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„Döllinghareico ist ein Sanierungsfall“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Zukunftsperspektive Neuer Eigentümer und neuer Geschäftsführer setzen auf Expansion / Claus Dölling erklärt Hintergründe des Verkaufs

Das Elmshorner Familienunternehmen Döllinghareico war wirtschaftlich schwer angeschlagen, als Gesellschafter Claus Dölling im vergangenen Jahr die Entscheidung fällte, die Wurstfabrik an Maximilian Tönnies, Sohn von Unternehmer Clemens Tönnies und beteiligt an der Zur-Mühlen-Gruppe, zu verkaufen. Was folgte, war ein Wirtschaftskrimi, der bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Denn die damalige Döllinghareico-Geschäftsführung torpedierte die Verkaufsverhandlungen, angeblich mit Unterstützung der Banken und des Betriebsrates, um Tönnies zu verhindern.

Im Exklusiv-Interview mit den EN erklären Claus Dölling (71), Betriebsratschef Jürgen Beckmann (60), der neue Eigentümer Maximilian Tönnies (26) und der neue Döllinghareico-Geschäftsführer Axel Knau (47) was hinter den Kulissen gelaufen ist – und warum das Unternehmen mit zurzeit 170    Mitarbeitern wieder eine Zukunftsperspektive hat.

Frage: Herr Dölling, in diesem Jahr wird Dölling 110 Jahre alt. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, das Elmshorner Familienunternehmen zu verkaufen?
Claus Dölling: Diese Entscheidung ist mir natürlich nicht leicht gefallen. Aber ich habe erkannt, dass es unter den schwierigen Marktbedingungen besser ist, sich an ein anderes Unternehmen anzudocken. Für mich stand an erster Stelle, dass die Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz behalten und das Unternehmen eine Zukunft hat.

War die Verkaufs-Entscheidung für Sie alternativlos?
Dölling: Ja. Ab einem gewissen Zeitpunkt schon.

Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Gesamtsituation bei dem Unternehmen Döllinghareico?
Dölling: Nicht nur. In diesem Markt ist es sehr schwer, als kleines Familienunternehmen zu bestehen. Ich habe sehr früh Maximilian Tönnies als Käufer favorisiert. Die mit ihm verbundene Zur-Mühlen-Gruppe ist am Markt unglaublich gut aufgestellt und hat einen sehr guten Vertrieb. Genau am Vertrieb hat es bei Döllinghareico in den vergangenen Jahren gehapert. Der ehemalige Geschäftsführer war nicht in der Lage, selbst Vertrieb zu machen.

Wie liefen die Verhandlungen?
Dölling: Erste Gespräche gab es im März 2015. Aber wir brauchten noch ein Jahr Zeit für die vernünftige Vorbereitung. Später sind wir schnell zu einer Einigung gekommen, die für die Mitarbeiter und für Döllinghareico gut war.
Haben Sie auch mit anderen Interessenten verhandelt?
Dölling: Wir haben am Schluss mit zwei Firmen verhandelt. Der ehemalige Geschäftsführer wollte unbedingt den anderen Interessenten. Diese Wahl wäre ein Desaster für Döllinghareico und die Mitarbeiter gewesen. Ich habe dann die Notbremse gezogen und bin persönlich zu Herrn Tönnies gefahren. Ich kenne die Familie seit über 20 Jahren. Auf deren Wort kann man sich verlassen.

Nach Ihrer Verkaufsmitteilung kam es zu einer regelrechten Schlammschlacht. Geschäftsführung, Betriebsrat und Gläubigerbanken hatten sich angeblich klar gegen Tönnies ausgesprochen. Ihnen wurde öffentlich das Recht abgesprochen, an Tönnies zu verkaufen. Tobte ein Machtkampf ums Unternehmen?
Dölling: Ich muss es ganz deutlich sagen. Die Meldung, dass Betriebsrat und Banken hinter dem damaligen Geschäftsführer standen, war schlichtweg falsch. Der Widerstand ging nur vom Geschäftsführer aus. Dieses Verhalten hat uns enorm geschadet, weil es den Verkaufsprozess verzögert hat.
Jürgen Beckmann: Der gesamte Betriebsrat stand hinter dem Eigentümer, hinter Herrn Dölling. Es gab anfangs in Bezug auf den Namen Tönnies Vorbehalte bei einigen Mitarbeitern. Das stimmt. Die konnten aber bei fast allen ausgeräumt werden.
Axel Knau: Den Eindruck eines Machtkampfes konnten wir ganz schnell korrigieren. Wir haben unser Konzept den Banken vorgestellt. Sie haben es als das bessere bewertet.
Maximilian Tönnies: Unser Konzept für Döllinghareico war schlüssig. Die Banken und der Betriebsrat haben Axel Knau und mir das Vertrauen geschenkt.

Der Eindruck, dass es eine konzertierte Aktion von Geschäftsführung, Betriebsrat und Banken gegen Tönnies gab, ist also falsch?
Knau: Ja. Ganz im Gegenteil. Unser Konzept hat bei beiden Gremien Zustimmung gefunden.

Stand in ihrem Konzept schon drin, dass der Standort in Lübz geschlossen und der in Elmshorn erhalten wird?
Knau: Das waren die Optionen. Zu Lübz muss man sagen, dass dieser Standort nie zu Ende gebaut wurde. In der jetzigen Situation sind nicht die Mittel vorhanden, um Lübz so aufzubauen, wie man es machen müsste. Wir haben den Fokus ganz klar am Standort Elmshorn gesehen.

