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Pinneberger Tageblatt

29. September 2016 | 20:41 Uhr

Kollision an Bahnübergang in Garding : Nach Tod des kleinen Matteos: Mutter appelliert an Deutsche Bahn

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ihr fünfjähriger Sohn starb im Mai, als ihr Auto in Garding mit einem Zug kollidierte. Jetzt fordert Maria Plichta aus Halstenbek Schranken für jeden Bahnübergang.

Halstenbek/Kiel/Berlin | „Wir haben auf der Wiese noch die Schafe bestaunt. Dann konnte ich nur noch sagen: ‚Der Zug.‘ Danach war alles schwarz.“ Maria Plichta sitzt in ihrer Küche. In ihrem neuen, gemütlichen Einfamilienhaus in Halstenbek (Kreis Pinneberg). Und sie redet. Über einen tragischen Unfall, der ihr Leben veränderte. Über den 11. Mai, 16.45 Uhr. Die Uhrzeit erinnert die 36-Jährige genau. Sie redet über den Tag, als sie ihren angebeteten, geliebten Sohn Matteo (5) bei dem Zusammenprall mit einem Regionalzug in der Nähe von Garding verloren hat.

Ihre Mutter ist seit einer Woche bei ihr. Hilft, wo sie kann. „Große Unterstützung bekommen wir aus meiner Hamburger Gemeinde, der evangelischen Freikirche Torstraße. Mitglieder kochen, helfen uns bei der Betreuung und bei der Gartenarbeit.“ Die zweijährige Elena schläft gerade. Mittagsruhe in ihrem Kinderzimmer im Obergeschoss.

Maria Plichta hat ihre Beine auf einen Fußschemel gelegt. Zur Entlastung der gebrochenen Hüfte. Und um den Schmerz durch die zahlreichen Hämathome zu mildern. Laufen kann sie nur mit Hilfe von Krücken. Für längere Strecken steht ein Rollstuhl im Flur bereit.

„Am Steuer des Unglückswagens saß mein Vater“, sagt Plichta mit fester Stimme. „Matteo saß im Kindersitz. Vorn auf dem Beifahrersitz. Meine Mutter, Elena und ich auf der Rückbank. Anders hätten wir zu Fünft einfach nicht ins Auto gepasst.“ Der Ehemann ist zu Hause geblieben, konnte nicht mit. Die Arbeit. „Sonst wären wir mit zwei Autos gefahren.“


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Brief an meinen toten Sohn

Hallo Mäuschen, oh sorry, du wolltest ja nie „Mäuschen“ genannt werden, sondern lieber „Schatz“ oder „Steppke“! Also dann: Hallo, mein Schatz! Nun fehlst du uns schon zwei unendlich lange Wochen, und du würdest kaum glauben, was hier alles in der Zwischenzeit passiert ist!? Mal abgesehen davon, dass ich endlich aus dem Krankenhaus nach Hause durfte (meine Beine würdest du momentan lieben, sie haben deine Lieblingsfarben: Lila und Blau!), ist eine ganze Menge geschehen, was unser aller Leben ganz schön verändert hat. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll?! Na gut, beginnen wir mal mit dem Positiven: Ja, Elena geht's super, du musst dir keine Sorgen um sie machen! Ich kenne dich ja als großen Bruder, und die Sorge um deine kleine Schwester – auch wenn ihr euch gerne öfter mal gezankt habt, und sie natürlich IMMER schuld war ... Sie hat bei dem Unfall wirklich nur einen kleinen Kratzer auf der Stirn abbekommen, bei dem sogar schon der Schorf abgeht. Ich habe ihr gesagt, dass du jetzt ganz weit oben, hinter den Flugzeugen bist, hinter den Wolken, und zu uns runter winkst. Daraufhin winkte sie nach oben und sagte: „Hallo Matteo! Matteo Fuudzeud?!“ Ich fürchte ein bisschen, dass sie jetzt das nächste Mal, wenn sie nen Flieger besteigt, zuerst nach dir Ausschau hält ...     

   Weißt du, was das Einzige ist, was mich weiter machen lässt hier unten? Die Tatsache, dass ich weiß, dass es dir bei Gott auf den himmlischen Wiesen so gut geht! Dass du alles hast, was du brauchst, dass du dir nie mehr weh tun wirst (und das will schon was heißen!? Bist ja schließlich Mamas Sohn, hehe!), dass du schon an dem Ort bist, wo wir uns alle eines Tages wiedersehen werden: Bei Gott im Himmel! Mach's gut, mein Schatz! Ich küss dich – wenn auch nur virtuell. Deine dicken, feuchten Knutscher werden mir tierisch fehlen ... Ich meld mich wieder! 

Mama (auf Kuschelentzug)
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Nicht zum ersten Mal fuhr die Familie so gemeinsam in den Urlaub. In eine ländliche Gegend. Die Straße zum unbeschrankten Bahnübergang mit Andreaskreuz ist holprig. Der Großvater muss sich während der Fahrt konzentrieren, Geräusche dringen ins Wageninnere, weil der Unterboden Sträucher streift.

