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Pinneberger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 19:19 Uhr

Erst „Tarzan“ und jetzt das „Wunder von Bern“ : Elfjähriger als Musical-Star von Hamburg

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Michael Heidemann singt und tanzt auf der Bühne des „Wunder von Bern“ in der Rolle des Matthias Lubanski. Zuvor war er in „Tarzan“ zu sehen.

Hamburg | Und wieder werden Michael Heidemanns Knie braun und dreckig geschminkt. 2013 wurde er in der Neuen Flora zu „Tarzan“ verwandelt, mit zotteligen Haaren und einem Lendenschutz, heute wird er am Stage-Theater an der Elbe zum Fußballfanatiker Matthias Lubanski, der Hautrolle in dem Musical „Das Wunder von Bern“. Michael ist erst elf Jahre alt. Sein halbes Leben steht der Stader schon auf der Bühne.

Michael aus Kranenburg (Kreis Stade) spielt gern Fußball. Schon immer. Wann immer er zum Training seines Vereins, dem FC Oste/ Oldendorf, gehen kann, ist er dabei. Er spielt im Mittelfeld. Er ist nicht der Beste, doch darum geht es nicht. Es soll in erster Linie Spaß bringen. Soweit unterscheidet er sich nicht von seinen Freunden. Doch wenn es mal richtig kräftig regnet, dann mag er nicht zum Training gehen. „Ich will nicht krank werden“, sagt er. Denn dann droht seine andere Leidenschaft in Gefahr zu sein. Seine ganz große Leidenschaft: Michael ist Musicaldarsteller. Im Musical „Das Wunder von Bern“ singt er bei jeder Aufführung 13 Lieder, in der Hauptrolle.

Mutter Tanja Heidemann hat eine dicke Mappe über Michaels Werdegang. Sie sind voll mit Bildern von Michael, Zeitungsausschnitten, Programmheften und Autogrammkarten. Michael war mit sechs Jahren das erste Mal bei einem Musical-Casting, spielte schon auf verschiedenen Musicalbühnen und an der Staatsoper.

Gerade erst hat er bei dem Musikwettbewerb „Jugend Musiziert“ mit einem italienischen Lied gewonnen. Italienisch spricht er nicht. „Im Klavierunterricht spiele ich gerade Invention 1 von Bach“, erzählt er. Mama zückt das Handy und zeigt die Aufnahme von Michael, wie er auf italienisch singt. „Das ist peinlich, Mama“, sagt er. Sie drückt trotzdem auf „Play“. Und Michael geniert sich. Dabei steht der Elfjährige schon sein halbes Leben auf einer ganz großen Bühne. Als Kinderdarsteller des Stage-Musicals „Tarzan“ sang und tanzte Michael allein pro Aufführung vor rund 2000 Zuschauern. Doch das sei anders, im Saal ist es dunkel, die Zuschauer könne er ja nicht sehen.

Michael ist ein toller Junge. Er ist cool. Er ist witzig, pfiffig und verschmitzt. Mit seinen elf Jahren hat Michael aber auch eine unglaubliche Reife Er weiß, was er will. „Michael ist ein fleißiger und ehrgeiziger Junge. Er lernt schnell, und ist gesanglich und spielerisch sehr begabt“, sagt Luciano Di Gregorio, der Künstlerische Leiter der Kinderdarsteller und der Kinderschule und damit Michaels Bezugsperson am Theater. Zusammen mit Kollegin Melanie Vollmert-Michaelis kümmert er sich um die Kinderdarsteller. Sie betreuen sie gemeinsam auch während jeder Show. Michael ist seit Sommer 2014 bei dem Musical „Das Wunder von Bern“ dabei. Zunächst wurde geprobt, dann hat er den Mischa gespielt, einen von vier Freunden aus einer Jungsclique. Seit Anfang des Jahres hat er nun die Hauptrolle des Matthias Lubanski (kurz Mattes). Ein Fußballerjunge. Die Geschichte ist emotional. Der Neunjährige lebt mit seinen älteren Geschwistern sowie der Mutter in Essen. Der Vater ist noch immer in Kriegsgefangenschaft. Das tägliche Leben ist hart. Matthias schwärmt für Nationalspieler Helmut Rahn und wünscht sich nichts sehnlicher, als seinen Freund und Idol zur Fußball-Weltmeisterschaft zu begleiten. Doch als der Vater nach zehn Jahren heimkehrt, ist nichts mehr, wie es einmal war.

2013 spielte Michael den jungen Tarzan, Annette Wimmer betreute ihnen während der Vorstellungen.
2013 spielte Michael den jungen Tarzan, Annette Wimmer betreute ihnen während der Vorstellungen. Foto: Adams
 

Von Michael wird während der Aufführung viel abverlangt: Schauspiel, Tanz, Gesang und Sprechen. „Ob und wer die Rolle des Matthias spielen wird, entscheiden wir erst nach einiger Zeit. Natürlich spielen auch das Alter und die Größe eine nicht ganz unwichtige Rolle“, so Di Gregorio. Bei Michael passte es. „Er ist natürlich und sympathisch, und erreicht durch sein facettenreiches Wesen die Herzen der Zuschauer. Vor allem muss man Spaß und Freunde daran haben zu singen und zu schauspielern. Neugierig und offen sein zu lernen, was wir den Kindern in der Wunderschule mit auf den Weg geben.“

Zur Zeit teilen sich zehn Kinder aus Hamburg und der Umgebung die Rolle von Mattes. Alle acht bis zehn Tage stehen sie auf der Bühne. Das alles regelt der Jugendschutz. „Die Kinder dürfen vier Stunden am Stück bei uns arbeiten, abends bis spätestens 23 Uhr. Eine Stunde ist dann Showvorbereitung, drei Stunden dauert das Musical“, erklärt Luciano Di Gregorio. Mama Tanja war bisher bei jedem von Michaels Auftritten dabei. Sie ist es auch, die ihn für Proben und Auftritte nach Hamburg bringt. Jedes Mal. Und wenn sie doch mal nicht kann, springt Opa Siegfried (77) ein. Er ist stolz. „Man muss Michael auf der Bühne erleben, ich kann das gar nicht beschreiben“.

Irgendwann wird Michael zu alt für die Rolle sein, nach dem Stimmbruch sind die Songs zu hoch für Jungs. „Sie werden diese nicht mehr singen können. Das ist dann der Zeitpunkt aufzuhören“, erklärt der Künstlerische Leiter. Michael hat noch Zeit, er ist erst elf. Aber neuerdings ist er nicht mehr der jüngste in der Gruppe. Das findet er doof. Er war es gern, es war etwas Besonderes. Leicht gekünstelt haut er mit seinem Ellenbogen auf den Tisch. Er will zeigen, dass es ihn ärgert. „Aua“, sagt er theatralisch. Ein Schauspieler eben.

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erstellt am 24.Apr.2016 | 10:00 Uhr

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