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Pinneberger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 13:26 Uhr

Mitten im Leben statt außen vor : Im Interview spricht Kita-Leiter Hartmut Brodersen über die Grenzen der Inklusion und Hürden für Eltern

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

shz.de hat nachgefragt, was eigentlich der genaue Unterschied zwischen Integration und Inklusion ist, wie gut das Miteinander funktioniert und welche Hürden es gibt.

Appen | Seit einem Jahr gibt es eine inklusive Krippe im Kindergarten der Lebenshilfe in Appen-Etz. Leiter Hartmut Brodersen ist Vorreiter und Experte in Sachen Inklusion. shz.de hat nachgefragt, was eigentlich der genaue Unterschied zwischen Integration und Inklusion ist, wie gut das Miteinander funktioniert und welche Hürden es gibt.

Die inklusive Krippe besteht ein Jahr. Welche Herausforderungen haben sich da ergeben?
Hartmut Brodersen: Eigentlich war es gar nicht schwierig. Mit der Fachlichkeit, die jetzt gegeben ist, hatten wir eine Garantie, dass unsere zwei kleinen Mädchen, die Entwicklungsverzögerungen haben, aufgefangen werden konnten und auch entsprechend gemeinsam mit den anderen gefördert werden. Die Lebenshilfe und die Gemeinde Appen sorgen dafür, dass der Rahmen stimmt. Wir sind damit natürlich das ganze Verfahren umgangen. Dass die beiden Mädchen in der Krippe nicht bei einem Amtsarzt waren, um hier für den Kindergarten eine Genehmigung zu erhalten. Die sind ganz normal über die Warteliste zu uns gekommen – ohne Vorprüfung.

Wie ist denn die Beziehung der Kinder untereinander, sowohl im Elementar-, als auch im Krippenbereich?
Die ist gut. Wir haben hier – was ich faszinierend finde – ein ganz geringes Aggressionspotenzial, wenig Hierarchiebildung. Das Schubladendenken findet bei Kindern nicht statt. Sie begegnen sich einfach, treffen sich, spielen miteinander und sind eins. Das ist Inklusion. Natürlich sagen die auch mal: „Du bist doof, weil du mir meinen Ball weggenommen hast.“ Das ist ganz normal.

Haben Kinder, die bereits in jungen Jahren auf andere Kinder mit Behinderung treffen, weniger Vorbehalte und Ängste?
Ich habe einzelne, ehemalige Kindergartenkinder später wieder getroffen, zum Beispiel als Zivildienstleistende und das war immer ganz spannend zu fragen: „Woran erinnerst du dich denn noch in deiner Kindergartenzeit?“ Das Ergebnis war, dass die Kinder in den drei Jahren eine andere Wertevermittlung erfahren haben. Sie sind wie selbstverständlich damit umgegangen. Sie haben vielleicht einem Kind, das nicht alleine essen kann, das Essen gereicht und dabei geholfen. Dadurch sind einfach andere Erfahrungen schon in jungen Jahren gesammelt worden. Rückmeldungen aus der Schule belegen das auch. Unsere Kinder haben ein tolles Sozialverhalten, eine tolle emotionale Kompetenz und wirken unterstützend im Prozess des Miteinanders.

Was würden Sie Eltern sagen, die sich Sorgen machen, dass sehr begabte Kinder durch die gemeinsame Betreuung mit Kindern mit geistiger Behinderung benachteiligt werden?
Im Kindertagesstättenbereich sollen sie sich keine Sorgen machen. Im Schulbereich ist es dann von den Ressourcen abhängig, die für alle Kinder gegeben sind. Das Kind, nehmen wir an, es ist ein Kind mit einer schwereren, oder sagen wir mal mit einer geistigen Behinderung, wird im Grundschulbereich genauso gefördert wie ein hochbegabtes Kind. Das erfordert natürlich von den Pädagogen ganz viel differenziertes Denken. Alle Ansätze müssen berücksichtigt werden.

Wie verlief der gesellschaftliche Wandel von der Integration hin zur Inklusion?
Früher war es so, dass keine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gegeben war. Menschen mit Behinderungen lebten oft in großen Anstalten. 1982 kam dann die Integration. Wir von der Lebenshilfe sind losgezogen und haben Normalität gesucht. In dieser Phase befinden wir uns immer noch. Über dreißig Jahre später haben wir hier in Appen-Etz unsere vier Integrationsgruppen und wir haben auch noch eine heilpädagogische Kleingruppe ausschließlich als Gruppe für Kinder mit Behinderungen. Das heißt, wir haben in unserer Gesellschaft ab und zu mal einen Bereich, in dem es gelungen ist, dass Kinder mit Behinderungen integriert werden. Die Bundesrepublik Deutschland hat im Jahr 2009 die UN-Konvention der Rechte für Menschen mit Behinderungen unterschrieben und sich verpflichtet, Inklusion umzusetzen – also die bedingungslose Teilhabe aller Menschen in der Gemeinschaft. Inklusion haben wir dann erreicht, wenn es wirklich ganz selbstverständlich ist, dass Kinder mit und ohne Behinderung in den Kindergarten gehen können, an dem Ort, wo sie wohnen.

