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Pinneberger Tageblatt

10. Dezember 2016 | 21:32 Uhr

DAS SONNTAGSGESPRÄCH : „Früher wurden die Patienten zu Tode geschont“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Sonntagsgespräch: Heute mit Gela Linne, Herzgruppen Blau-Weiß Schenefeld.

Schenefeld | Seit 40 Jahren gibt es bei Blau-Weiß 96 Schenefeld inzwischen die Herzgruppen. Das Jubiläum wurde vor kurzem im Gemeindesaal der Stephanskirche gefeiert. Im Sonntagsgespräch erklärt Trainerin Gela Linne unter anderem, warum Herzsport so wichtig ist.

Wie laufen die Treffen der Herzgruppen ab?
Am Anfang messen die Teilnehmer ihren Puls, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Dadurch lernen sie, den eigenen Körper einzuschätzen. Mir hilft es, die Belastung zu steuern. Danach geht es mit der Bewegung los, zum Beispiel zügiges Gehen oder spielerische Übungen.  Ausdauer, Koordination, Kräftigung der Muskulatur - es werden verschiedene Schwerpunkte gesetzt. Am Ende gibt es einen entspannenden Ausklang. Bei unseren Treffen sind immer ein Trainer und ein Arzt dabei. Das gibt Trainern und Teilnehmern zusätzliche Sicherheit. Der Arzt ist nicht nur für den Notfall da, sondern beantwortet auch Fragen.

An wen richtet sich das Angebot?
Zielgruppe sind Menschen mit Herzbeschwerden. Herz- und Kreislauferkrankungen gehören zu den häufigsten Todesursachen. Herzinfarkte, neue Herzklappen, Stents, Herzschrittmacher - wer davon betroffen ist, kann zu uns kommen. Es darf aber keine akute Erkrankung vorliegen. Die Teilnehmer werden vom Arzt zu uns geschickt, nachdem sie vorher ausführlich untersucht wurden. Mit der Bescheinigung des Arztes gehen sie dann zur Krankenkasse. Es ist im Prinzip genauso, als wenn Tabletten verordnet werden. Der Sport hat den gleichen Stellenwert wie ein Medikament und kann auch nicht einfach abgesetzt werden. Einige Kassen versuchen, die Erkrankten nach einem gewissen Zeitraum davon zu überzeugen, die Übungen zu Hause selbst zu absolvieren. Davon halte ich nichts.  Die Arbeit in der Gruppe ist auch aus psychosozialen Gründen wichtig. Die Teilnehmer haben hier Gelegenheit, sich auszutauschen und gegenseitig zu motivieren - und mehr Spaß macht es gemeinsam auch.

Wer gehört zu den Teilnehmern?
Vornehmlich ältere Menschen, da die einfach häufiger unter Herz- und Kreislauferkrankungen leiden. Einige sind aber auch noch berufstätig. In unseren drei Herzgruppen sind derzeit mehr als 50 Teilnehmer aktiv. Weitere Neuzugänge sind immer willkommen. Die Herzgruppen zeigen den Menschen, dass sie ihrer Erkrankung nicht ausgeliefert und nur auf Ärzte angewiesen sind, sondern selbst etwas für sich tun können. So helfen wir, den Alltag besser zu bewältigen.

Gela Linne (60) ist seit 15 Jahren Trainerin bei den Herzgruppen von Blau-Weiß 96 Schenefeld. Die Diplom-Pädagogin und Gesundheitspädagogin mit dem Schwerpunkt „Bewegung“ ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

Seit 40 Jahren gibt es die Herzgruppen bei Blau-Weiß 96. Was hat sich verändert?
Das Prinzip ist gleich. Es wurde erkannt, dass es falsch ist, Menschen nur zu schonen, wenn sie unter Herzerkrankungen leiden. Es ist wichtig, sich zu bewegen. Ein Arzt hat es treffend mit den Worten beschrieben, dass die Patienten früher zu Tode geschont wurden. Das Herz ist ein Muskel. Und Muskeln verkümmern, wenn sie nicht genutzt werden. Das bedeutet, man muss etwas für sie tun. Inhaltlich verändern sich bei unserer Arbeit immer wieder einige Aspekte, da es ständig neue Erkenntnisse gibt. So wurde beispielsweise früher beim Training vor allem auf die Ausdauer Wert gelegt. Inzwischen weiß man, dass auch Kraft und Koordination sehr wichtig sind. Dadurch werden die Bewegungen ökonomischer und das Herz entlastet.

Was macht für Sie den Reiz Ihrer Arbeit aus?
Wer sich bewegt, tut aktiv etwas für seine Gesundheit. Menschen dabei zu unterstützen, bereitet mir unheimlich viel Freude. Die Arbeit bringt nicht nur den Teilnehmern, sondern auch mir riesigen Spaß.  Wenn das anders wäre, würde man das vermutlich merken. „Tun, was Herz erfreut“ lautete der Leitspruch in einem Buch von Dietrich Grönemeyer. Das trifft es aus meiner Sicht ziemlich genau.

Hat der Stellenwert von Sport und Bewegung zugenommen und tun die Menschen mehr für ihre Gesundheit?
Ich glaube schon. Das zeigt die ungeheure Zahl an Herzgruppen, die es in Deutschland inzwischen gibt.  Die Steigerungen waren in Schenefeld bei der Gründung der Herzgruppen natürlich wesentlich auffälliger, weil wir bei null anfingen. Trotz geringer Schwankungen ist die Nachfrage aber weiter beständig groß. 

Welche Bedeutung haben die Herzgruppen für den Verein?
Als Verein wollen wir für alle Gruppen da sein und Sport für jeden anbieten. Für die Spitze, aber auch für die, die nicht so sportlich sind und mit Einschränkungen leben müssen. Die Reha-Sportgruppen sind deshalb völlig zu Recht ein fester Bestandteil des Vereinslebens. Gerade mir als Pädagogin ist der Breiten- wesentlich wichtiger als der Spitzensport.

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erstellt am 23.Okt.2016 | 12:00 Uhr

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