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Pinneberger Tageblatt

27. Mai 2016 | 10:21 Uhr

Nachtschicht im Kreis Pinneberg : Im Notfall mit einem Klick Hilfe schicken

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

In der Kooperativen Regionalleitstelle West herrscht auch nachts Alarmbereitschaft / Die Disponenten koordinieren die Einsätze von Rettungsdienst und Feuerwehr

23.42 Uhr: Ein Anrufer wird von der Polizei zur Rettungsleitstelle weitergeleitet. „Der ist für euch“, sagt der Polizei-Mitarbeiter und legt auf. Timo Rather hat einen Mann in der Leitung. Die Stimme ist tränenerstickt, immer wieder setzt er an, um von persönlichen Problemen zu berichten. Rather, Disponent in der Kooperativen Regionalleitstelle West, bleibt ruhig, lässt den Mann erzählen und bietet ihm an, Kontakt zu einem Seelsorger herzustellen. Der Mann nimmt an. Rather legt auf. Er benachrichtigt nun den Seelsorger. Die zuständige Pastorin lässt sich die Telefonnummer des Mannes geben und ruft ihn an. Trotzdem wird sich der Anrufer später noch einmal über den Notruf melden. Tastengeklapper ist zu hören. Rather muss alles, was er tut, protokollieren. Für Alarmierungen gibt es Zahlencodes. Außerdem wird festgehalten, wer alarmiert wurde.

Seit 21 Uhr sitzt Rather auf seinem Platz in der Rettungsleitstelle in Elmshorn. Von den neun Arbeitsplätzen, von denen der Rettungsdienst und die Feuerwehren in den Kreisen Dithmarschen, Pinneberg und Steinburg koordiniert werden, sind in dieser Nacht vier besetzt. „Wir sind bis 24 Uhr zu viert, dann darf einer der Disponenten in den Ruheraum“, sagt Christian Suhl, Lagedienstleiter während dieser Schicht. Der sogenannte Schläfer hat ab diesem Zeitpunkt Bereitschaftsdienst, bleibt im Gebäude und wird über Funkmelder alarmiert, wenn die Kollegen Hilfe benötigen. Heute wird das nicht nötig sein, da die Nacht relativ ruhig bleibt.

Tagsüber ist deutlich mehr los. Dann arbeiten je ein Teamführer und ein Unterstützer die Anrufe aus einem der drei Landkreise Landkreis ab. Insgesamt sind also sieben Mitarbeiter tagsüber im Einsatz, ist etwa Unwetter vorhergesagt werden mehr Plätze besetzt. Jeder Arbeitsplatz ist mit fünf Bildschirmen, einem Touchscreen, zwei Tastaturen und einem Telefonhörer ausgestattet. Außerdem gibt es mehrere Lautsprecher, die der jeweilige Disponent von seinem Platz aus bedienen kann, um Telefonate erneut anzuhören. Alle Gespräche werden außerdem aufgezeichnet. Und können im Nachhinein noch einmal angehört werden, um Inhalte zu überprüfen.

An der Wand hängen mehrere Bildschirme. Auf einem steht, welche Einsatzkräfte nicht alarmiert werden können, weil beispielsweise die Fahrzeuge nicht einsatzfähig sind. Außerdem wird hier auch eingeblendet, wenn es in Kliniken Besonderheiten gibt. Neben dem Schirm wird in roter Schrift jedes Mal angezeigt, wenn Rather oder seine Kollegen eine Alarmierung versendet haben. „Das ist zur Kontrolle, um zu sehen, ob die wirklich raus ist“, sagt Rather.

Ein dumpfes Tuten signalisiert, dass jemand den Notruf gewählt hat. Auf dem Touchscreen blinkt es. Mit einem Klick nehmen die Disponenten routiniert die Anrufe entgegen. 235  000 Anrufe werden jährlich abgearbeitet. Immer wieder sagen sie: „Hier ist der Notruf 112, Wo ist der Notfall?“ Suhl sagt dazu: „Anrufer wollen immer als erstes erzählen, was los ist, aber wir wollen zunächst wissen, wo der Einsatzort ist, um so schnell wie möglich Hilfe zu schicken.“ Nach 60 Sekunden sollten die Einsatzkräfte alarmiert werden. Daher sei es wichtig, die relevanten Fragen so schnell wie möglich beantwortet zu bekommen. „Die Gesprächsführung am Telefon habe ich“, betont Sven Kabel, der dritte der Mitarbeiter, der die Nacht durcharbeiten wird.

Alle Disponenten in der Rettungsleitstelle sind ausgebildete Rettungsassistenten und haben die Grundausbildung der Feuerwehren durchlaufen. „Das ist wichtig, damit wir wissen, wie ernst wir Sachen nehmen müssen“, sagt Suhl. So entscheiden sie nicht nur darüber, welche Rettungskräfte alarmiert werden, sondern auch darüber, ob diese mit Blaulicht und Martinshorn zum Einsatz fahren. „Das wird am Meldebild festgelegt. Wo Gefahr besteht, wird mit Sonderrechten alarmiert“, sagt Disponent Kabel. Aber nicht jeder Anrufer, der die Rufnummer 112 wählt, benötigt den Rettungsdienst – egal ob mit oder ohne Alarmfahrt. So etwa die junge Mutter, die um 2.20 Uhr anruft, weil die gesamte Familie Magen-Darm-Probleme hat. Rather bleibt im Gespräch mit ihr freundlich und empfiehlt ihr beim ärztlichen Bereitschaftsdienst anzurufen. Auch dies muss im Telefon-Protokoll vermerkt werden.

Eine ältere Frau ruft an. Sie fühlt sich nicht wohl. Sie hat einen hohen Blutdruck. „Bleiben Sie ganz ruhig. Hilfe ist unterwegs“, sagt Kabel, während er mit wenigen Klicks einen Rettungswagen zu ihr schickt. Auf dem Bildschirm blinkt es. Das Team eines anderen Rettungswagen hat einen Sprechwunsch. Kabel tritt unter dem Tisch auf ein Fußpedal zum Funken. „Wir fahren zum Klinikum Pinneberg“, schallt es aus dem Kopfhörer.

Nicht nur den Rettungsdienst wird das Trio in dieser Nacht alarmieren. Kurz vor vier Uhr melden Anrufer sowohl in Meldorf, als auch in Elmshorn Feuer. Konzentriert arbeiten Suhl und Kabel die Einsätze ab. Kurz herrscht Aufregung: Eine der alarmierten Wehren ruft an, das Fahrzeug sei doch in der Werkstatt. „Da lag doch nichts vor“, ruft Suhl und meint damit, dass die Leitstelle nichts von der Reparatur wisse. Trotzdem sind genug Einsatzkräfte unterwegs. Nur zehn Minuten später wird der Einsatz für die nachrückende Kräfte beendet. Es handelt sich jeweils um kleine Feuer.

Die Seelsorgerin hat den Anrufer von 23.42 Uhr nicht erreicht. Er habe sein Telefon nicht gehört. Darum wählt er um 0.20 Uhr erneut den Notruf. Wieder nimmt Rather den Anruf an. Der Mann sagt, er wisse nicht weiter. „Sie haben die Nummer von der Seelsorgerin doch im Display, rufen Sie sie zurück“, schlägt Rather vor. Der Anrufer droht damit, sich etwas anzutun. Der Disponent schickt einen Rettungswagen los. Gleichzeitig redet er beruhigend auf den Mann ein. Er wird die Rettungsassistenten länger beschäftigen, denn er will nicht mit den Männern mit. Rather erfährt es, weil einer der Rettungsassistenten ihn anruft.

 

 

 

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erstellt am 03.Jan.2015 | 10:00 Uhr

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