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Pinneberger Tageblatt

06. Dezember 2016 | 09:20 Uhr

Hochseeinsel in der Nordsee : Gegen den Feinstaub: Warum die Helgoländer über Kamine streiten

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Insel soll CO2-neutral werden. Die Gemeindevertretung will Kamine deswegen verbieten. Doch die Besitzer wehren sich.

Helgoland | Als „jod- und sauerstoffreichster Ort der Bundesrepublik“ präsentiert sich Helgoland. Deutschlands einzige Hochseeinsel wirbt im Internet mit zehnmal so niedrigen Staubpartikel-Werten wie auf der Zugspitze. Weil die Insel bis 2020 zudem CO2-neutral sein soll, hat die Gemeindevertretung die Nutzung von Kaminen verboten - zum Ärger von deren Besitzern. Deshalb gibt es auf der Nordseeinsel nun Streit. „Das erste Mal wurde ein Bürgerbegehren gegen einen Beschluss der Gemeindevertretung gestartet“, sagt Bürgermeister Jörg Singer (parteilos).

Die Argumente der Befürworter betreffen auch den Tourismus: Reisende verbänden ihren Urlaub mit sauberer und reiner Luft und könnten der Insel fernbleiben, falls das nicht so bleibt.

Worum geht es? Die Insel ist an ein Fernwärmenetz angeschlossen. Gut 80 Kaminöfen gibt es aber noch. Die neue Fernwärmesatzung wurde zwar bereits 2014 erlassen. Nach einer Übergangszeit wurde darin die Nutzung der Öfen und Kamine zum „1. Juli 2016 auf der Insel Helgoland verboten“. Das will die Initiative der „Ofen-Freunde“ nicht akzeptieren und hat dagegen das Bürgerbegehren „Private Öfen heben Lebensqualität“ gestartet und 349 Unterschriften gesammelt.

Die Ofen-Befürworter argumentieren, sie wehrten sich nicht gegen den Anschluss- und Benutzerzwang an das öffentliche Fernwärmenetz. Die Öfen würden nicht als primäre Wärmequelle genutzt. Das Verbot werten sie als unrechtmäßigen Eingriff in ihre Lebens- und Wohnqualität. Weil die Gemeindevertretung aber an ihrer Entscheidung von 2014 festhält, kommt es am 6. November zu einem Bürgerentscheid.

Wie die Abstimmung ausgehen wird, vermag Bürgermeister Singer nicht vorherzusagen. Zu verhärtet sind die Fronten zwischen den „Ofen-Freunden“ und der Initiative „Riin Loch Moats“ (zu deutsch: Reine-Luft-Freunde) mittlerweile. Das Ganze sei schwer einzuschätzen, sagt Singer. „Ich glaube aber, dass es zugunsten der Ofengegner ausgehen wird.“ Der erst vor kurzem wiedergewählte Singer hat zwar selbst zu Hause keinen Kamin, ihn macht der Streit auf der Insel aber „ein bisschen traurig“.

Ganz so entzweit wie vor Jahren bei der Frage einer möglichen Wiedervereinigung der Hauptinsel mit der vorgelagerten Düne sind die Helgoländer zwar nicht. „Das ist aber schon Inselgespräch“, sagt Singer. Der Streit zwischen beiden Lagern hat sich längst auf die emotionale Ebene verlagert. Die Gemeindevertretung argumentiert, Gesundheit gehöre zu den wichtigsten Grundwerten für das Gemeinwohl auf der Insel.

Es sei fraglich, ob sich die Ofen-Befürworter mit einer Niederlage Anfang November zufrieden geben werden, sagt Katja Martens, die Sprecherin der Initiative für reine Luft. Für sie ist klar: „Wenn die anderen gewinnen, wird die ganze Insel verlieren.“ Es sei unstrittig, dass jeder Ofen Feinstaub produziere. Die Insel-Ziele wie die CO2-Neutralität und auch der Gesundheits-Tourismus seien in Gefahr. „Die Gesundheit des Menschen ist aber ein höheres Gut als die Behaglichkeit eines Kaminfeuers.“

Die Debatte sei sehr emotional geworden, sagt auch die Sprecherin der Ofen-Freunde, Ingeborg Bussmann. Es gebe anonyme Verleumdungen.„Dabei werden die Kamine auf der Insel doch nur zur Gemütlichkeit genutzt.“ Die Kaminbetreiber wollen notfalls durch die Instanzen gehen. Denn: „Der gelegentliche Betrieb von einigen ordnungsgemäß geprüften Kaminen auf einer windumtosten Insel, auf der an über 200 Tagen pro Jahr Windstärken über 6 Beaufort gemessen werden, erscheint daher kaum geeignet zu einer nennenswerten Feinstaubbelastung zu führen...“, heißt es in einer Stellungnahme der Initiative.

Helgolands Tourismusdirektor Klaus Furtmeier sieht im verantwortungsvollen Umgang mit Öfen keine negativen Auswirkungen für die hochgeschätzte Luftqualität. „Die regelmäßig stattfindenden, stets zwölfmonatigen Luftmessungen auf Helgoland, die unter anderem für den Erhalt des Prädikates 'Nordseeheilbad' vorgeschrieben sind, haben seit vielen Jahren (auch damals wurden Öfen eingesetzt) immer sehr gute Werte ergeben.“ Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Björn Dannenmann. Er gehe von einer verschwindend geringen Feinstaubbelastung aus, sagt der für Helgoland zuständige Schornsteinfegermeister.

Sie interessieren sich für das Leben und die Menschen auf Helgoland? Dann entdecken sie interessante Geschichten über die Seenotretter der Hochseeinsel. shz.de hat die Retter auf der Nordsee begleitet. Das Ergebnis ist eine Multimediareportage, die Sie unter helgoland.shz.de finden.
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erstellt am 03.Okt.2016 | 13:20 Uhr

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