zur Navigation springen

Pinneberger Tageblatt

06. Dezember 2016 | 21:49 Uhr

Hockey-Nationalspieler aus Hamburg : Moritz Fürste über die Faszination Olympia und das Image des Hockeysports

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

„Hockey ist kein elitärer Sport“, das sagt der Hamburger Hockey-Nationalspieler Moritz Fürste im shz.de-Interview.

Hamburg | Heute gilt’s: Wenn die Herren des Deutschen Hockey-Bundes um 23 Uhr ihr erstes Vorrunden-Match in Rio de Janeiro gegen Kanada bestreiten, geht es wieder um Medaillen. Die deutschen Hockey-Asse wollen ihre olympische Goldserie nach Peking (2008) und London (2012) am Zuckerhut fortsetzen. Als Mannschaftskapitän läuft Moritz Fürste auf; zum deutschen Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro wurde allerdings Tischtennis-Routinier Timo Boll gewählt. Moritz Fürste geht damit gewohnt souverän und locker um: „Natürlich wäre es der Wahnsinn gewesen, dann am Ende derjenige mit der Fahne zu sein, aber so ist das auch völlig in Ordnung.“ Mit dem 31-jährigen Hockey-Olympiasieger sprachen wir kurz vor seiner Abreise nach Rio in Hamburg.

> Moritz Fürste (31) ist Hamburger Hockey-Nationalspieler und zählt mit zwei olympischen Goldmedaillen (2008, 2012) aktuell zu den erfolgreichsten Sportlern der Stadt.
> Fürste, verheiratet und Vater einer einjährigen Tochter, spielt seit Jugendtagen für den Uhlenhorster HC. 2012 wurde er als Welthockeyspieler ausgezeichnet.
> Seit 2013 spielt Fürste auch in der Hockey India League. Für sein vierwöchiges Gastspiel in Indien erhielt er zuletzt von den Kalinga Lancers 105.000 Dollar. 
> Fürste arbeitet bei der Hamburger Agentur Thjnk, wo er alle Themen rund um den Sport verantwortet.
> Als Fürste neun Jahre alt war, kam sein Vater beim Untergang der Ostseefähre Estonia 1994 ums Leben.

Herr Fürste, Sie sind als Hamburger Doppel-Olympiasieger. Jeder Auswechselspieler des Hamburger SV ist in der Stadt wohl bekannter. Frustriert Sie das?
Moritz Fürste:
Ganz im Gegenteil, ich bin genauso Fan vom Fußball wie andere Fans. In meinem Metier hat man früh gelernt, dass Preis durch Angebot und Nachfrage generiert wird. Die Nachfrage ist in meiner Sportart einfach nicht da, darum habe ich auch keinen höheren Preis verdient. Wer weiß, ob ich in einer anderen Sportart, wo es mehr Geld zu verdienen gibt, auch nur im Ansatz so erfolgreich wäre. Der Vergleich bei sechs Millionen Mitgliedern im DFB und 80.000 Hockeyspielern hinkt sowieso.

Könnten Sie denn vom Hockeyspielen leben?
Es kommt darauf an, wie man Leben definiert.

Was man eben braucht, um in leicht überdurchschnittlich Verhältnissen in Hamburg leben zu können.
Momentan ginge das nach dieser Definition, ich könnte davon aber nicht länger als ein Jahr zehren. In der dualen Karriere, in den Randsportarten, muss man sich früh darüber Gedanken machen, wie es nach der Karriere weitergeht.

Die gesamte Öffentlichkeit konzentriert sich auf den Fußballsport, in Hamburg, in Deutschland, wahrscheinlich weltweit. Muss, und kann man das ändern?
Deutschland ist die einzige Mono-Sportkultur weltweit, das einzige Land, in dem es nur eine Sportart auf dem Niveau gibt. Jedes andere Land auf der Welt hat mindestens zwei gleichwertige Sportarten. Wir haben somit ein Vielfältigkeitsproblem. Wenn ich über Fechtsport etwas finden möchte, muss ich lange zu suchen. Man stelle sich vor, es gäbe nur eine Musikrichtung, die immer nur läuft, andere Stile fänden nicht statt.

Wie kann man das ändern?
Es wird kein Transfer der Marke geschaffen. Es wird nur mit Zahlen und Reichweiten und TV-Zeiten argumentiert. Man muss den Leuten aber zunächst eine Plattform, bieten, damit der Masse, den Leuten, die gar keine prioritäre Sportart haben, die einfach den Fernseher mal anmachen, etwas geboten wird.

Ihr Job klingt nach Herzblut.
Ja klar. Ich möchte den Unternehmen und Vereinen zeigen, dass es Sinn macht, sich über die Marke Gedanken zu machen. Viele Marken – auch Hockey – sind noch nicht wirklich adäquat darstellbar. Man muss aber an einem gewissen Punkt anfangen, dass sich die Spirale nach oben entwickelt. Sofort ein Live-Spiel im TV zu planen, bringt nichts. Wir zeigen nun erstmal Live-Spiele im Internet, das gucken immerhin 1000 Leute. Dann kommt vielleicht ein Presenter, und die Spirale entwickelt sich nach oben.