Sie haben Restrukturierungsmaßnahmen für Elmshorn angekündigt. Was heißt das konkret?
Knau: Für uns ist zunächst entscheidend, dass wir wieder zu den alten Tugenden von Döllinghareico zurückkehren. Das sind Qualität, den Kunden im Fokus zu haben und ein starker Vertrieb. Wir haben viele Ideen und Konzepte. Am Ende entscheidet aber immer der Kunde, welche Produkte sich am Markt durchsetzen.
Tönnies: In der Vergangenheit lag der Fokus auf Kosteneinsparungen und Sortimentsbereinigung. Wir wollen die Marke Döllinghareico wieder aufpolieren und mit verschiedenen Strategien nach vorne bringen. Die Marke Hareico ist beispielsweise seit der Produkteinführung von Smett längst keine Kopfmarke mehr.

Wie kann eine Erfolgsstrategie aussehen?
Knau: Döllinghareico muss eine starke Marke im Norden sein. Auf Regionalität setzen. Aber mit bestimmten Produkten wollen wir auch im Süden Deutschlands wieder Fuß fassen.
Dölling: Wir waren früher mit der Marke Dölling in Süddeutschland wesentlich stärker als heute.
Tönnies: Mit neuer Vertriebsstärke haben wir ganz klar den Anspruch, die Marke national zu vertreiben. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch in Bayern und Hessen eine Riesenlotsenwurst von Dölling verkaufen können.

Also werden Sie am Standort Elmshorn investieren?
Knau: Natürlich. Das eine bedingt das andere. Wenn wir Aufträge haben, können wir investieren. In Elmshorn haben wir ein funktionierendes Werk – mit Überkapazitäten. Wir haben Top-Mitarbeiter, einen guten Maschinenpark und Spitzenprodukte. Und wir haben schon jetzt Produkte, die für die Zur-Mühlen- Gruppe gefertigt werden.

Wie bewerten Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage des Unternehmens?
Knau: Sehr schwierig. Seit 2009 wurde die Tonnage in Elmshorn auf 8500 Tonnen fast halbiert. Der Umsatz lag zuletzt bei 40 Millionen Euro. Ganz klar: Es geht um die Sanierung des Unternehmens. Aber wir kriegen das hin.
Beckmann: Unsere Mitarbeiter haben in den vergangenen Jahren viel mitgemacht, mussten auch Lohneinschnitte verkraften. Wir haben auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet. Ich hoffe, dass es so in Zukunft nicht weiter geht.

Expandieren auf der einen Seite, Kosten sparen auf der anderen. Wie passt das zusammen?
Knau: Es geht nicht primär um Kostenreduzierung: Wir müssen in Innovationen, in neue Produkte und kluge Köpfe investieren, die das Know-How haben.

Standort- und Arbeitsplatzgarantien: Können Sie die geben?
Knau: Das Streben nach Sicherheit kann ich gut verstehen. Wir haben von den Mitarbeitern in Elmshorn bisher viele positive Rückmeldungen bekommen. Nicht weil wir Sicherheit versprochen haben, sondern weil wir den Menschen die Chance geben, sich diese Sicherheiten selber zu erarbeiten.
Tönnies: Noch einmal. Wir setzen auf den Standort Elmshorn. Wir müssen sehen, dass wir das Unternehmen in besseres Fahrwasser bekommen. Wir werden dafür an allen Stellschrauben drehen, die wir haben.

Es gibt Befürchtungen in Elmshorn, dass der Große – Tönnies – den Kleinen – Döllinghareico – schluckt, sich nimmt was er braucht, und den Laden dann abwickelt.
Tönnies: Nein. Wir hatten bei der Übernahme von Nölke mit der Marke Gutfried eine ähnliche Schieflage. Da gab es auch zuerst Bedenken. Dort haben wir bewiesen, dass es richtig ist, auf einen Standort und das dort vorhandene Produktions-Know-How zu setzen. Das wird auch in Elmshorn so sein. Wir schenken den Mitarbeitern in Elmshorn unser Vertrauen.
Dölling: Es ist nicht immer so, dass die Großen die Kleinen schlucken, sondern die Schnellen die Langsamen. Die Zur-Mühlen-Gruppe ist extrem schnell und effizient. Die bewegen was. Genau das hatte ich mir für mein ehemaliges Unternehmen gewünscht.

Wie sieht Ihr Zeitplan für die Sanierung aus?
Knau: Wir werden nach einem Jahr sehen, wo wie stehen, was wir erreicht haben.

Sind vegetarische und vegane Produkte in Zukunft eine Option für den Standort Elmshorn?
Tönnies: Es hat sich ein Markt für diese Produkte gebildet. Aber der stagniert auch schon wieder. Für den Standort Elmshorn spielt das keine Rolle. Ich sehe, dass der Handel und die Verbraucher sich nach einer starken Wurstmarke sehnen. Da könnte Hareico national eine Rolle spielen.

In Deutschland ist Fleisch vor allem eines – billig. Macht Ihnen das nicht arg zu schaffen, wenn Sie auf Qualität setzen?
Knau: Ja, Deutschland ist der günstigste Markt für Lebensmittel in der ganzen Welt. Wir werden diesen Markt auch nicht ändern. Aber wir müssen die besten Produkte für diesen Markt liefern. Dann sind wir erfolgreich. Dafür arbeiten wir. Das können wir.





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erstellt am 04.Mär.2017 | 16:35 Uhr

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