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Pinneberger Tageblatt

05. Dezember 2016 | 09:26 Uhr

Das Sonntagsgespräch : „Im Winter verschärft sich die Situation“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Interview: Heute mit Peter Diekmann (Wohnungslosenhilfe) und Christa Hausmann.

Kreis Pinneberg | Peter Diekmann (Beratungsstelle für Wohnungslose) und Christa Hausmann (Soziale Wohnraumhilfe) gehören zum Team, das Menschen hilft, eine Wohnung zu finden oder deren Verlust zu verhindern. Im Sonntagsgespräch erläutern sie unter anderem, für wen die Situation auf dem Wohnungsmarkt besonders kritisch ist.

Ist es schwieriger geworden, Wohnungen zu finden?
Diekmann: Die Zahl der Menschen in prekären Wohnungsverhältnissen, die in zu kleinen und zu teuren Unterkünften leben, nimmt zu. Es macht sich bemerkbar, dass es immer mehr Leute aus der Großstadt in den Kreis zieht. Die haben meistens einen sicheren Job und deshalb auch bessere Aussichten, eine passende Unterkunft zu finden. Der unkontrollierte Flüchtlingszuzug hat den Druck auf dem Wohnungsmarkt zusätzlich erhöht.

Hat die Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt zugenommen?
Hausmann: Auf jeden Fall. Menschen mit schlechter Schufa-Bewertung beziehungsweise Schulden, Alleinerziehende, Arbeitslose, Familien mit kleinen Kindern, Personen mit ausländischen Namen – viele aus diesen Gruppen finden nur schwer oder überhaupt keine Wohnung.
Diekmann: Es herrscht ein reines Schubladendenken. Menschliche Schicksale und die Hintergründe von Problemen interessieren nicht mehr. Weil jemand irgendwann mal Schulden hatte, wird häufig automatisch davon ausgegangen, dass er auch in Zukunft keine Miete zahlt. Wir wollen dazu beitragen, dass die Diskriminierten die Chance bekommen, die sie verdienen.

Die Beratungsstelle für Wohnungslose (Kreis Pinneberg) und die Soziale Wohnraumhilfe (Stadt Pinneberg) befinden sich an der Bahnhofstraße 12 in Pinneberg. Offene Sprechstunden werden montags und dienstags von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 9 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung angeboten. Die Sprechstunden am Dienstag sind nur für Frauen. Telefonisch sind die Beratungsstellen unter 04101-8528014, per E-Mail unter wohnungslosenhilfe.pinneberg@diakonie-hhsh.de erreichbar.

Um wen kümmern sich die Wohnungslosenhilfe und die Soziale Wohnraumhilfe?
Diekmann: Wir sehen uns als Feuerwehr, die schnell eingreift, wenn jemand dringend eine Unterkunft braucht. Wir kümmern uns im gesamten Kreis um die, die auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert werden, weil sie beispielsweise alleinerziehend sind oder Schulden haben. Wer bei Bekannten oder auf der Straße schläft, in einer Obdachlosenunterkunft lebt, nicht krankenversichert ist, über kein Einkommen verfügt oder eine Kündigung oder Räumungsklage erhalten hat, ist bei uns richtig.
Hausmann: Die Soziale Wohnraumhilfe ist für das Gebiet der Stadt Pinneberg zuständig und hat auch einen Vertrag mit der Stadt abgeschlossen. Der Schwerpunkt liegt auf der Prävention.

In welchen Orten haben es Wohnungssuchende besonders schwer?
Diekmann: Besonders schwierig ist es im südlichen Teil des Kreises, gerade in den Kommunen mit S-Bahn-Anschluss. Aber auch in Städten wie Uetersen und Barmstedt ist es komplizierter geworden, eine Wohnung zu finden. Wer keine Schulden hat, muss mit vier bis fünf Monaten Wartezeit rechnen. Mit Schulden dauert es noch länger.

Wie sieht Ihre Arbeit aus?
Diekmann: Sicherung der Wohnung, Hilfe bei der Regulierung der Miet- und Energieschulden, Unterstützung bei der Suche nach einer Bleibe und im Umgang mit den Behörden - die Arbeit ist vielfältig. Es ist wichtig, dass die Wohnungssuchenden alle Unterlagen parat haben, wenn sie für eine Wohnung in Frage kommen. Sie müssen auch verstehen, dass ihre Ansprüche nicht zu hoch sein dürfen. Zudem machen wir denen Mut, die kaum noch Hoffnung auf eine eigene Unterkunft haben. So sind wir auch als Pädagogen gefragt. Wir begleiten Wohnungslose teilweise mehrere Monate und kümmern uns um etwa 200 Personen pro Jahr.
Haussmann: Bei uns sind es bis zu 700. Es gibt viele Berührungspunkte in der Arbeit von Sozialer Wohnraumhilfe und Wohnungslosenhilfe. Deshalb ist es gut, dass wir in einem Team arbeiten. Wenn wir von Räumungsklagen in Pinneberg erfahren, versuchen wir, den Verlust der Unterkunft noch zu verhindern. Dafür arbeiten wir eng mit dem Jobcenter zusammen. So gibt es beispielsweise unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, einen Antrag auf Übernahme von Mietrückständen zu stellen. Die Zuschüsse können schon reichen, um den Auszug abzuwenden. Wir betreuen darüber hinaus die Menschen in den städtischen Notunterkünften. Nur für Asylbewerber ist der Diakonieverein Migration zuständig.

Verschärft der Winter die Wohnungsprobleme?
Diekmann: Ja. In den Sommermonaten schlafen etliche Wohnungslose draußen, verbringen vielleicht einen Teil der Zeit bei Freunden, übernachten in Zelten oder in Kleingärten. Das ist im Winter nicht mehr ohne weiteres möglich. Deshalb verschärft sich die Situation und auch wir haben in unseren Beratungsstellen einen größeren Zulauf. Es ist wichtig, dass die Kommunen genügend Notunterkünfte für Obdachlose vorhalten. Das ist zum Beispiel in Uetersen laut Aussage der Bürgermeisterin nicht der Fall. Der Politik muss bewusst sein, dass sie für Unterkünfte Gelder bereitstellen muss. Es ist ihre Pflicht, die eigenen Bürger zu unterstützen, wenn diese in Not geraten. Gerade viele kleinere Gemeinden wollen nicht sehen, dass es vor ihrer eigenen Haustür Probleme gibt.

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erstellt am 13.Nov.2016 | 14:00 Uhr

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