Gold:  Moritz Fürste zeigt 2012 seine Goldmedaille.
Gold: Moritz Fürste zeigt 2012 seine Goldmedaille. Foto: dpa
 

Was lief bei der verpatzten Olympiabewerbung schief?
Man hatte das Gefühl, die Hamburger hätten gegen den Sport gestimmt, 50 Prozent seien gegen Olympia gewesen. In Wirklichkeit haben sie nicht gegen Handball, Hockey oder Beachvolleyball gestimmt, sondern gegen ein Großevent, mit allem was dazugehört: Infrastruktur Baustellen, Mietpreise. Es gibt aber weiterhin ein großes Interesse an den einzelnen Sportarten. Das musste man den Unternehmen erklären.

Das Ende des HSV-Handball und der Freezers im Eishockey, die Sie mit versucht haben, zu retten, weisen aber auf dramatische Zustände der Sportstadt Hamburg hin.
Die Sportarten müssen wieder anfangen, ihre Geschichten zu erzählen. Es war ein US-amerikanisches Franchise-Modell der Anschutz Entertainment Group, das rein auf Profit ausgerichtet war, nichts mit Emotionalität zu tun hatte, wie wir sie von unseren Sportarten kennen. Wir haben 30 Bundesliga-Sportarten in Hamburg. Die wirtschaften gut und präsentieren sich gut. Es ist nur noch nicht zu sehen. Das muss man den Unternehmen kommunizieren. Wir sprechen da nicht von Millionen, sondern kleinen fünfstelligen Beträgen, mit denen relativ viel möglich wäre.

Die AEG hat den Anschein erweckt, die Freezers gar nicht retten zu wollen. Die Mitteilung, keine neue Lizenz zu beantragen, ist gerade mal eine Woche vor Ende der Frist erklärt worden.
Wir hatten ja Geld und Kauf-Interessenten. Wir haben dann gemerkt, wenn sie gewollt hätten, hätten sie zugeschlagen. Es ging nie um einen konkreten Betrag. Wir dachten aber, dass es um einen symbolischen Betrag ginge, der ihnen zeigt, dass die Stadt will. Es war dennoch nicht umsonst, sondern für die Sportstadt und ihre Emotionalität extrem hilfreich.

Sie haben zweimal Olympia-Gold gewonnen. Wie stehen die Chancen auf Ihr drittes Gold?
Wir wollen am Tag des Abflugs nach Rio sagen können: Ja, wir haben die Möglichkeit, oben mitzuspielen. Es gibt weitere Topnationen: Belgien, Australien, Großbritannien, Indien, Argentinien.

In Aktion: Der 31-Jährige Fürste spielt seit Jugendtagen beim Uhlenhorster Hockey-Club.
In Aktion: Der 31-Jährige Fürste spielt seit Jugendtagen beim Uhlenhorster Hockey-Club. Foto: dpa
 

Sie haben den Bachelor im Dualen Studiengang Medienmanagement absolviert. Dazu einen Master in Wirtschaftspsychologie, Leadership und Management. Sie sind nun Direktor Sport in einer großen Werbeagentur mitten in der Stadt. Was machen Sie da genau?
Wir machen Sportmarketing, genau das, worüber wir geredet haben. Es geht um die Verknüpfung von Marken, Sponsoringaktivitäten und auch darum, ganz neue Ideen und Konzepte, Sportarten miteinander zu verbinden.

Hockey hat ja den Ruf elitär zu sein. Hindert es die breite Masse daran, es zu spielen?
Ja, das könnte eine Barriere sein, auch wenn weltweit Millionen Leute Hockey spielen. Es ist nicht prinzipiell eine Sportart der Besserverdienenden, aber das Umfeld suggeriert es ein wenig. Es stimmt aber auch, dass die Familie eines durchschnittlichen Hockeyspielers beim Einkommen in der oberen Hälfte liegt. Es ist deswegen aber nicht gleich ein elitärer Sport.

Sie waren ja bereits dreimal für ein kurzfristiges Engagement in Indien. Schildern sie doch mal die Umstände.
Es ist ein Kunstprodukt, die extremste Form der Franchise-Liga, die es so gibt. Die Saison geht über zwei Monate, ist sehr komprimiert. Ich wurde als teuerster Spieler der Liga geholt. Man bekommt nicht so viel vom Land mit, ich wohne im Fünf-Sterne-Hotel, dreimal am Tag leckeres Essen, Pool, Fernseher auf dem Zimmer. Ich bin auch mal bei Einheimischen, meistens Mitspielern, zuhause und bekomme das Einzigartige dieser Kultur mit. Primär bin ich aber zum Hockeyspielen da.

Moritz Fürste persönlich...
Meine Frau Stephanie und meine Tochter Emma sind für mich... die beiden wichtigsten Personen in meinem Leben.

Wenn ich in einer anderen Stadt als Hamburg leben könnte, dann... in irgendeiner Stadt im Ausland. New York und Paris wären nicht schlecht.

Hockeyspieler und Fußballspieler unterscheidet... gar nicht so viel, wie man denkt.

Wenn ich ein wichtiges Spiel verliere... dann kommt bald das nächste.

Olympisches Gold bedeutet für mich... eine wunderschöne Erinnerung und ein großes Ziel.

Der größte Sportler aller Zeiten ist für mich... ein Mix aus Muhammad Ali, Tiger Woods, Zinedine Zidane und John McEnroe.

Erholung finde ich... zuhause.

HSV oder FC St. Pauli... Sportstadt Hamburg.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 06.Aug.2016 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen