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Pinneberger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 14:45 Uhr

Von der Gemeinde zur Stadt : Pinneberg vor dem 1. Weltkrieg

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Weichenstellungen für die Zukunft: Wie aus zwei Gemeinden eine wurde und die Stadt die Grundlagen für ihre Infrastruktur schaffte.

Pinneberg | „Pinneberg – Vom Kaiserreich zur Republik (1900-1923)“ – so heißt das neue Buch der Pinneberger Geschichtswerkstatt der Volkshochschule (VHS). Es erscheint Anfang Dezember und kostet 15 Euro. In Kooperation mit der VHS veröffentlicht unsere Zeitung eine Begleitserie mit ausgewählten Beiträgen. Im ersten Teil geht es um Pinnebergs Demografie.

1875 erhielt Pinneberg das Stadtrecht. Damals hatte Pinneberg 3060 Einwohner. Bis 1900 stieg die Einwohnerzahl auf 4147, also um rund 40 Personen pro Jahr, ein eher bescheidenes Wachstum. Bedeutendster Arbeitgeber war die Emaillefabrik Wupperman an der Moltkestraße, deren Beschäftigtenzahl im selben Zeitraum von 170 auf 621 stieg. Nach der Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des Krieges 1914 sollte sich die Entwicklung in Pinneberg beschleunigen. Ein wesentlicher Grund dafür war das Wachstum der Wuppermanschen Fabrik.

Pinneberg endete damals im Norden an der Pinnau. Wer die einzige Pinnaubrücke der Stadt überquerte, kam nach Pinnebergerdorf, einem traditionellen Dorf wie Prisdorf oder Appen, dessen Einwohner von der Landwirtschaft lebten. Die große Nähe zu Pinneberg und geringere Lebenshaltungskosten veranlassten aber schon früh Handwerker und später auch Arbeiter, sich in Pinnebergerdorf niederzulassen. Diese Entwicklung erhielt 1890 eine völlig neue Wendung, als Hermann Wupperman ein großes Areal am Peiner Weg kaufte, um dort Wohnungen für seine Arbeiter zu bauen. Noch im gleichen Jahr entstanden die ersten vier Häuser der Wupperman-Siedlung.

Streit um Kosten für Schule

Dies hatte wiederum schwerwiegende Folgen für die Schule Pinnebergerdorf, ein 1830 erbautes zweiklassiges Reetdachgebäude an der Friedenstraße. 1895 wurden dort drei Klassen mit zusammen 185 Kindern untergebracht. Von diesen 185 Schülerinnen und Schüler stamm-ten aber nur 69 von in Pinnebergerdorf ihren Lebensunterhalt verdienenden Eltern, während die Eltern von 116 Kindern in Pinneberger Fabriken und auf der Eisenbahnstation arbeiteten.

Pinnebergerdorf baute 1897/98 eine neue Schule (das heutige Vordergebäude der Hans-Claussen-Schule), die aber schon bald wieder aus allen Nähten platzte. Andererseits erhielt Pinnebergerdorf keinen Anteil an den Steuereinnahmen, die die Stadt Pinneberg aus den Industriebetrieben erzielte. Genau für solche Fälle sah das preußische Kommunalabgabengesetz von 1893 einen finanziellen Ausgleich vor. Im Januar 1895 stellte der Pinnebergerdorfer Gemeindevorsteher Krohn einen entsprechenden Antrag bei der Stadt Pinneberg, der vom Stadtverordnetenkollegium sofort abgelehnt wurde. Der Streit ging bis zum höchsten Schlichtungsgremium Schleswig-Holsteins, dem Bezirksausschuss, der Landrat Scheiff als Vermittler einsetzte. Im Ergebnis musste Pinneberg auf fünf Jahre 1000 Mark jährlich zu den Pinnebergerdorfer Schulkosten beitragen.

Die Gaskommission legt 1912 den Grundstein zur Erweiterung der Gasanstalt. Erste Reihe: Stadtbautechniker Hansen (v. l.), Bürgermeister Heinsohn, Färber Magin, zweite Reihe: Apotheker Paulsen, Ingenieur Busch, Kaufmann A. Binné, Maurermeister Strupp, ganz rechts: Gasmeister Baum.
Die Gaskommission legt 1912 den Grundstein zur Erweiterung der Gasanstalt. Erste Reihe: Stadtbautechniker Hansen (v. l.), Bürgermeister Heinsohn, Färber Magin, zweite Reihe: Apotheker Paulsen, Ingenieur Busch, Kaufmann A. Binné, Maurermeister Strupp, ganz rechts: Gasmeister Baum. Foto: Stadtwerke
 

