zur Navigation springen

Pinneberger Tageblatt

11. Dezember 2016 | 12:56 Uhr

Das Sonntagsgespräch : „Niemand muss vor dem Islam Angst haben“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Sonntagsgespräch: Heute mit Daniel Ahmad, Ahmadiyya-Gemeinde Pinneberg.

Pinneberg | Daniel Ahmad ist Mitglied der islamischen Reformgemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat und Sprecher der Ahmadiyya-Gemeinde in Pinneberg. Im Sonntagsgespräch erklärt er unter anderem, warum der Islam aus seiner Sicht Teil unserer Gesellschaft ist.

Daniel Ahmad (37) wohnt seit 2011 in Pinneberg. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und arbeitet als Fluggerätemechaniker. Sein Vater ist Pakistani, seine Mutter kommt aus Bremen.

Wie sieht das Ahmadiyya -Gemeindeleben in Pinneberg aus?
Wir haben einen Raum, in dem wir uns täglich zum Gebet treffen können. Von besonderer Bedeutung ist für uns das Freitagsgebet. Mindestens einmal pro Monat versuchen wir zudem, alle Mitglieder zu einem religiösen Austausch zusammenzubekommen. Unsere Jugendorganisation bietet Unterricht für Kinder an. Außerdem will unsere Gemeinde in jedem Ort im Kreis einen Baum pflanzen. Dazu kommen bundesweite Aktionen wie der traditionelle Neujahrsputz. Derzeit haben im Kreis 285 Mitglieder, davon leben etwa 85 Prozent in Pinneberg.

Was sind die Kennzeichen der Reformgemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat?
Wir haben ein friedliches Verständnis vom Islam. Eines unserer wichtigsten Anliegen ist, nach außen zu transportieren, dass niemand vor dem Islam Angst haben muss. Wir sind eine relativ junge Gemeinde, die erst 1889 in einem kleinen Ort in Indien gegründet wurde und inzwischen weltweit in mehr als 200 Ländern vertreten ist. Unser religiöses Oberhaupt ist der Kalif, der auch schon im Europäischen Parlament sprechen durfte und dort zum gemeinsamen Frieden aufrief. Wir leben nach dem Grundsatz „Liebe für alle. Hass für keinen.“ Das ist im Prinzip die Zusammenfassung unserer Lehre. Überhaupt ist die überwältigende Mehrheit der Muslime friedlich. Leider bestimmen gerade die wenigen Ausnahmen die Schlagzeilen. Dabei schließt der Koran Gewalt und Selbstmorde ausdrücklich aus. Unsere Religion lässt also terroristische Anschläge gar nicht zu. Es schmerzt mich, dass diese Attentate ein schlechtes Bild auf alle Muslime werfen.

Hat sich durch die Terroranschläge in Deutschland das Bild vom Islam verändert?
In Pinneberg zum Glück nach meinen Erfahrungen nicht. Ich habe die Pinneberger immer als offene und neugierige Menschen kennengelernt, die wissen, dass es nicht nur den einen Islam gibt. Da hier im Prinzip jeder jeden kennt, ist der Umgang miteinander unkompliziert. Das ist aber zum Beispiel in den neuen Bundesländern ganz anders. Dort wissen viele nur wenig über unsere Religion. Und Unwissenheit führt zu Angst und Vorurteilen. Wir versuchen auch dort, die Ängste abzubauen.

Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie die aktuelle politische Entwicklung?
Positiv und negativ. Jede Form von Rassismus und Gewalt macht mich traurig. Positiv ist, dass sich viel mehr Menschen mit dem Thema „Islam“ beschäftigen und unsere Religion differenzierter betrachten. Ich glaube, dass sich dadurch die Toleranz gegenüber dem Islam erhöht. Aber auch die Anfeindungen werden zunehmen. Dem können wir nur durch Aufklärung und durch unser Beispiel entgegenwirken. Wenn die Menschen merken, dass wir gute und hilfsbereite Nachbarn sind, wird sich das positiv auswirken.  Da trägt jedes einzelne Gemeindemitglied Verantwortung.

Wie klappt die Zusammenarbeit mit anderen muslimischen Gemeinden?
Unsere Gemeinde nimmt eine Sonderstellung ein. Wir glauben, dass unser Gründer  Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad der verheißene Messias war. Viele sehen uns deshalb nicht als Muslime an. Daher werden wir in vielen Ländern verfolgt. Wir bieten aber trotz allem unsere Zusammenarbeit an und wollen, dass alle Muslime eine Gemeinschaft bilden. Das schließt ja nicht aus, dass es Unterschiede gibt. Hier in Deutschland herrscht  zum Glück Religionsfreiheit und wir sind geschützt. Gerade in der Bundesrepublik haben wir uns so stark entwickelt, dass andere islamische Gemeinden auf Dauer nicht an uns vorbei kommen.

Viele Muslime mussten ihre Heimat verlassen, weil dort Krieg herrscht. Wie erleben Sie die Flüchtlingswelle?
Wir versuchen zu helfen und haben in Pinneberg beispielsweise Wohnungen für Flüchtlinge renoviert und bei der Einrichtung der Kleiderkammer mitgewirkt.

Wie ist das Verhältnis zu Vertretern anderer Religionen?
Der interreligiöse Dialog ist uns enorm wichtig. Gerade in Pinneberg ist das Verhältnis sehr gut. Es gibt einen regelmäßigen Austausch. So waren wir beispielsweise nach dem tragischen Anschlag auf eine jüdische Schule in Frankreich bei einem Trauergottesdienst der Jüdischen Gemeinde dabei.

Ex-Bundespräsident Christian Wulff sagte „Der Islam gehört zu Deutschland“. Trifft das aus Ihrer Sicht zu?
Ja. Es wird häufig vergessen, dass es schon seit Jahrhunderten einen engen Austausch mit dem Islam gibt. Ich selbst bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Besondere Rücksicht auf meine Religion wurde übrigens während meines Grundwehrdienstes bei der Bundeswehr genommen. Da wurde zum Beispiel sehr darauf geachtet, dass ich die Gebetszeiten einhalten konnte. Es war fast so, als ob man Angst hatte, etwas falsch zu machen. Für mich ist klar, dass ich im Notfall bereit wäre, Deutschland zu verteidigen. Die Demokratie ist nach meiner Auffassung sowieso die Staatsform, die am besten zum Islam passt.

zur Startseite

von
erstellt am 16.Okt.2016 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert