tiefpunkt erreichte sie, als ihr Mann nach einem Unfall im Krankenhaus lag. Dort schnappte sie sich Portemonnaie und EC-Karte. „Ich habe das gesamte Gehalt verzockt. Ich weiß bis heute nicht, wo ich gewesen bin.“ Ein weiterer Vertrauensbruch, den ihr Mann ihr nicht mehr verzeihen will. Er forderte sie auf, das Haus zu verlassen.

Sylke S. hat Lehrgeld gezahlt. Sie hofft, dass sie irgendwann wieder mit ihrem Mann zusammenkommt. „Ich habe gelernt, zu dem Dämon auf meiner Schulter Nein zu sagen, wenn er sagt: Du hast Geld, lass uns spielen gehen“, sagt sie.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 28.Mai.2016 | 13:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen