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Pinneberger Tageblatt

29. Juli 2016 | 05:59 Uhr

Kreis Pinneberg : Immer mehr Menschen haben Probleme beim Lesen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Zirka 40 Prozent der Erwachsenen haben Schwierigkeiten beim Lesen. Die SPD strebt Förderung von „Einfacher Sprache“ an.

Pinneberg | Mehr als 100.000 erwachsene Menschen können im Kreis Pinneberg wahrscheinlich nur einfache Texte lesen und schreiben, wenn überhaupt. Zumindest lässt sich davon ausgehen, wenn man die Ergebnisse der bundesweiten Level-One-Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2012 auf den Kreis Pinneberg überträgt.

Wissenschaftler haben dabei nämlich untersucht, wie gut die Schreib- und Lesefähigkeiten der in Deutschland lebenden Erwachsenen sind. Ihr Ergebnis: 14,5 Prozent können nur einzelne Wörter und sehr kurze Sätze lesen. Sie sind funktionale Analphabeten. Weitere 25,9 Prozent kommen lediglich mit Texten auf Grundschulniveau zurecht und schreiben fehlerhaft. Daraus lässt sich folgern, dass zirka 40 Prozent der Erwachsenen nicht in der Lage ist, komplexe Texte zu lesen.

Sprachliche Grenzen hat jeder Mensch. Spätestens, wenn er einen Fachtext aus einem Bereich liest, den er nicht kennt, fällt ihm das Verstehen oft schwer. Die 40 Prozent jedoch, die Schwierigkeiten mit dem Lesen haben, stoßen schneller an diese Grenze. Ihnen bereitet es Probleme, einen Roman zu lesen, den Inhalt von Gebrauchsanweisungen und Behördenschreiben zu erfassen oder einen Artikel in der Zeitung zu verstehen. Die Gründe für die Schreib- und Leseschwäche sind individuell. In wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema ist oft von Behinderungen die Rede. Aber auch davon, dass die Betroffenen in ihrem Elternhaus nur wenig Kontakt mit Texten hatten und auch die Grundschule bei ihnen keine Begeisterung für Geschriebenes vermitteln konnte.

Menschen, die nicht in der Lage seien, Texte zu verstehen, hätten es schwer, an der Gesellschaft teilzuhaben, sagte der Elmshorner Bundestagsabgeordnete Ernst Dieter Rossmann (SPD) gegenüber dieser Zeitung. Viele Texte, in denen die Rechte eines Bürgers beschrieben werden, seien in einer Sprache verfasst, die für sie zu kompliziert sei. Gleiches gelte auch für Nachrichten.

Durch die UN-Behindertenrechtskonvention werde als Ziel die Inklusion verfolgt, also die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft. „Dazu gehört auch, dass man Menschen mit Behinderung die Möglichkeit bietet, sich selbst zu informieren. Es muss Texte geben, die sie verstehen“, sagte Rossmann. Diesem gerecht zu werden, helfe auch den zahlreichen anderen Menschen, die Probleme beim Lesen hätten, ohne eine Behinderung zu haben.

Rossmann berichtete, dass öffentliche Einrichtungen inzwischen begonnen hätten, sich auf Menschen einzustellen, denen das Lesen von Texten schwerfällt. Einige Informationsbroschüren, aber auch die Wahlprogramme der Volksparteien seien inzwischen auch in sogenannter Leichter oder Einfacher Sprache erhältlich. Beides sind Versionen des Deutschen mit eigenen Regeln, durch die Texte – aber auch Aussagen in Gesprächen – verständlicher werden sollen.

Im März des vergangenen Jahres habe die SPD-Fraktion im Bundestag einen Antrag gestellt, um die „Einfache Sprache“ in Deutschland zu fördern. Dieser sei damals abgelehnt worden. „Allerdings hat die jetzige Regierung eine Alphabetisierungs-Dekade vereinbart“, sagte Rossmann. Durch den Nachtragshaushalt stünden drei Millionen Euro zusätzlich für Alphabetisierung zur Verfügung. Seine Fraktion wolle bis zum Ende dieses Jahres einen erneuten Versuch starten, einen erweiterten Antrag in den Bundestag einzubringen. Denn über einen bereits abgelehnten Antrag könne im Bundestag kein zweites Mal abgestimmt werden.

Rossmann sei zuversichtlich, dass ein erneuter Antrag zum Thema „Einfache Sprache“ im Bundestag beschlossen werde. „Aus den Diskussionen in Ausschüssen habe ich die Wahrnehmung, dass die Grünen sowie die Linkspartei unseren Antrag unterstützen werden“, sagte Rossmann. Zudem habe es seit vergangenem Jahr bereits Fortschritte gegeben: Der vom Deutschen Bundestag herausgegebenen Wochenzeitung „Das Parlament“ liegt seit Ende Juni eine vierseitige Ausgabe in „Einfacher Sprache“ bei. Darin werden aktuelle politische Themen vorgestellt, aber auch historische Ereignisse wie der Beginn des Ersten Weltkriegs erläutert.

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erstellt am 23.Jul.2014 | 12:00 Uhr

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