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Pinneberger Tageblatt

07. Dezember 2016 | 23:22 Uhr

„Ich bin gerne die Allzweckwaffe“ : Jörg Pilawa spricht im Interview über Schubladendenken, Auszeiten und seine Liebe zum HSV

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Hamburg | „Herr P.“ steht am Klingelschild der Firma von Jörg Pilawa in der Hamburger Speicherstadt. „Hallo, ich bin Jörg“ empfängt er uns locker in Jeans und schwarzer Lederjacke. Er ist wie im Fernsehen: der nette Typ von nebenan. Mit ihm kommt man schnell ins Plaudern. Er macht es einem leicht − so wie er es als Moderator seinen Showgästen leicht macht.

> Geboren am 7. September 1965 in Hamburg, lebt Pilawa mit seiner Familie in Hamburg-Bergedorf, er hat vier Kinder zwischen 4 und 18 Jahre
> während des Studiums ging er zum Hörfunk und Fernsehen, ab 1987 war er Moderator beim Radiosender R.SH
> nach Stationen bei verschiedenen Privatsendern kehrte er 2001 ins öffentlich-rechtliche Fernsehen zurück, seit 2014 bei der ARD.
> Seine Firma, die Herr P. GmbH, entwickelt und produziert Fernsehformate sowie digitale Medienprodukte.

Frage: Herr Pilawa, Sie sind Fernsehmoderator, Produzent und Unternehmer. Was machen Sie am liebsten?
Jörg Pilawa: Diese Frage stelle ich mir mit meinen 50 Jahren immer häufiger. Ich bin immer noch sehr gerne Moderator, obwohl in die Vorbereitung einer Sendung wahnsinnig viel Energie und Zeit geht. Das Produzieren ist mühsam und Unternehmer zu sein, finde ich immer spannender.

Sind Sie nach mehr als 20 Jahren Fernsehshow-Business eigentlich noch aufgeregt vor einer Sendung?
Rudi Carrell hat einmal gesagt: „Fünf Minuten vor einer Sendung, egal ob Aufzeichnung oder live, musst du aufgeregt sein. Wenn du das nicht mehr bist, geh nach Hause.“ Und das stimmt. Ich spüre immer noch diese positive Nervosität.

Sie sind der Dauer-Sympathische. Schwiegermütter, Frauen und sogar Männer mögen Sie. Nervt das?
Mit Mitte 20 hat mich das Schwiegersohn-Image geärgert. Inzwischen kann ich damit bestens leben. Entscheidend sind in meinem Beruf als Moderator und Produzent die Zuschauer. Und der Erfolg beim Publikum in meinen unterschiedlichen Moderatorenjobs ist für mich das größte Kompliment. Ich bin gerne eine Allzweckwaffe. Es gibt nicht viele Moderatoren im deutschen Fernsehen, die alles machen können.

Sie werden oft als Mann ohne Eigenschaften bezeichnet. Was zeichnet Sie aus?
Das über mich selbst zu sagen, fällt mir schwer. Aber man kann in meinem Beruf nur erfolgreich sein, wenn man sich Interesse und Spaß am Zusammensein mit Menschen bewahrt. Und nichts interessiert mich mehr!

Sie haben alle Quiz- und Unterhaltungs-Formate moderiert. Was reizt Sie noch?
Ich arbeite schon länger an der persönlichen Herausforderung, neue Gesichter und Persönlichkeiten ins Fernsehen zu bringen. Es würde mir Spaß machen, ein neues Fernsehgesicht im Unterhaltungsbereich zu etablieren. Doch der Weg dahin ist unglaublich schwer.

