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Pinneberger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 21:15 Uhr

Das Sonntagsgespräch : „Einen solchen Schwachsinn kann kein Mensch glauben“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Sonntagsgespräch: Heute mit Gabriele Kascha vom Verein Selenogradsk.

Kreis Pinneberg | Auch der Verein Selenogradsk bekommt zu spüren, dass das deutsch-russische Verhältnis belastet ist. In Russland wurde jüngst massiv gegen die Kooperation mit dem Kreis Pinneberg und den Verein Selenogradsk als Motor der Partnerschaft gehetzt. Im Sonntagsgespräch erläutert die Vereinsvorsitzende Gabriele Kascha unter anderem, warum die Partnerschaft trotz allem eine Zukunft hat.

Gabriele Kascha gründete den Verein Selenogradsk 1995 mit ihrem Mann Gerhard. Die Mutter eines Sohns wohnt in Elmshorn und arbeitet als Lehrkraft an der Heideweg-Schule in Appen-Etz.

Wie geht es mit dem Verein und der Partnerschaft weiter?
Wir arbeiten momentan ganz normal weiter. Unsere Haltung ist, dass auf russischer Seite die Administration erklären muss, wie sie zu der Partnerschaft steht. Die Bürger auf beiden Seiten wünschen sich , dass diese fortgesetzt wird. Dabei geht es nicht um mich oder den Vorstand, sondern um Menschen in Deutschland und Russland, die enge Beziehungen aufgebaut haben und durch die jetzige Entwicklung vor den Kopf gestoßen wurden.

Kam die Entwicklung aus heiterem Himmel oder war sie absehbar?
Alle Vereine, die Kontakt zu ausländischen Vertretern haben, wurden in Russland geprüft. Die Ansage war, dass die Zusammenarbeit hinterfragt wird, wenn Mittel fließen. Die Kontrolle betraf auch unseren Partnerschaftsverein in Russland. An den Verein sind von unserer Seite keine Gelder geflossen. Beim Verein Selenogradsk-Pinneberg handelt es sich nämlich nicht um eine ausländische Nichtregierungsorganisation. Er ist beziehungsweise war von Anfang an ein russischer Verein, mit dem wir auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Dadurch wurde die Partnerschaft zwischen dem Kreis Pinneberg und dem Rayon Selenogradsk mit Leben erfüllt.

Was passiert mit dem Verein in Russland?
Der Verein ist im April geschlossen worden. Das geschah auf Anordnung der Administration. Eine Neugründung wurde untersagt. Deshalb gibt es derzeit nur eine Art Vereinigung, aber keinen eingetragenen Verein. Die ehemalige Vereinsvorsitzende Lena Aleksandrova setzt ihr Engagement unverändert fort. Einerseits wurde der Verein aufgelöst, andererseits wurde sie aufgefordert, die Arbeit weiterzuführen. Wir waren mit einer offiziellen Delegation und einer Reisegruppe vor Ort, als ein populistischer Blogger gegen die Partnerschaft schoss. Diese Attacken waren sogar im Fernsehen Thema. Es wurden Namen genannt und Lena Aleksandrova praktisch zur Staatsfeindin erklärt. Es bereitet uns Sorgen, dass unsere russischen Freunde so in den Fokus geraten sind.

Ist der Verein Selenogradsk zum Opfer der großen Politik und der Spannungen zwischen Russland und dem Westen geworden?
Ich weiß nicht, ob es die große Politik ist. Ich weiß nur, dass eine Person großes Interesse hat, die Partnerschaft zu diskreditieren. Alle Vorwürfe, die erhoben werden, sind an den Haaren herbeigezogen. Angeblich sollen ja sogar mein Mann und mein Sohn für den Geheimdienst aktiv sein. Unser Sohn soll außerdem während eines Ukraine-Urlaubs den Maidan mit ausgelöst haben. Einen größeren Blödsinn kann man sich kaum ausdenken. Die Frage, die sich mir stellt: Wie kann es sein, dass der Verfasser dieses Schwachsinns so eine Plattform bekommt und seine Tiraden gleich zwei Mal im staatlichen Fernsehen verbreitet werden. Dadurch entsteht der Eindruck, dass hinter ihm andere stehen, die mit aller Macht versuchen, die Partnerschaft zu spalten. Die negativen Berichte wurden gezielt gestreut.

Unter welchen Voraussetzungen kann die Partnerschaft fortgeführt werden?
Die Entscheidung über die Fortsetzung der Partnerschaft trifft die Politik. Wir sind dafür da, diese mit Leben zu füllen. Dazu brauchen wir aber auch ein Pendant auf der russischen Seite.

Wie gehen Sie persönlich mit der jetzigen Situation um?
Je mehr ich mich damit auseinandersetzte, desto wütender wurde ich. Einen solchen Schwachsinn kann kein Mensch glauben. Deshalb haben wir auch eine Gegendarstellung geschrieben, weil wir solche hanebüchenen Vorwürfe nicht im Raum stehen lassen wollen. Die Arbeit für den Verein Selenogradsk und die Partnerschaft bedeuten mir enorm viel. Ich bin nicht bereit, mich davon zu verabschieden. Das kann ich den vielen Menschen nicht antun, die auf beiden Seiten involviert sind.

Tauschen Sie sich mit den Russen auch über die aktuelle politische Situation aus?
Natürlich. Niemand ist unpolitisch. Dass die Russen in manchen Dingen einen anderen Blickwinkel haben als wir, ist völlig normal. Freunde dürfen schließlich auch unterschiedliche Auffassungen haben, über die man sich vernünftig austauscht. Das zu ermöglichen, war doch einer der Gründe, die Partnerschaft überhaupt ins Leben zu rufen. Wenn Menschen unterschiedlicher Kulturen ins Gespräch kommen und sich für andere öffnen, werden Kriege verhindert. Es ist aber klar, dass wir momentan eine schwierige Zeit haben. Ich persönlich bin der Meinung, dass man Russland viel eher ins Boot hätte holen müssen. Das wurde versäumt. Es ist wichtig, den Dialog aufrecht zu erhalten. Die Politik muss den Weg bereiten, damit Vereine wie wir weiterarbeiten können.

Was kann die Politik im Kreis Pinneberg tun?
Sie muss deutlich klarstellen, dass sie vom Rayon Selenogradsk wissen will, wie dort die Partnerschaft gesehen wird.

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erstellt am 04.Sep.2016 | 15:00 Uhr

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