„Der Zugführer gab zweimal ein Warnsignal. Wir haben es nicht gehört.“ Beim Zusammenprall, auf der Seite von Matteo, wurde der Wagen meterweit mitgeschleift, landete schließlich auf dem Dach in einem Graben. „Als ich aufwachte, spürte ich, ich komme nicht raus“, erinnert sich Plichta genau. Der Gurt saß fest. Ihr 66-jähriger Vater war am Kopf schwer verletzt und blutete. „Ich hätte nicht gedacht, ihn jemals lebendig wieder vor mir zu sehen.“

Ihre Mutter zog sich Brüche der Rippen und des Brustbeins zu, musste drei Wochen lang im Krankenhaus behandelt werden. Die kleine Elena hatte dagegen einen Schutzengel. „Sie hat wahnsinnig Glück gehabt. Sie hat nur ein paar Kratzer abbekommen und die ganze Zeit geweint“, erinnert sich die Mutter.

Autogarage und Legosteine: Matteo sprühte vor Kreativität. (Foto: Vogel)
Autogarage und Legosteine: Matteo sprühte vor Kreativität. (Foto: Vogel)
 

Und Matteo? Matteo hat noch geatmet. So eine Art Schnappatmung. Der Rettungsdienst aus Garding und Tönning, der schnell vor Ort war, kümmerte sich um ihn. Und hielten ihn von der Mutter fern. Erst im Rettungswagen, auf dem Weg zum Krankenhaus, erfuhr Maria Plichta von einem unsensiblen Helfer, dass Matteo nicht mehr zu retten war. Danach habe sie angefangen zu schreien.

Um 18.45 Uhr, im Krankenhaus, spricht sie mit einer Seelsorgerin. Und ruft ihren Mann an. Der ahnte sofort: Es ist etwas Schlimmes passiert. Maria Plichta erinnert sich: „Ich konnte es ihm nicht am Telefon sagen und bat ihn, in die Westküstenklinik nach Heide zu fahren.“ Sie sagte ihm: „Pack’ für alle.“

Star-Wars-Fan: Das Modell hat Matteos Vater gebastelt. (Foto: Vogel)
Star-Wars-Fan: Das Modell hat Matteos Vater gebastelt. (Foto: Vogel)
 

Mehr als sechs Wochen sind seit dem Tag vergangen. Maria Plichta wird ernst. Matteo liegt auf dem Friedhof in Halstenbek. 300 Freunde waren während der Abschiedsfeier dabei. Matteo war ein Wunschkind. Ein Traumkind, der, wie ihn seine Mutter beschreibt, ein starker, menschenfreundlicher und selbstbewusster Junge war. Er wollte immer seine Schwester heiraten und stets der erste sein. „Matteo darf nicht umsonst gestorben sein“, ruft seine Mutter. Sie fordert die Verantwortlichen auf, „alle unbeschrankten Bahnübergänge zu beschranken, mit Ampeln zu versehen oder Stopp-Schilder aufzustellen. Egal was es kostet, ein Menschenleben ist mehr wert.“

Das Defizit hat das Leben ihres Sohnes Matteo gekostet. Maria Plichta hat einen „Brief an ihren toten Sohn“ geschrieben. Mit ihrem Mann überlegt sie, ob der Grabstein wie ein Legostein aussehen könnte. „Damit hat Matteo immer so gern gespielt.“

Dies ist der Petitionstext von Maria Plichta mit einem Appel an die Deutsche Bahn AG, Rüdiger Grube, den  Bundesminister für Verkehr, Alexander Dobrindt, sowie an den Deutschen Städte- und Gemeindebund, Christian Schramm, den diese Zeitung im Wortlaut wiedergibt: „Es gibt einfach noch zu viele unbeschrankte Bahnübergänge in Deutschland! Dass die Züge, die dort passieren, teilweise gar nicht oder zu spät von Autofahrern wahrgenommen werden, zeigt der furchtbare Unfall, den meine Familie am vergangenen Montagabend (11. Mai) auf der Halbinsel Eiderstedt hatte. Kurz vor dem Bauernhof, wo wir Urlaub machten, wurde unser Auto von einem Zug erfasst! Und NIEMAND von uns fünf Insassen hat ihn kommen sehen oder hören!
Dieser furchtbare Unfall forderte das Leben meines fünfjährigen Sohnes Matteo, mein Vater liegt lebensgefährlich verletzt an Kopf und Rumpf im Krankenhaus, meine Mutter und ich liegen ebenfalls mit Brüchen an Becken, Hüfte und Brustkorb im Krankenhaus. Meine knapp zweijährige Tochter hat wie durch ein Wunder nur Kratzer abbekommen. Ich fordere von der Deutschen Bahn, Bundesverkehrsminister Dobrindt und Deutschlands Gemeinden, alle unbeschrankten Bahnübergänge schnellstmöglich zu beschranken, durch Ampeln erheblich verkehrssicherer zu machen oder zumindest Stopp-Schilder aufzustellen – denn egal, was es kostet, jedes weitere Menschenleben ist mehr wert! Legen Sie zudem einen verbindlichen Zeit- und Finanzierungsplan vor. Vorbild könnte die Schweiz sein: Dort wurde beschlossen, bis 2020 sämtliche Bahnübergänge zu sichern. Es kann jeden von uns treffen – mein Vater war der umsichtigste Autofahrer, den ich kenne, der in fast 50 Jahren Autofahren nur zwei kleine Unfälle mit Wild hatte! Und ich rede von JEDEM unbeschranktem Bahnübergang, nicht nur die, an denen mehr als 2500 Kraftfahrzeuge täglich passieren! Der Unfallort wurde von etwa 30 Autos pro Tag passiert, und trotzdem hat er ein Menschenleben gefordert! Bitte unterschreibt, damit Niemand mehr einem unbeschrankten Bahnübergang zum Opfer fallen muss!“ www.change.org/fuermatteo
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erstellt am 28.Jun.2015 | 17:50 Uhr

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