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Pinneberger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 10:51 Uhr

Das Sonntagsgespräch : „Etwa fünf Prozent der Unterlagen bleiben erhalten“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Sonntagsgespräch: Heute mit Anke Rannegger vom Stadtarchivarin in Wedel.

Wedel | Anke Rannegger ist Stadtarchivarin in Wedel. Im Sonntagsgespräch erklärt sie unter anderem, wozu die Städte Archive brauchen.

Anke Rannegger (51) ist gebürtige Wedelerin und hat einen Sohn. Sie arbeitet seit 1981 bei der Stadt Wedel und ist seit 1984 Stadtarchivarin.

Wie sieht die Arbeit des Stadtarchivs aus?
Die eigentliche Aufgabe eines Stadtarchivs ist, die Akten und Unterlagen der Verwaltung zu übernehmen, die diese nicht mehr für ihre Arbeit braucht. Ich muss einen Teil so lagern und konservatorisch aufbereiten, dass er unbeschädigt bleibt. Diese Unterlagen werden für die Wissenschaft und Forschung, aus rechtlichen, kulturgeschichtlichen Gründen, für das Verständnis der Gegenwart und Geschichte, aber auch für die Sicherung von berechtigten Belangen Betroffener oder Dritter aufbewahrt. Es geht nicht um eine Lagerung für ein paar Jahre, sondern für Jahrhunderte. Deshalb ist es wichtig, gezielt zu sichten. Etwa fünf Prozent der Unterlagen bleiben erhalten. Der Rest wird vernichtet.

Was für Unterlagen sind aus Ihrer Sicht wichtig?
Wenn zum Beispiel der Roland restauriert wird. Dann weiß man bei der nächsten Sanierung, was damals für Farben und Materialien verwendet wurden. Außerdem ist es wichtig, über Altlasten informiert zu sein. Wenn heute ein Gebäude entsteht, muss man wissen, ob dort früher vielleicht Industriebetriebe waren und sich noch giftige Stoffe im Boden befinden könnten. Deswegen macht ein Archiv schon aus pragmatischen Gründen Sinn. Ich persönlich finde Familienforschung sehr spannend. Dabei helfen die Unterlagen des Standesamts.

Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit?
Die Vielfältigkeit. Ich schnuppere in sämtliche Bereiche hinein und eigne mir vom Standes- bis zum Bauamt ein umfassendes Wissen an. Der Weg von der Akte bis zur Publikation, zu Schulprojekten oder sogar bis zu einem Buch ist immer wieder faszinierend. Mich begeistern gerade die kleinen Geschichten am Rande.

Sind Sie selbst ein geschichtsbewusster Mensch?
Das bleibt in meinem Job gar nicht aus. Geschichte ist nicht das Aufbewahren der Asche, sondern das Weitergeben des Feuers. Die Begeisterung für die alte Zeit muss man verbreiten. Deswegen publiziere ich sehr viel und schreibe zum Beispiel eine Kolumne für das Wedel-Schulauer Tageblatt. Zudem arbeite ich mit den Wedeler Schulen zusammen.

Wie sind Sie zu der Arbeit gekommen?
Wie die Jungfrau zum Kinde. Ich bin hier im Rathaus zur Verwaltungsfachangestellten ausgebildet worden. Nach dem Ende der Ausbildung konnte man mir nur diesen Posten anbieten. Ich habe aber schnell Blut geleckt, mich ständig weitergebildet und auch eine Fachausbildung zur Archivarin absolviert. Ich finde es aufregend, was ich hier alles entdecken kann. Ich bekomme einen Eindruck, wie Wedel früher ausgesehen hat.

Wieso brauchen Städte ein Archiv?
Schon allein aus rechtlichen Gründen. Das Landesarchivgesetz verpflichtet jede Kommune, ein Archiv zu haben. Als stellvertretende Vorsitzende des Verbands der Kommunalarchivare in Schleswig-Holstein setze ich mich dafür ein, dass die Pflege der Archive überall vernünftig gehandhabt wird.

Nicht jedem erschließt sich die Bedeutung des Themas. Sie studieren auch Kulturwissenschaften. Was motiviert Sie dazu?
Das ist ein langfristig angelegtes Projekt. Mein Ziel ist der Doktortitel. Andere sammeln als Hobby Briefmarken. Ich studiere Kulturwissenschaften.

Sie waren vor kurzem in Afrika und haben dort ein Archiv in Windhoek (Namibia) untersucht. Wie kam es dazu?
Ich wollte schon immer einmal im Ausland ein Archiv erschließen. Ich beherrsche die historische deutsche Schrift und habe mich erkundigt, wo mir diese Kenntnisse nutzen. In meine Recherchen bezog ich auch die ehemaligen deutschen Kolonien ein und stieß dabei auf die Deutsch-Evangelisch-Lutherische Kirche in Windhoek in Namibia, die bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts existiert. Dort wird immer noch Deutsch gesprochen und die Unterlagen reichen bis in die Anfangszeit zurück. So spiegelt sich die lange Geschichte in den Akten wider. Ich würde mich freuen, wenn es mir gelingt, auch andere für die Arbeit dort zu begeistern.

Was haben Sie persönlich aus dem Aufenthalt mitgenommen?
Eine komplett neue Sichtweise auf bestimmte Länder. Was in Europa von Bedeutung ist, spielt dort häufig eine eher untergeordnete Rolle. Auffällig ist in Afrika das große Gefälle zwischen Arm und Reich. Die Armut ist erschütternd. Das ist mit den Verhältnissen in Deutschland nicht zu vergleichen.

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erstellt am 07.Aug.2016 | 15:00 Uhr

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