Warum? In Zeiten von „Germany’s Next Topmodel“ oder „The Voice of Germany“ wollen doch alle berühmt werden?
Es ist kompliziert. Früher haben viele Fernsehmoderatoren ihr Handwerk wie einen Lehrberuf im Radio gelernt. Radio war einmal ein wesentlich lebendigeres und wortreicheres Medium als heute. Ein Radiomoderator hat heute keine Chance mehr, sich zu entwickeln. Zwar haben wir inzwischen tolle Formate auf YouTube, in denen zum Beispiel eine 16-Jährige erfolgreich für eine große Fangemeinde tolle Schminktipps gibt. Aber das lebt von der Begegnung auf Augenhöhe im Internet. Im Fernsehen ist die Herausforderung ungleich höher. Als Moderator muss man unterschiedlichste Zielgruppen unterhalten können. Wer das nicht schafft, hat es schwer. Fernsehen kann gnadenlos sein und verzeiht wenig.

Glauben Sie in Zeiten von Netflix und Apple TV noch an die Zukunft des Fernsehens?
Ach, wissen Sie, Unterhaltung wird es immer geben! Sie wird sogar immer wichtiger, weil sie das berechtigte Bedürfnis nach Entspannung in einer Welt voller Katastrophen befriedigt. Aber es gilt auch: Fernsehen muss sich verändern! Die heranwachsende Generation ist es gewohnt, Serien oder Filme zu gucken, wann immer und wo immer sie es will. Einerseits müssen wir für die junge mobile Generation Fernsehangebote schaffen. Andererseits dürfen wir die große Mehrheit der Zuschauer nicht vergessen, die wie gewohnt Fernsehen gucken möchten. Das ist ein schwieriger Spagat.

Könnten Sie sich vorstellen, eine politische Sendung zu moderieren?
Abgesehen davon, dass ich Lust dazu hätte, ist das in Deutschland nicht möglich. Wir haben ein Schubladendenken. So wie man mir kein politisches Fernsehformat zutrauen würde, bietet man Caren Miosga oder Thomas Roth von „Tagesthemen“ auch keine Unterhaltungsshow an. Die Fernsehverantwortlichen vertrauen zu oft nur dem bekannten erfolgreichen Muster. Das ist schade.

Um bei der Politik zu bleiben: Was macht Ihnen derzeit Angst?
Dass die AfD und die SPD nur noch sieben Prozent trennen. Nicht weil ich Angst vor der AfD habe, sondern weil es zeigt, dass die Volksparteien den Kontakt zu den Menschen verloren haben. Viele Leute in Deutschland haben das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Es gibt kein Vertrauen mehr in die parlamentarische Demokratie, in die Politik an sich. Das ist besorgniserregend.

Im Gespräch: Jörg Pilawa in seinen Firmenräumen.

Im Gespräch: Jörg Pilawa in seinen Firmenräumen.

Foto: Peters
 

Was würden Sie als Hamburger verändern, wenn Sie Erster Bürgermeister wären?
Ich wohne direkt an der Grenze zu Schleswig-Holstein und weiß, wovon ich spreche. Die norddeutschen Länder müssen wesentlich konzentrierter als bisher in Politik, Infrastruktur und Kultur zusammenarbeiten.

Dabei gibt es doch die Metropolregion Hamburg.
Ich weiß nicht, woran es liegt, dass nicht zusammen wächst, was zusammen gehört. Ich bin Hamburger, aber Schleswig-Holstein gehört für mich zum Beispiel genauso dazu. Ich bin Norddeutscher und liebe die nordfriesische Seele.

Was verbindet Sie denn mit Schleswig-Holstein?
Viel. Wir haben als Kinder die Sommerferien auf Amrum verbracht. Später habe ich dort mit meiner Familie ein Haus gekauft. Aber als dann Besichtigungstouren zum Haus von Jörg Pilawa organisiert wurden und uns fremde Leute mit Kuchen im Garten erwarteten, wenn wir vom Strand kamen, haben wir das Haus verkauft.

Seitdem nehmen Sie mit Ihrer Familie im Sommer immer eine Auszeit von sechs Wochen in Kanada. Warum?
Weil die Wahrscheinlichkeit, dass dort jemand mit Kuchen sitzt, eher gering ist (lacht). Nein, im Ernst: Kanada ist für meine Familie und mich eine Auszeit vom Alltag. Wir haben kein Internet, kein fließend Wasser, keinen Strom. Wir hacken Holz, fahren Kanu oder angeln, bauen Baumhütten und machen Lagerfeuer. Das hat etwas sehr Reinigendes.

