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Pinneberger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 20:46 Uhr

„Eine Show mit Musik wäre ein Traum“ : Entertainer Yared Dibaba spricht im Interview seine Heimat Oromia, Karrierezufälle und Träume

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

NDR-Moderator, Entertainer, Sänger und Plattschnacker - Yared Dibaba ist ein Multitalent. shz.de hat ihn zum Interview getroffen.

Hamburg | Sie sind vor 37 Jahren in Äthiopien auf die Welt gekommen und leben seit zwölf Jahren mit ihrer Familie in Hamburg-Altona. Empfinden Sie sich als Deutscher mit Migrationshintergrund?
Ich fühle mich als Norddeutscher mit Leib und Seele. Hier lebe ich seit 36 Jahren und fühle mich sehr wohl.

Was bedeutet Heimat für Sie?
Der Norden ist meine Heimat, ob Falkenburg im Oldenburger Land, wo ich aufgewachsen bin; oder Hamburg, wo ich seit zwölf Jahren mit meiner Familie lebe und meine Freunde sind und ich arbeiten gehe. Heimat ist aber nicht nur eine Stadt oder eine Region, sondern heißt für mich auch: Ich fühle mich geborgen und gehöre dazu.

Sie sprechen nicht von Äthiopien, sondern von Oromia, wenn es um Ihre Herkunft geht. Warum?
Die Oromo sind ein großes Volk – es gibt 40 Millionen Oromo. Aber die wenigsten wissen, dass es sie gibt. Zurzeit herrscht dort Bürgerkrieg, Menschen werden umgebracht, gefoltert, entführt. Das ist die Ursache, warum viele Oromo aus Äthiopien fliehen. Ich möchte, dass mehr Menschen hier davon erfahren.

Sie sprechen fließend Plattdeutsch und haben sogar mehrere Bücher in dieser Sprache geschrieben. Wie kam es dazu, dass Sie Plattdeutsch gelernt haben?
Weil ich auf dem Land bei Oldenburg aufgewachsen bin. Plattdeutsch ist dort das Normalste der Welt. Ich habe im plattdeutschen Kinderchor gesungen und an plattdeutschen Lesewettbewerben teilgenommen. Eine Sprache muss leben und muss gesprochen und gelesen werden, damit sie nicht ausstirbt. So bin ich auf die Idee gekommen, Bücher auf Platt zu schreiben.

Ein Schwarzer, der Plattspricht, kommt nicht so oft vor. Hat Ihnen Ihr Aussehen bei der Karriere vielleicht sogar geholfen?
Ich glaube nicht, dass die Hautfarbe eine Rolle gespielt hat. Die Menschen finden es interessant, dass sich jemand, der nicht aus dem Norden kommt, sondern aus einem weit entfernten Land, für die plattdeutsche Sprache begeistern kann. Das beeindruckt viele Menschen.

Yared Dibaba wird am 8. April 1969 in Oromia (Äthiopien) geboren. Im Jahr 1973 bekommt sein Vater einen Studienplatz für Erziehungswissenschaften an der Uni Osnabrück und Yared zieht mit seinen Eltern und seinem Bruder nach Deutschland. 1976 geht es zurück nach Äthiopien. Als nach ihrer Ankunft in der Heimat der Bürgerkrieg ausbricht, planen die Dibabas die Flucht und landen nach einer Odyssee 1979 in Falkenburg, Niedersachsen, wo der Vater als Dozent tätig wird. 1990 macht Yared Abitur in Delmenhorst und absolviert im Anschluss eine zweijährige kaufmännische Ausbildung im Rohkaffeehandel in Bremen. Anschließend besucht er für drei Jahre eine Schauspielschule in Bremen. In Hamburg studiert der Entertainer darüber hinaus Gesang am Konservatorium.

Fällt es Ihnen als Fernsehstar leicht, immer freundlich und politisch korrekt zu sein?
(lacht) Freundlich zu sein, fällt mir tatsächlich nicht schwer. Ich verhalte mich meinen Mitmenschen gegenüber so, wie ich es auch von ihnen mir gegenüber erwarten würde. Deshalb liegt es mir fern, jemanden zu beleidigen, zu diskriminieren oder auszugrenzen.

Gibt es Situationen, in denen sie ungemütlich werden können?
Ja. Wenn Menschen ignorant oder intolerant sind, werde ich ungemütlich. Das darf man ihnen nicht durchgehen lassen.

Spüren Sie ein verändertes Klima, eine gewachsene Ausländerfeindlichkeit in Deutschland, seitdem so viele Flüchtlinge ins Land gekommen sind?
Es gibt viele Menschen, die sich Sorgen machen. Die Vorbehalte nehmen zu und werden offener als früher ausgesprochen. Das hat sich verändert. Auf der anderen Seite erlebe ich große Hilfsbereitschaft und ein großes Interesse, sich mit den Ursachen von Flucht auseinanderzusetzen. Es gibt beide Seiten.

Terroranschläge von Islamisten nehmen zurzeit auch bei uns zu. Macht dies ein souveränes Umgehen mit Fremdenfeindlichkeit schwieriger?
Wir dürfen uns von der Angst nicht regieren lassen. Das ist das Wichtigste. In anderen Ländern hat es Terroranschläge schon immer gegeben. Das Bedrohliche für die Menschen in Deutschland ist, dass der Terror näher rückt und greifbar wird. Das verstehe ich. Aber wenn wir zulassen, dass Terror unser Leben verändert und beeinflusst, gewinnen die Terroristen Macht über uns. Das darf nicht geschehen.

