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Pinneberger Tageblatt

25. Juli 2016 | 02:13 Uhr

Die Fallzahlen steigen massiv : Jugendamtmitarbeiter sind an der Belastungsgrenze

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind für die Verwaltung eine große Herausforderung. Die Mitarbeiter sind an der Belastungsgrenze.

Kreis Pinneberg | Die Jugendhilfe im Kreis Pinneberg hat alle Hände voll zu tun. Die Fallzahlen steigen zwar seit Jahren kontinuierlich. Doch von 2014 auf 2015 legten sie noch einmal massiv zu. Das geht aus einem Bericht der Kreisverwaltung hervor, den sie am 17. März im Jugendhilfeausschuss präsentieren wird. Ein wichtiger Grund für den Anstieg ist nach Ansicht der Verwaltung der Zuzug von unbegleiteten minderjährigen Ausländern, die häufig aus Krisenländern wie Syrien fliehen. In 2405 Fällen musste das Jugendamt 2015 eingreifen. Im Vorjahr waren es 1968 Fälle.

In 2405 Fällen musste das Jugendamt 2015 Hilfe leisten. Im Jahr zuvor waren es 1968 Fälle. Das bedeutet eine Zunahme von mehr als 22 Prozent. 2013 waren es 1949 Fälle, 2012 waren es 1788 Fälle und 2011 waren es 1535 Fälle. Die Kreisverwaltung Pinneberg unterscheidet zwischen ambulanter, teilstationärer, stationärer und sonstiger Hilfe. Hinzu kommen Eingliederungshilfen und Inobhutnahmen in Wohneinrichtungen und Pflegefamilien. Die Hilfeleistungen nehmen in allen Untergruppen zu. Die Zahl der ambulanten Hilfen stieg von 2014 auf 2015 um fast 21,8 Prozent auf 772, die der teilstationären um 19 Prozent auf 50, die der stationären um 9,5 Prozent auf 495, die der sonstigen um 37,2 Prozent auf 129 und die zur Eingliederung um 14,4 Prozent auf 806. Die Zahl der Inobhutnahmen explodierte. Sie stieg um 264,3 Prozent auf 153.

Die Statistik birgt ein dramatisches Detail: Die Zahl der Inobhutnahmen stieg um 264 Prozent auf 153. Grund ist der massive Zuzug von unbegleiteten minderjährigen Ausländern. Für sie muss der Kreis die Vormundschaft übernehmen. In den meisten Fällen bringt der Kreis die Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften mit jeweils zehn bis 20 Bewohnern unter. Unter den Inobhutnahmen sind zwar auch Fälle subsummiert, in denen deutsche Kinder und Jugendliche aus ihren Familien genommen werden. Doch seit Sommer 2015, also mit Verschärfung der Flüchtlingskrise, hat deren Zahl sprunghaft zugelegt. Ende 2015 betreute das Jugendamt schon 143 unbegleitete minderjährige Ausländer. Am Stichtag 2. März 2016 waren es bereits 180. „Im Jahresverlauf rechnen wir mit mindestens 300 weiteren jugendlichen Flüchtlingen“, sagt Christoph Helms, Fachdienstleiter Jugend in der Kreisverwaltung.

Seit November gilt zudem ein neuer Verteilungsschlüssel. Früher mussten die Jugendlichen am Ort ihrer Ankunft betreut werden. Inzwischen können sie aufgrund einer Quotenregelung auf das ganze Land verteilt werden. „Schleswig-Holstein hat das bisher noch nicht praktiziert. Aber es wurde bereits angekündigt, um Zentren wie Neumünster zu entlasten. Der Quote folgend müssten wir weitere 70 Jugendliche aufnehmen“, sagt Helms. 60 der 180 minderjährigen Flüchtlinge leben in Einrichtungen im Kreis Pinneberg. Die übrigen sind außerhalb des Kreises untergebracht.

Bis zu 70.000 Euro sind jährlich pro Jugendlichem fällig. Die meisten Kosten übernimmt das Land. Doch die Personalkosten muss der Kreis tragen. Und einige Teams des Jugendamts sind bereits jetzt an ihrer Leistungsgrenze. „Die Überstundenbelastung ist groß. Leitungskräfte übernehmen immer häufiger auch die Sachbearbeitung. Die Qualität der Betreuung der Jugendlichen leidet“, sagt Helms.

Die Fallobergrenze

Für Vormünder etwa gibt es eine Fallobergrenze von 50. Soll jeder jugendliche Flüchtling in Obhut zweimal pro Monat besucht werden, wären das pro Vormund 100 Besuche. „Die Fallobergrenze wird zwar statistisch eingehalten. Doch einige Kollegen sind neu und müssen erst eingearbeitet werden. Erfahrene Kräfte müssen deswegen bis zu 70 Jugendliche betreuen“, sagt Helms. Dabei erscheint ihm die gesetzlich festgelegte Fallzahl schon zu hoch. „Mit 50 Fällen sind die Kollegen schon an der Überarbeitungsgrenze. Für eine gute Betreuung dürften es maximal 35 sein.“

Der Kreistag hat im vergangenen Herbst bereits neue Stellen bewilligt. Für die Aufgaben im Zusammenhang mit den unbegleiteten minderjährigen Ausländern sind zwölf Stellen zu besetzen. Für vier Posten müssen noch geeignete Kandidaten gefunden werden. „Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist eng. Vor allem erfahrene Mitarbeiter sind kaum zu bekommen“, sagt Helms.

Auch wenn die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge eine große Herausforderung ist: Die Belastung nimmt auch in anderen Aufgabenfeldern zu. „Das ist ein gesellschaftliches Problem. Es gibt immer mehr überforderte Alleinerziehende. Auch die Zahlen psychischer Erkrankungen bei Eltern und Trennungen im Streit nehmen tendenziell zu“, sagt Helms. Somit wird die Kurve der Fallzahlen im Jugendamt wohl weiter nach oben zeigen.

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erstellt am 09.Mär.2016 | 10:00 Uhr

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