Ihre Kinder machen dasmit?
Noch besser: Sie lieben es und es tut ihnen richtig gut, sechs Wochen nicht über Facebook, Twitter oder WhatsApp abgelenkt zu sein. Wenn meine Kinder nach sechs Wochen ihr Handy wieder einschalten, ist ihr Standardsatz: „Es ist ja gar nichts passiert.“

Dennoch bestimmen soziale Netzwerke mehr denn je das Leben. Zu sehr?
Ja, Social-Media-Dienste sind angesagt. Die neuen Medien sind auch wichtig, aber man darf sie nicht überbewerten, und das passiert im Moment. Wenn wir eine Prime-Time-Show am Samstagabend machen, gucken etwa 6,7 Millionen Menschen zu. Bei Facebook hingegen ist man richtig erfolgreich, wenn man 16  000 „Follower“ hat, die dich „liken“ oder Texte und Bilder posten. Das ist im Vergleich zu den Millionen Fernsehzuschauern verschwindend gering. Das hat statistisch keine Relevanz. Es ist nur interessant, weil es das neue moderne Medium ist.

Können Sie sich vorstellen, nicht in Hamburg zu leben?
Das einzige, was mich weglocken könnte, ist der Winter. Je älter ich werde, desto stärker wird im Winter die Sehnsucht nach Sonne. Das fehlende Licht macht mich in der dunklen Jahreszeit verrückt. Sobald wir wieder Mai haben, bin ich jedes Jahr neu von unserem nordischen Licht fasziniert. Das ist einzigartig!

Was fehlt Ihnen heute, was es in Ihrer Kindheit gab?
Ganz einfach: Zeit! Wir hatten als Kinder Zeit ohne Ende. Kinder leben heute in einer so genannten Multi-Optionsgesellschaft: Sie gehen nicht einfach raus und treffen sich auf dem Bolzplatz. Kinder chatten heute übers Handy und ziehen viele Wahlmöglichkeiten fürs Freizeitvergnügen in Betracht. So werden häufig fünf oder sechs Aktivitäten ausgewählt und ins Auge gefasst, also optioniert – und am Ende machen sie nichts davon. Diese Multi-Optionsgesellschaft macht unfrei und nicht glücklich.

Jörg Pilawa persönlich
Meine Schwäche... ist ein Glas Wein und ein Stück Käse am Abend. Ich nehme mir jedes Mal vor, nicht an den Kühlschrank zu gehen. Es klappt meist nicht!

Meine Stärke... ist, dass ich im Leben echt entspannt bin.

Ich könnte gut verzichten auf... Fernsehen. Weil ich nicht entspannt Fernsehen gucke. Ich will sofort wissen, wer hat Regie geführt oder rege mich auf, weil ich Anschlussfehler von einer Szene zur anderen entdecke. Meine Frau sagt auch, dass man mit mir nicht fernsehen kann.

Familie... ist mein größtes Glück. Ohne die Familie hätte ich meinen Job nicht gemacht. Die Gefahr in meiner Arbeit besteht ja darin, dass dir viele Leute auf die Schulter klopfen. Zum Glück ist es meiner Familie schnurzegal, was ich mache und wo ich arbeite. 

Fußball... bestimmt mein Leben. Ich habe zurzeit meine Fernsehproduktionen zeitlich so gelegt, dass ich jedes Spiel bei der Europameisterschaft sehen kann.

Den HSV... habe ich für mich entdeckt, als Kevin Keegan 1977 nach Hamburg kam. Zwei Stunden habe ich damals für ein Autogramm angestanden. Da merkte ich als damaliger St. Pauli-Fan, dass doch eine Raute in meinem Herzen schlägt. Ich würde mich freuen, wenn der HSV es mal wieder schafft, international zu spielen.

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erstellt am 02.Jul.2016 | 14:00 Uhr

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