Was ist für Sie das Wichtigste, damit Flüchtlinge sich bei uns integrieren und wohlfühlen können?
Ein sehr wichtiger Faktor ist die Sprache. Nur wer die Sprache beherrscht, kann am täglichen Leben teilhaben und sich hier zu Hause fühlen. Die meisten Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, wünschen sich das. Sie wollen etwas schaffen und sich gesellschaftlich engagieren. Beide Seiten, sowohl Deutsche als auch Flüchtlinge, müssen aufeinander zu gehen.

Haben Sie sich als Kind in Deutschland sofort wohl gefühlt?
Ja, als wir 1979 zum zweiten Mal nach Deutschland kamen, weil wir vor dem Bürgerkrieg in Äthiopien flüchten mussten, habe ich mich schnell zu Hause gefühlt. Ich war damals zehn Jahre und sprach schon Deutsch. Das war der Schlüssel. Dadurch hatten wir sofort Anschluss.

Nach Ihrem Abitur haben Sie Außenhandelskaufmann bei einer Bremer Kaffeefirma gelernt. Warum reichte Ihnen das nicht?
So war es nicht. Es waren Zufälle, die mich zur Schauspielerei gebracht haben. Mein damaliger Mitbewohner, der selbst Schauspielschüler war, ermunterte mich, die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule zu machen, weil er mich für talentiert hielt. Als ich die Prüfung dann erfolgreich absolviert hatte, musste ich mich zwischen Theater und der Kaffeefirma entscheiden. Das war der Anfang.

Bekannt wurden Sie an der Seite von Heidi Kabel im Ohnsorg-Theater. Sind Sie zufrieden mit Ihrer Schauspiel-Karriere?
Ich habe neben der Schauspielerei als Moderator für einen Internetsender in Hamburg gearbeitet. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht, war erfolgreich und ich konnte damit Geld verdienen. Als unbekannter Schauspieler Rollen zu bekommen, war weitaus schwieriger. So haben sich die beruflichen Schwerpunkte nach und nach verschoben.

Was wäre Ihre Traumsendung im Fernsehen, die Sie gerne machen würden?
Unterhaltungsformate interessieren mich. Eine Show mit Gästen, Gesprächen, Musik und Humor wäre schon ein Traum. Es wäre für mich eine Möglichkeit, meine Fähigkeiten als klassischer Entertainer wie Moderation, Schauspielerei und Singen auszuleben. Das würde mich reizen.

Was nicht alle wissen: Sie machen auch Musik?
Ja, seit meiner Kindheit. Angefangen hat alles im Jahr 1984. Mein Bruder Benjamin und ich spielten zusammen in einer Band. Zu den Proben hat uns unsere Mutter immer gefahren. Das war der Anfang. Benji ging dann nach London, um Tontechnik zu studieren. Ich habe in verschiedenen Bands gesungen und Gitarren- und Klavierunterricht genommen. Musik war immer ein wichtiger Teil meines Lebens.

Gemeinsam mit ihrem Bruder haben Sie die Pop-Shanty-Band „Yared und die Schlickrutscher“ gegründet...
...mit Benji zu arbeiten, ist Spaß maximal. Von Haus aus ist bei uns ein Grundvertrauen da. Wir lieben beide Musik, den Norden und die plattdeutsche Sprache. Er hat auch das neue Album „Land in Sicht“ produziert, das am 9. September erscheinen wird.

Was bedeutet Ihnen die Musik?
Sehr viel. Sie gibt mir die Möglichkeit, mehr von meiner Persönlichkeit mitzuteilen, als es die klassische Moderation zulässt. Das Lied „Land in Sicht“ zum Beispiel habe ich den Menschen gewidmet, die auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken sind. Das beschäftigt mich. Andere Songs erzählen vom typisch norddeutschen Lebensgefühl. Das alles ist ein Teil von mir. Das kann ich mit Musik oft besser zum Ausdruck bringen.

Was lieben Sie an Hamburg?
Es ist ist einfach eine wunderbare Stadt. Hamburg hat viel von einer Metropole, ohne eine richtige Großstadt zu sein. Sie hat den Hafen, viel Grün und Stadtteile wie St. Pauli oder Altona sind vielfältig und von verschiedenen Kulturen geprägt. Altona und St. Pauli liebe ich besonders, weil beide Stadtteile an der Elbe liegen. Dem Kiez auf St. Pauli habe ich in unserem neuen Album einen Song, eine Hymne gewidmet.

Yared Dibaba persönlich
Aus meinem Heimatland Äthiopien fehlt mir...
...der gute Kaffee. Ähnlich den Ostfriesen mit ihrem Tee haben wir Oromi eine ganz besondere Kaffeezeremonie. Die vermisse ich manchmal.

Deutsche und Oromo unterscheidet...
...nur wenige Dinge.

Mir macht Angst...
...wenn sich die Menschen von Angst regieren lassen.

Mein Glück ist...
...meine Familie.

Religion heißt für mich...
...an Gott zu glauben.

Karriere ist...
...ein wichtiger Teil meines Lebens, aber nicht alles.

Meine größte Schwäche...
...sind Serien.

Meine größte Stärke...
...ist meine Beharrlichkeit. Wir Oromo sind dafür bekannt, dass wir gute Marathonläufer haben, weil wir in Höhenluft geboren wurden. Das hat auch mich geprägt.

Ich lache...
...sehr gerne – auch über mich.

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erstellt am 03.Sep.2016 | 15:00 Uhr

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