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Pinneberger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 07:09 Uhr

Lärmschutz vor Sicherheit? : Mit Video: Keine Durchsagen - Gefahr am Bahnsteig

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

An den Bahnhöfen Pinneberg, Elmshorn und Tornesch wird auf Warndurchsagen vor durchfahrenden Zügen verzichtet. Nur noch die Anzeige „Zugdurchfahrt“ weist auf einzelne Züge hin. Eine lebensgefährliche Entscheidung?

Kreis Pinneberg | Es ist eng am Bahnsteig. Dicht an dicht drängen sich die Menschen morgens am Bahnhof Pinneberg, Schulkinder und Pendler warten auf die Bahn. Manche unterhalten sich, trinken verschlafen ihren Coffee-to-go, hören Musik. Plötzlich rast ein Zug an ihnen vorbei. Hinterlässt am Bahnsteig wehende Haare und erschrockene Gesichter. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 160 Kilometer pro Stunde fahren Züge durch. Ohne Vorwarnung. Die Durchsage „Achtung! Ein Zug fährt durch“ hat die Deutsche Bahn (DB) zum August dieses Jahres in Pinneberg abgeschafft. Auch in Elmshorn und Tornesch wird bereits auf diese Hinweise verzichtet. Lediglich eine Anzeigentafel schaltet still um auf „Zugdurchfahrt“. Jahrelang hatte die Bahn per Lautsprecher vor einzelnen Zügen gewarnt. Und das mit gutem Grund: Immer wieder warnen Experten vor der gefährlichen Sogwirkung.

Dieses Schild warnt vor den Durchfahrten. (Foto: Oster)
Dieses Schild warnt vor den Durchfahrten. (Foto: Oster)

Der Bahnhof Pinneberg ist einer der frequenzstärksten in Schleswig-Holstein. Er folgt direkt nach Lübeck und Kiel, bestätigt eine Bahnsprecherin des Regionalbüros Hamburg. Etwa 18.500 Mal am Tag steigen Menschen in Pinneberg ein und aus. Vor allem zu den Pendlerstoßzeiten drängen sie sich dicht auf dem Bahnsteig.

225 Züge halten täglich im Bahnhof, darunter sind 140 S-Bahnen. 117 Züge durchfahren den Bahnhof jeden Tag, 47 davon sind Güterzüge. Im Durchschnitt rauscht also alle zehn Minuten ein Zug vorbei. Neue Warndurchsagen vor dem allgemeinen Zugbetrieb erfolgen im 15 Minuten-Takt – und damit seltener als ein Zug durchfährt.

Seit der Abschaffung gibt es ein paar gelbe Warnschilder, die vor den Vorbeifahrten warnen. Darüber hinaus ertönt die allgemeine Durchsage. Sie weist auch auf den nötigen Abstand von der Bahnsteigkante hin. Bei dem morgendlichen Gedränge an Gleis 4 und 5 ist das jedoch nicht immer möglich.

Gesetzlich regelt die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung die Mindestanforderungen für Sicherheit an Bahnsteigen. Sie schreibt eine Durchsage ab 160 Kilometern pro Stunde vor. Darauf beruft man sich in Pinneberg, denn die Züge fahren laut Bahn dort langsamer. Außerdem wird die Abschaffung der Durchsagen mit Lärmschutz begründet. „Nach eingehender Prüfung wird auf Warnansagen verzichtet, sofern nach einer Risikobewertung für die Bahnsteigkanten die Sicherungsmaßnahme ,akustische Reisendenwarnung’ nicht mehr erforderlich ist“, sagt eine Bahnsprecherin des Regionalbüros Hamburg auf Anfrage von shz.de. „Alles, was über die gesetzlich verankerten Mindestanforderungen hinaus geht, ist eine unternehmerische Entscheidung des Stationsbetreibers“, heißt es dazu vom Eisenbahn-Bundesamt (EBA).

Und wie werden nun Menschen mit Sehbehinderung und Kinder gewarnt? „Für erstere ist der taktile Leitstreifen vorhanden. Kinder sollten – wie auch im Straßenverkehr – von den Eltern angeleitet werden, sich richtig zu verhalten“, antwortet die Bahnsprecherin.

Der Bahnsteig 4 und 5 in Pinneberg ist schmal, gerade morgens drängen sich hier die Pendler.
Der Bahnsteig 4 und 5 in Pinneberg ist schmal. Mit der Sanierung ab 2018 wird sich das nicht ändern. Foto: Oster

117 Zugdurchfahrten jeden Tag. Vier Gleise sind für den Fernverkehr vorgesehen. Doch wer sich einmal länger am Bahnhof aufhält, der merkt: Die Züge rauschen vorrangig auf Gleis 4 und 5 durch. Also an jenen Gleisen, die direkt am Bahnsteig entlangführen. Manchmal sogar von beiden Seiten gleichzeitig. Wird sich die Situation mit der Sanierung des maroden Bahnhofs in Pinneberg ab 2018 verbessern? „Die Breite der Bahnsteige lässt sich auf Grund der baulichen Gegebenheiten nicht erhöhen“, antwortet die Bahnsprecherin.

Züge, die mit hohen Geschwindigkeiten durch Bahnhöfe fahren, entwickeln eine Sogwirkung. Dass die lebensgefährlich sein kann, berichtete schon im Februar 2011 das ARD-Magazin Kontraste. Ein Aerodynamikforscher sagte in dem Beitrag, der Luftsog könne Orkanstärken erreichen und forderte niedrigere Durchfahrgeschwindigkeiten. Er empfahl 80 Kilometer pro Stunde für Güterzüge in Bahnhöfen.

Kommen durch die Sogwirkung  sogar Menschen ums Leben? Das werde laut eines EBA-Sprechers nicht erfasst. Der EBA-Sicherheitsbericht für das Jahr 2015 erfasst aber zumindest 91 Todesopfer durch Unfälle „an denen ein in Bewegung befindliches Eisenbahnfahrzeug beteiligt ist“. Zehn davon befanden sich laut des Berichts auf Bahnsteigen.

„In der Vergangenheit sind einige Unfälle auf Bahnsteigen bekannt geworden, bei denen Personen durch durchfahrende Züge zu Schaden gekommen sind, ohne dass als Ursache eindeutige Selbstmordabsicht oder Fremdeinwirkung festgestellt wurde“, ergänzt der EBA-Sprecher. Diese Vorfälle hätten jeweils „unterschiedliche Gründe“ gehabt. Sogwirkung sei bei der Betrachtung kein Kriterium gewesen.

 
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erstellt am 05.Nov.2016 | 12:00 Uhr

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