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Für eine bunte Gesellschaft : Mit Chronik: 50 Jahre Lebenshilfe im Kreis Pinneberg

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Lebenshilfe feiert Jubiläum und blickt zurück auf fünf Jahrzehnte. Ein neues Projekt für Freizeitgestaltung startet.

Pinneberg | Es riecht nach Metallspänen. Eisen klirrt aufeinander. Fräsmaschinen dröhnen. Mitarbeiter huschen durch die Gänge. In der Schlosserei ist viel zu tun. Heute müssen noch einige Nähte geschweißt werden. Heico Kahl klappt das Visier seines Helms hoch. „Ich mach’ das gern“, sagt der 56-Jährige. Gemeinsam mit elf Kollegen ist er in der Schlosserei tätig und baut zum Beispiel Fahrradanhänger und Metallstifte für Kräne.

Die Lebenshilfe feiert am Freitag, 17.03.2017, ihr 50-jähriges Bestehen im Kreis Pinneberg. In der Werkstatt Eichenkamp in der Kreisstadt werden 200 Gäste erwartet. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Initiative viel erreicht. Es gibt aber auch noch einiges zu tun.

Seit 38 Jahren arbeitet der Schenefelder Kahl in der Werkstatt am Eichenkamp in Pinneberg. „Ich gehöre hier schon zum Inventar“, sagt er und lacht. Denn kaum länger gibt es Behindertenwerkstätten im Kreis Pinneberg. Sie gehen zurück auf die Initiative der Lebenshilfe. 1958 wurde diese im hessischen Marburg ins Leben gerufen. Im Kreis Pinneberg gründete sich Ende 1966 die Kreisvereinigung. Mit einem Festakt in der Werkstatt Eichenkamp feiert die Institution heute ihr 50-jähriges Bestehen. 200 eingeladene Gäste werden erwartet.

Heico Kahl in der Schlosserei.
Heico Kahl in der Schlosserei. Foto: Oster

Mehr als zehn Millionen Menschen in Deutschland haben eine Behinderung, 7,6 Millionen davon sind laut Statistischem Bundesamt schwerbehindert. Im Kreis Pinneberg sind etwa 51.000 Menschen behindert – das sind mehr Menschen als Elmshorn Einwohner hat. 31.000 von ihnen sind schwerbehindert. Behinderungen können die körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit betreffen. Sie können angeboren sein, aber auch im Laufe des Lebens erworben werden. „Ich wollte unbedingt Maler werden. Aber die Farben waren damals nicht verdünnt. Die Dämpfe haben mir aufs Gehirn geschlagen“, sagt Kahl rückblickend.

Wo fängt eine Behinderung eigentlich genau an? „Auch wer eine Brille trägt ist behindert, er hat eine Sehbehinderung“, antwortet Karin Reschke. Die Vorsitzende des Ortsvereins der Lebenshilfe Pinneberg und Umgebung hofft, dass es irgendwann so normal ist, dass Menschen mit und ohne Behinderung ihren Alltag teilen – wie es normal ist, dass Menschen eine Brille tragen. Das ist das Ziel der Lebenshilfe: eine inklusive Gesellschaft.

In den vergangenen fünf Jahrzehnten gründete die Lebenshilfe Sonderhorte, Schulen und Wohnstätten im Kreisgebiet. Die Heidewegschule war zum Beispiel 1973 die erste Sonderschule in Schleswig-Holstein. „Und das gerade mal ein Jahr nachdem die Schulpflicht für Menschen mit Behinderung in Kraft getreten ist“, sagt Antje Hachenberg von der Lebenshilfe. Die Institution entwickelte außerdem Arbeitskonzepte, versuchte es in den 1990er Jahren erst mit Integration, später mit Inklusion. Am Ziel ist das Team rund um Reschke aber noch nicht.

Antje Hachenberg (l.) betreut das neue Projekt. Karin Reschke ist die Vorsitzende der Lebenshilfe in Pinneberg.
Antje Hachenberg (l.) betreut das neue Projekt. Karin Reschke ist die Vorsitzende der Lebenshilfe in Pinneberg. Foto: Kira Oster

Einen weiteren Schritt dorthin macht die Lebenshilfe Pinneberg und Umgebung mit einem neuen Projekt. Von der „Aktion Mensch“ finanziell gefördert, beginnt im April „Mehr Miteinander“. Und ganz nach diesem Motto haben sich die Initiatoren ihre Räume ausgesucht: Mitten in der Pinneberger Fußgängerzone, im ehemaligen AKAD-Gebäude werden sie zu finden sein. Das Projekt soll unter anderem Freizeitmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung schaffen. Koordiniert wird es von Hachenberg.

2017 seien die Aufgaben zwar nicht mehr so augenfällig wie in den Gründerzeiten der Lebenshilfe, aber immer noch genau so wichtig. „Es gibt noch jede Menge zu bewegen, damit wirklich alle einen guten und vor allem selbstbestimmten Platz im Leben finden. Das geht nur gemeinsam in einer bunten und offenen Gesellschaft“, sagt Lebenshilfe-Vorsitzende Evelyn Jungermann.

Nico Monecke arbeitet in der Werkstatt Eichenkamp.

Nico Monecke arbeitet in der Werkstatt Eichenkamp.

Foto: Kira Oster
 

Das Konzept der Behindertenwerkstätten wird regelmäßig kritisiert, weil es Menschen mit Behinderung absondere. „Auch wenn wir an der Inklusion in den Arbeitsmarkt eins dran sind, diese Menschen brauchen weiterhin einen geschützten Rahmen“, kommentiert Reschke. Und Heico Kahl aus der Schlosserei sagt dazu: „Hier hab’ ich meine Leute und meine Freunde – ich fühl’ mich hier wohl“.

 
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erstellt am 17.Mär.2017 | 10:00 Uhr

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