Inklusion heißt übersetzt Zugehörigkeit, sie ist  also das Gegenteil von Ausgrenzung. Wenn jeder Mensch – ob er eine Behinderung hat oder nicht – überall dabei sein kann, ob in der Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel, in der Freizeit, dann ist das gelungene Inklusion. Hürden sollen abgebaut und die Umgebung für jeden Menschen zugänglich gemacht werden. Inklusion ist ein Menschenrecht, das in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen festgeschrieben ist. Dort geht es nicht mehr um die Integration von „Ausgegrenzten“, sondern darum, von vornherein allen Menschen die uneingeschränkte Teilnahme an allen Aktivitäten möglich zu machen. Das negative Verständnis von Behinderung soll keine Normalität sein, sondern ein gemeinsames Leben aller Menschen mit und ohne Behinderungen. Folglich hat sich nicht der Mensch mit Behinderung anzupassen, sondern das gesellschaftliche Leben  muss  für alle Menschen ermöglicht werden. Auch die Bundesrepublik Deutschland hat diese Vereinbarung unterzeichnet. Allerdings ist das Ziel noch nicht erreicht. Inklusion ist ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist.

Wie werden Kinder mit einer Behinderung gefördert?
Die Lebenshilfe hat parallel zur Entwicklung der Integrationsgruppen einen stützpädagogischen Dienst aufgebaut. Zum Beispiel in der Gemeinde Halstenbek. Dort sind Heilpädagogen der Lebenshilfe im Einsatz, um Kinder am Wohnort zu fördern. Das sind ambulante Maßnahmen. Das gibt es im Schulbereich auch. Einzelne Kinder brauchen eine andere Gruppengröße, zum Beispiel die Integrationsgruppe oder die heilpädagogische Kleingruppe. Und dann wird gutachtlich festgelegt, welchen Grad einer Behinderung ein Kind hat und danach leitet sich die Maßnahme ab. Vom System her sind wir eine integrative Einrichtung und keine inklusive. Mit der einen Ausnahme, das ist unsere Krippe.

Was würden Sie sich wünschen?
Wenn es die Freiheit geben würde, dass ein Kind in die Kita kommt und es dort ein pädagogisches Team gibt. Das lernt dieses Kind kennen, auch die Behinderung, und organisiert dann den Rahmen für das Kind selbst. Momentan passt sich das Kind dem System an – nicht umgekehrt.

Und wer müsste sich jetzt rühren? Die Bundespolitik, die Landespolitik?
Das ist ein Teil der Länderhoheit, in Kooperation mit dem Kreis.

Gibt es denn Grenzen der Inklusion? Was antworten Sie Kritikern, die das Ganze so nicht für umsetzbar halten?
Sicherlich gibt es Grenzen, wenn wir jetzt betriebswirtschaftlich denken. Sagen wir, ich habe jetzt hier die Möglichkeit, zum Beispiel vier Kinder gleichzeitig in einem Gruppenverbund zu fördern. Da kommt eines aus Uetersen, eines kommt aus Prisdorf, eines aus Pinneberg und eines aus Halstenbek. Diese Kinder besuchen Kitas an ihren Wohnorten und sind dort möglicherweise die einzigen Kinder mit Behinderungen. Aber setze ich da eine Heilpädagogin rein, dann werden die Kritiker natürlich ganz schnell rechnen und sagen: „Hey, wer soll das denn bezahlen?“ Es braucht Rahmenbedingungen. Dazu muss man bereit sein, Ressourcen zu schaffen. Im Bildungsbereich wäre das eine große Herausforderung. Ich finde ja sowieso, dass die Kindergruppen viel zu groß sind mit zwanzig Kindern. In der heutigen Zeit ist das einfach zu viel. Kinder hätten also bessere Chancen, wenn die Gruppen kleiner wären. Wenn wir auch die Vielfalt von Elementar- und Heilpädagogik in einer Einrichtung hätten.

Wie lautet ihr Fazit, nachdem Sie nun ein Jahr die inklusive Krippe haben?
Es ist eine absolute Bereicherung, dass kleine Kinder in der Kita sind. Die inklusive Krippe ist für uns ein Riesengewinn und das, was ich gesehen habe an Prozessen für die zwei Kinder mit Behinderungen, das ist Normalität. Und die haben ganz, ganz stark von den anderen Kindern profitiert. Das Fazit fällt eindeutig positiv aus.

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erstellt am 29.Jul.2016 | 16:27 Uhr

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