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Pinneberger Tageblatt

07. Dezember 2016 | 09:48 Uhr

Wenn der Rettungswagen zum Taxi wird : Ein Drittel der Patienten gehört nicht in die Notaufnahme

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Zahl der Menschen ohne lebensbedrohliche Beschwerden in den Ambulanzen steigt. Auch im Kreis Pinneberg. 60.000 Behandlungen pro Jahr.

Pinneberg | Ärzte hetzen von einem Behandlungszimmer zum nächsten, gestresste Krankenschwestern versuchen verzweifelt, freie Betten zu finden. Patienten beschweren sich über lange Wartezeiten. Das sind Szenen aus der Notaufnahme einer bayrischen Klinik, gefilmt für eine Dokumentation im ZDF. Das Problem: Von etwa 50 Patienten sind nur zwei echte Notfälle. Und dieses Problem kennen auch die Regio-Kliniken im Kreis Pinneberg.

Nicht jeder, der Beschwerden hat, muss sofort ins Krankenhaus. Trotzdem kann ärztlicher Rat auch dann dringend nötig sein, wenn die Praxen geschlossen haben. Die Regio-Kliniken weisen daher auf den Ärztlichen Bereitschaftsdienst hin. Unter der bundesweit einheitlichen Rufnummer 116117 gibt es Hinweise, welche Praxis auch nachts und am Wochenende hilft. Weitere Infos dazu gibt es im Internet.

Die in der Doku geschilderte Situation ist ein Extrem. Doch Sebastian Kimstädt, Pressesprecher der Regio-Kliniken, bestätigt auf Anfrage: „Etwa ein Drittel der Patienten in unserer Notaufnahme gehört eigentlich nicht dorthin. Sie könnten auch bei Haus- oder Fachärzten behandelt werden.“ Etwa 60.000 Notfallpatienten werden jährlich an den drei Klinikstandorten Pinneberg, Elmshorn und Wedel behandelt. Ihre Zahl ist während der vergangenen fünf Jahre um etwa zehn Prozent gestiegen, wie Kimstädt sagt.

Pinneberg liegt im Kreisvergleich mit etwa 30.000 Notfällen jährlich an der Spitze. „Die Zahl der Menschen auf unserer Station, die eigentlich keine Notfälle sind, hat in der Vergangenheit zugenommen“, sagt Dr. Regine Zwißler. Sie ist Oberärztin in der Notaufnahme der Pinneberger Klinik. Von Durchfall, Husten und Schnupfen bis zu tagelangen Rückenschmerzen sei alles dabei. Doch warum rufen so viele Menschen den Notruf, obwohl ihre Situation nicht lebensbedrohlich ist?

„Manche Patienten glauben, Sie könnten sich die Wartezeit beim Haus- oder Facharzt sparen. Oder der Rettungswagen sei ein kostenloses Taxi“, sagt Kimstädt. Der Kliniksprecher sagt aber auch: „Vor allem Jüngere haben oft keinen Hausarzt als Bezugsperson mehr. Und vielen fehlt die Körperwahrnehmung. Was man früher mit Hausmitteln behandelt hat, soll heute Dr.    Google übernehmen. Und wenn es im Internet nicht sofort Antworten auf die offenen Fragen gibt, ruft man halt den Rettungsdienst.“ Zwißler ergänzt: „Es gibt auch viele Menschen, wie etwa Migranten, die das Hausarztsystem nicht kennen. Dass man in einem Krankenhaus Hilfe bekommt, weiß aber jeder. Also wählen sie den Notruf.“ Dabei gebe es auch andere Bereitschaftsdienste.

Fährt Patienten mit großen und kleinen Beschwerden: Ein Rettungswagen vor der Pinneberger Klinik.
Fährt Patienten mit großen und kleinen Beschwerden: Ein Rettungswagen vor der Pinneberger Klinik. Foto: Thieme
 

Dass die Behandlung im Krankenhaus schneller vonstattengeht als in der Arztpraxis, ist ein Irrglaube. „Die echten Notfälle haben immer Priorität. Andere Patienten müssen dann warten“, sagt Zwißler. Laut Kimstädt dauert eine Behandlung in der Notaufnahme durchschnittlich zwei Stunden. Aber je mehr Menschen in Lebensgefahr eintreffen, desto länger werde die Behandlungszeit für die übrigen. Dann könnten aus zwei auch vier Stunden werden.

Das sagt auch Christian Mandel, Pressesprecher der Rettungsdienstkooperation in Schleswig-Holstein (RKISH). „Ich sehe ebenfalls den Trend, dass die Zahl der minderschweren Fälle zunimmt. Aber niemand sollte glauben, dass er bevorzugt behandelt wird, nur weil er mit dem Rettungswagen kommt. Die Priorität wird in der Klinik nach medizinischen Kriterien festgelegt.“ Es gebe auch aggressive Menschen, die „recht niederschwellig“ ihr vermeintliches Recht durchsetzen wollen und uneinsichtig seien. „Es gibt aber auch Menschen, denen einfach nicht klar war, dass die 112 die falsche Nummer war. Die sind auch einsichtig“, sagt Mandel.

Dabei sind diejenigen, die bei Zwißler in der Notaufnahme landen, bereits vorsortiert. Stephan Bandlow ist Leiter der Leitstelle in Elmshorn. Dort sitzen die Disponenten, die Notrufe entgegennehmen und die Krankenwagen losschicken. „In etwa 28 Prozent der Fälle ist der Transport im Rettungswagen nicht nötig“, sagt Bandlow. Dass die Menschen häufiger die 112 wählen, ist für ihn kein Drama. „Wir sind erste Anlaufstelle für Hilfesuchende geworden. Das ist auch in Ordnung. Aber ich wünsche mir mehr Verständnis, wenn wir einen anderen Weg empfehlen, als den Transport mit dem Rettungswagen.“

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erstellt am 14.Jul.2016 | 10:00 Uhr

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