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Pinneberger Tageblatt

05. Dezember 2016 | 05:33 Uhr

Wenn Zuneigung allein nicht hilft : Interdisziplinäre Trauma-Fachtag - Experten treffen sich im Kreis Pinneberg

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Forschung: Aktuelle Entwicklungen waren das Thema beim vierten interdisziplinären Trauma-Fachtag in Elmshorn.

Elmshorn | Traumatisierte Menschen agieren und reagieren ganz verschieden. Vor allem erleben sie aber einen Vertrauensverlust. Damit Psychotherapeuten und Pädagogen den Zugang zu ihnen finden können, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Diese aber sind nicht immer leicht zu finden. Dazu passte das Thema beim vierten Trauma-Fachtag am Mittwoch in Elmshorn: „Zugangswege eröffnen und erhalten“.

Am Vormittag gab es Beiträge aus verschiedenen Disziplinen und Perspektiven der Traumaforschung, am Nachmittag wurden Workshops angeboten. Etwa 170 Teilnehmer waren ins Sportlife Hotel gekommen. „Wir hatten dieses Jahr eine lange Warteliste“, sagte Ingrid Kohlschmitt, Leiterin des Wendepunkts. Veranstaltet wurde die Tagung von der Interdisziplinären Trauma-Ambulanz Westholstein. Die wird getragen vom Verein Wendepunkt, den Regio-Kliniken des Kreises Pinneberg sowie dem Universitätsklinikum Eppendorf.

„Wir versuchen hier die Frage des Zugangs auf unterschiedlichen Ebenen zu beantworten“, berichtete Kohlschmitt. Der erste Referent war Ralf Steinkopff aus Berlin. Unter dem Titel „Sprechen Sie nicht zum Reptilgehirn traumatisierter Patienten – es versteht Sie nicht“ erläuterte er die Theorie von Stephen Phorges. „Es ist zum Beispiel ein Mythos, dass der liebevolle Umgang mit Traumapatienten immer hilft“, so Kohlschmitt. Nähe helfe mal – und mal bewirke sie das Gegenteil.

Weiter ging es mit einem Vortrag zum Thema „Wirkfaktor Kreativität“. Referentin Danielle Deele vom UKE Hamburg erläuterte, wie malen oder töpfern dazu beitrage, das eigene Leben wieder in den Griff zu bekommen. „Weil die Patienten dann das Gefühl haben, wieder etwas unter Kontrolle zu haben“, beschrieb Kohlschmitt.

Die dritte Referentin betonte das Thema der „Selbstfürsorge“. Gerade Fachkräfte seien von der Sekundären Traumatisierung betroffen. „Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass 29 Prozent der Psychotherapeuten daran leiden“, sagte Sybille Friedrich vom Institut für Sozialpädagogische Psychologie in Hamburg.

Überlegenheits- und Machtgefühl

Wie aggressives Verhalten von Jugendlichen und Kindern regulierend eingesetzt wird, darum ging es im Vortrag von Roland Weierstall. Am Beispiel von Kindersoldaten erläuterte er, dass diese durch ihr Überlegenheits- und Machtgefühl zuweilen Traumata umgehen.

Mike Mösko vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hatte die interkulturelle Arbeit von Psychotherapeuten im Blick. In Hamburg gebe es keinen Psychotherapeuten der in seiner Arbeit arabisch spricht, das sei ein Problem. „Auch die Weltgesundheits Organisation hat deutlich gemacht: Gesundheitsvorsorge muss nicht nur gut sein, sondern auch kultursensibel“, ergänzte Kohlschmitt. Auch Wertekonflikte seien ein wichtiges, unterschätztes Thema gerade in der Flüchtlingsarbeit.

Das Modell der interdisziplinären Fachtagung in diesem Forschungsbereich, wie es nun in Elmshorn stattgefunden hat, sei einmalig in Schleswig-Holstein. Auch für Deutschland habe man Modellcharakter, so die Wendepunkt-Leiterin. Die vorherigen Tagungen der Institution hatten zu den Themen „Gewalterfahrung“, „Komplexe Traumatisierung“ und „Verstörte und (ver-)störende Kinder“ informiert.

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erstellt am 11.Nov.2016 | 10:00 Uhr

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