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Welturaufführung in Rellingen : Kriegsgetöse in der Barockkirche

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Requiem zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Die Musiker erhielten viel Beifall von den Besuchern.

Rellingen | Ein Requiem zum hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs – so lautete die Aufgabe für den Komponisten Altug Ünlü, dem die Rellinger Kirche das Auftragswerk anvertraute. Nach zwei Jahren akribischer Arbeit kam das Werk des 48-jährigen Hamburger Komponisten in der Rellinger Kirche unter Kantor Oliver Schmidt nun zur Uraufführung.

Zwar waren nicht alle Ränge besetzt, dennoch zog es viele Neugierige zu diesem Ereignis in den Barockbau. Eingeleitet wurde die etwa dreißigminütige Totenmesse mit einer Werkbesprechung von Wolfgang Doebel, ein alter Freund Ünlüs, der dessen bedachte Arbeit und eigene Tonsprache an diesem Werk hervorhob. Gleichzeitig vollbringe er einen Stilwandel: „Altug Ünlü hat vorher noch nichts für Stimme geschrieben, das passte nicht zu seiner vertrackten Rhythmik.“

Was dem Publikum gleich darauf auffiel: Auch die Rhythmik dieses Stücks hat es in sich. Ebenso die Harmonik. Polyrhythmik, Polyphonie auf die Spitze getrieben, Chromatik, schreiende Glissandi und drohende Orgelpunkte im ganz tiefen Register: Leichte Kost ist das Requiem nicht und erst recht nicht leicht zu spielen. Die Musiker lieferten eine hervorragende Leistung ab und auch die Rellinger Kantorei und die Solisten Hanna Zumsande (Sopran), Sara Gillamariam (Alt), Wolfgang Klose (Tenor) und Keno Brandt (Bass) glänzten mit der schwierigen Partitur. Gerade die Choreinsätze sorgten mit Liegetönen für Ruhe in dem Gebilde und erinnerten in ihrer Art zum Teil an die Filmmusik von „Der Herr der Ringe“, besonders im Introitus. Tatsächlich unterlag dem Ganzen aber ein gregorianischer Choral als Cantus Firmus.

Für das Publikum vielleicht überraschend: Die geringe Anzahl der Musiker und die spärliche Chorbesetzung. Doebel erläuterte, das gehöre zu Ünlüs Personalstil und sorge für Transparenz. Doch gerade zum Thema Krieg passte es gut: Jeder stand für sich alleine da, ohne Unterstützung, praktisch jeder gegen jeden. Dafür waren die Percussion-Instrumente umso größer besetzt, was auch tonmalerisch Bomben, militärische Trommeln und Todesglocken evozierte.

Die Überschneidung der Stimmen in fragmentierten Motiven und die regelrechte Auflösung der Metrik – komponiertes Chaos – fand ihren Höhepunkt in dem mittleren Dies Irae. Mit solchen Mitteln arbeiteten auch die Komponisten der Nachkriegsjahre: So brachten sie den Krieg in einer ästhetischen Form auf die Bühne, verarbeiteten das Erlebte. Ünlüs Requiem wendet sich am Ende aber eher zum Positiven und endet mit dem „Ewigen Licht“ in sphärischen Flageolettklängen.

Musiker und Komponist ernteten viel Applaus, Ünlü und Schmidt lagen sich am Ende in den Armen. Ein Mitschnitt der Uraufführung soll auf dem online Videoportal Youtube erscheinen.

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erstellt am 03.Nov.2014 | 14:00 Uhr

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