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Pinneberger Tageblatt

02. Dezember 2016 | 23:28 Uhr

Obdachlose pilgern zum Papst

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Aktion Im Jahr der Barmherzigkeit lädt Franziskus für nächste Woche Menschen aus prekären Lebensverhältnissen nach Rom ein

Wer sich nächste Woche im Vatikan segnen lassen möchte, wird nicht nur von heiligen Würdenträgern und Nonnen umringt sein, sondern auch von Menschen, die sonst außerhalb der Gesellschaft stehen. Im Jahr der Barmherzigkeit lädt Franziskus für nächste Woche Menschen aus prekären Lebensverhältnissen nach Rom ein.

Mit dabei ist auch eine Gruppe aus Pinneberg: Der Diplom-Sozialpädagoge Peter Diekmann von der Wohnungslosenhilfe der Diakonie hat die beiden Obdachlosen Roumen Hardt (46) und Derk Bieler (44) sowie den Ex-Wohnungslosen Gerd Reßke (60) gefragt, ob sie die Aktion unterstützen wollen – und die drei haben sofort „Ja“ gesagt. Gemeinsam feiern die etwa 5000 Pilger aus ganz Deutschland – etwa 70 mit ihren Begleitern sind aus dem Erzbistum Hamburg – vom 11. bis zum 13. November mit dem Papst das Jubiläumsfest „Fratello“ („Bruder“) zum Jahr der Barmherzigkeit in der Heiligen Stadt. Am Freitag beginnt um 11.30 Uhr die Katechese mit dem Papst, am Tag darauf findet eine Wort-Gottes-Feier statt und am Sonntag steht eine Messe mit dem Papst an.

„Es ist der ausdrückliche Wunsch von Franziskus, dass in dem von ihm ausgerufenen Heiligen Jahr auch Arme und Obdachlose teilnehmen können“, sagt Diekmann. Die Pilgerreise soll die Situation obdachloser Menschen stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Die Wallfahrt soll darüber hinaus Obdachlosen und Begleitern aus ganz Europa die Gelegenheit bieten, sich auszutauschen.

Die drei Teilnehmer aus Pinneberg haben eine Menge zu erzählen. Hinter den Männern stehen Schicksale, die zu Herzen gehen, die einen staunen lassen. Eines steht fest: Es kann jeden treffen.

Derk Bieler flog nach einer Scheidung aus der Wohnung. „Vorübergehend habe ich bei meiner Schwester und meinem Schwager gewohnt. Dann hatten sie deswegen Ärger mit dem Vermieter und ich musste aus der Wohnung raus. Ich habe mir nicht vorstellen können, wie schnell so etwas passiert.“ Er und Hardt wohnen derzeit zusammen in einem Doppelzimmer in einer Obdachlosenunterkunft am Thesdorfer Weg.

Roumen Hardt stammt aus Rumänien und ist das, was man früher wohl einen Handwerksburschen nannte. Er bereiste die Welt, aber war immer ohne Wohnsitz. Ein Tagelöhner. Schließlich landete er in Hamburg und hörte von der Wohnungslosenhilfe in Pinneberg. „Ich musste mal zur Ruhe kommen.“


Mit Religion nichts am Hut


Bei Gerd Reßke war es nicht das Schicksal, sondern seine eigene Entscheidung, die zur Obdachlosigkeit führte. „Ich hatte einen Burn-Out. Ich wollte nicht mehr. Da habe ich eines Tages die Tür hinter mir zugezogen und alles dagelassen. Ich wollte raus“, sagt Reßke, der schon vor der Maueröffnung von Leipzig in die Bundesrepublik kam und als Maler arbeitete. Nach dem Ausstieg lebte er auf der Straße, schlief unter Brücken und auf Bahnhöfen. „Von der Bahnhofsmission wurde ich von der Straße aufgelesen“, sagt er. Mit Hilfe der Diakonie bekam er eine Wohnung. Heute engagiert er sich für die Bahnhofsmission.

Bemerkenswert ist, dass alle drei mit Religion nichts am Hut haben. „Ich bin weder getauft noch konfirmiert“, sagt Reßke. Was soll dann die Reise nach Rom bringen? „Für mich ist es eine neue Erfahrung“, sagt Bieler. „Ich freue mich darauf, die Kultur eines anderen Landes kennenzulernen“, ergänzt Hardt. Außerdem höre er gern biblische Geschichten. Alle drei freuen sich darauf, die anderen Teilnehmer zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen.

Bezahlen müssen die Pilger übrigens nichts, der Vatikan spendiert Kost und Logis. Und die Strecke nach Rom müssen die Pilger aus Pinneberg auch nicht zu Fuß zurücklegen. Am Donnerstag geht’s von Hamburg aus mit dem Flugzeug nach Rom.

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erstellt am 05.Nov.2016 | 16:54 Uhr

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