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Pinneberger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 07:00 Uhr

Ein Leben in guter Nachbarschaft

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Asyl Syrische Familie hat in Wedel ein neues Zuhause gefunden / Bürgermeister widerspricht Gerüchten zu Übergriffen von Flüchtlingen

Eigentlich wollten die Mitarbeiterinnen der Stadt Wedel eine Schale Gummibärchen auf den Tisch stellen. Erst in letzter Minute fiel auf, dass das wegen der Schweinegelatine darin keine gute Idee ist. Denn zu Gast in der Stadtverwaltung war außer Pressevertretern auch eine muslimische Familie Atanahli aus Syrien, die von ihrem neuen Leben in Wedel berichten sollte.

Der kleine interkulturelle Lapsus zeigt: Das Bewusstsein für die Bedürfnisse der Neubürger ist geschärft. Bürgermeister Niels Schmidt (parteilos) hatte zu dem Treffen eingeladen. „Wir wollen in der teils aufgeheizten Stimmung Vorurteilen mit sachlichen Informationen begegnen“, sagte Schmidt gestern im Rathaus. Ein Grund: der Angriff auf einen städtischen Mitarbeiter vor etwa drei Wochen. Der Mitarbeiter war in einer städtischen Unterkunft mit einer Dachlatte angegriffen und verletzt worden. „Es gehen Gerüchte um, wir hätten Probleme mit den Flüchtlingen. Der Täter war kein Flüchtling. Und er war psychisch krank“, sagte Schmidt.

Anja Rose, Leiterin des Fachdienstes Soziales, ergänzte: „Uns erreichen regelmäßig Anrufe, die von Ressentiments getragen sind. Es wird gefragt, ob städtische Mitarbeiter geschlagen wurden, ob die Flüchtlinge faul sind, ob die Grünanlagen der Unterkünfte vernachlässigt werden.“

„Wir haben keine Probleme. Die Flüchtlinge bei uns sind hilfsbereit, höflich und dankbar. Und der größte Teil versucht, sich zu integrieren“, sagte Schmidt. Er stehe in regelmäßigem Kontakt zur Polizei. „Es gibt keine Zunahme der Kriminalität. Wir erwarten, dass sich die Flüchtlinge an unsere Gesetze halten. Und das tun sie auch“, sagte Schmidt.

„Die Wedeler sind sehr hilfsbereit, und die Zusammenarbeit mit der Stadt funktioniert wirklich reibungslos. Und das geben viele Flüchtlinge zurück. Herr Atanahli hilft, wo er kann“, sagte Manuela Treff, von der Flüchtlingsbetreuung der Diakonie.

Für Familie Atanahli ist Wedel zur zweiten Heimat geworden. Vater Ahmad lässt von der 15-jährigen Dolmetscherin Midya Hammada übersetzen, was er sagt: „Wir haben bisher keine Beschimpfungen oder Übergriffe erlebt. Die Menschen sind sehr freundlich hier.“

In Damaskus führte er als Selbständiger ein Geschäft für Sanitärkeramik in der syrischen Hauptstadt Damaskus. „Wir hatten ein gutes Leben. Bis die Milizen kamen“, sagt er. Er ließ alles zurück und floh mit seiner Familie in eine andere Stadt. „Eines abends kamen wieder die Milizen. Sie haben mich für mehrere Stunden mitgenommen. Schließlich forderten sie Geld“, sagte der Vater von fünf Kindern. Die Familie floh weiter in die Türkei. „Es war aber nicht möglich, dort eine Wohnung und Arbeit zu finden. Deswegen bin ich über das Meer nach Griechenland und weiter nach Deutschland“, sagte Atanahli. Im vergangenen September erreichte er Wedel. Im Januar kamen seine Frau Nisreen und die Kinder, zwischen zwei und 15 Jahre alt, über dieselbe gefährliche Route nach. Ahmad Atanahli hat inzwischen einen Aufenthaltsstatus und darf auch einen Integrationskurs besuchen. Drei seiner Kinder gehen zur Schule, eines in eine Kita, und auch für das fünfte Kind soll es bald einen Kitaplatz geben.

Nach dem Termin im Rathaus lädt die siebenköpfige Familie noch zu einem Besuch ihrer Wohnung ein. Sie lebt auf etwa 78 Quadratmetern in drei Zimmern mit kleiner Küche und Bad. In einem Zimmer schlafen die Eltern und das jüngste der Kinder. Die übrigen vier teilen sich das zweite. Gegessen wird im Wohnzimmer. „Wir sind mit der Unterkunft sehr zufrieden“, sagt Ahmad Atanahli. Eine große Hoffnung hat die Familie: „Ich möchte, dass unsere Kinder das Gefühl haben, hier in Sicherheit zu sein“, sagt die Mutter.

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erstellt am 24.Aug.2016 | 16:00 Uhr

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