Am 12. Februar 1900 stellte Gemeindevorsteher Wahn bei der Stadt Pinneberg den Antrag, den Zuschuss von 1000 Mark auf 3500 Mark zu erhöhen, weil mittlerweile 250 Schüler in vier Klassen die Schule besuchten, von denen 177 von den in Pinneberg beschäftigten Arbeitern stammten, und man den Bau einer fünften Klasse ins Auge fasste. Der Rechtsstreit zog sich bis 1902 hin, die Schülerzahl stieg weiter: 1895 gab es 185 Schüler und drei Klassen, 1900 genau 278 Schüler und vier Klassen sowie 1904 bereits 326 Schüler und sechs Klassen. Wieder war es die Firma Wupperman, die die Stadt zu einer entscheidenden Wende bewegte. 1903 eröffnete sie in Pinnebergerdorf das neu erbaute Werk II mit einer großen Feier. Aus Anlass dieser Feier hatten die Inhaber des Werks, Frau Wupperman und Franz Haniel, der Schule Pinnebergerdorf 20.000 Mark gespendet, die den Bau des hinteren Schulhauses ermöglichten. Die Stadt sah ihre Steuereinnahmen sinken und war jetzt ernsthaft bereit, Pinnebergerdorf einzugemeinden. 1890 war ein entsprechender Antrag Pinnebergerdorfs noch einstimmig abgelehnt worden.

Die Verhandlungen verliefen unter Vermittlung des Landrats problemlos und schon zum 1. April 1905 wurde die Eingemeindung Pinnebergerdorfs vollzogen. Mit einem Schlag war Pinneberg von 473 Hektar auf 1006 Hektar angewachsen, die Einwohnerzahl stieg von 4147 1900 auf 6097 Ende 1905.

Dieser Wachstumsschub hatte weitere Auswirkungen. Die Selbstverwaltung in der bisherigen Form erschien nicht mehr ausreichend. 1910 führte Pinneberg die volle Städteordnung ein – mit jetzt zwei Gremien der Selbstverwaltung: dem Magistrat und der Stadtverordnetenversammlung. Das änderte aber nichts daran, dass weiterhin nur besser gestellte Männer das Kommunalwahlrecht ausüben durften. Dies bedeutete 1905, dass von 6097 Einwohnern 619 wahlberechtigt waren, 1910 von 6812 Einwohnern 945. Die Wahlbeteiligung bei den Stadtverordnetenwahlen von 1905 bis 1910 betrug zwischen 31 Prozent und 62 Prozent.

Grundbesitzer legten neue Straßen an

Die städtebauliche Entwicklung begannen die städtischen Gremien durch Fluchtlinienpläne und Bebauungspläne zu steuern. Dadurch vereinfachte und beschleunigte sich auch die Anlage neuer Straßen wie etwa der Schloss- und der Paulstraße und später der Bismarckstraße. Neue Straßen wurden zu dieser Zeit meist von Grundbesitzern angelegt, um Bauplätze zu erschließen, und gingen nach einer gewissen Zeit auf die Stadt über. So errichtete im Wesentlichen der Apotheker Otto Paulsen Schloss- und Paulstraße, während Bäcker Martin Groth und Eisenwarenhändler Christian Johannsen die Bismarckstraße erbauten.

Nur an einer Stelle kam es zu einer heute nicht mehr nachvollziehbaren Fehlentscheidung. Durch den Eisenbahnbau war der Fahlt durchtrennt worden, ein kleineres Waldstück lag südwestlich der Bahn an der Mühlenau (heute etwa vom Tunnel bis Autohaus Reimers). 1910 bot die Königliche Forstverwaltung der Stadt dieses Fahltstück zum Kauf an. Darauf wollte die Stadt nicht eingehen und so erwarb 1911 in einem öffentlichen Bieterverfahren die Halstenbeker Baumschule Pein und Pein das Gelände, um dort ein Villenviertel zu errichten und Gewerbebetriebe anzusiedeln. Wenn sich jetzt die städtischen Kollegien und Landrat Scheiff beim Oberpräsidenten vergeblich für den Erhalt des Fahlts einsetzten, erscheint dies als pure Heuchelei, da die Stadt das Gelände mehrmals hätte kaufen können. Als erstes kam 1913 die Norddeutsche Maschinenfabrik, die als ILO später zum größten Betrieb Pinnebergs aufsteigen sollte.

Besonderes Augenmerk richtete die Verwaltung auf den Ausbau der städtischen Infrastruktur. 1904 kaufte die Stadt das Gaswerk, modernisierte und erweiterte es. 1912 begannen die zentrale Wasserversorgung (Wasserwerk Peiner Weg der Firma Wupperman) und die eigene Stromversorgung (Elektrizitätswerk Koppelstraße von Johann Metzger). Die Verteilung des Wassers und der Elektrizität einschließlich des Leitungsbaus übernahm die Stadt. Die Eingemeindung Pinnebergerdorfs erwies sich als bedeutender Meilenstein für die weitere Entwicklung Pinnebergs. Am Vorabend des ersten Weltkrieges schien Pinneberg mit seinen 6887 Einwohnern auf einem guten Wege zu sein.

Wer kennt die Schüler auf dem Klassenfoto? Melden Sie sich unter Telefon 04101-5356120 oder per E-Mail an redaktion@a-beig.de
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