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Pinneberger Tageblatt

26. Juni 2016 | 19:21 Uhr

Medizinische Versorgung im Wandel : Die Zahl der Rettungseinsätze im Kreis Pinneberg steigt

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Gutachten: Im Untersuchungszeitraum von 2010 bis 2015 verdoppeln sich die Kosten im Kreis Pinneberg.

Elmshorn | In etwa einem Monat rollen an der Elmshorner Agnes-Karll-Allee wieder die Bagger. Dort entsteht die neue Leitstelle für Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei. Im Oktober hatte der Kreistag beschlossen, die Leitstelle größer werden zu lassen als ursprünglich geplant. Die Entscheidung basierte unter anderem auf einem Gutachten, das einen massiven Anstieg der Einsatzzahlen des Rettungsdienstes bis 2025 voraussagt: im Kreis Pinneberg von 41.900 im Jahr 2010 auf 64.400 im Jahr 2025. Die Kosten werden sich von 11,6 Millionen auf 22,1 Millionen Euro fast verdoppeln.

Verfasser des Gutachtens ist Michael Scheffler. Der Betriebswirt arbeitet als Controller bei der Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein gGmbH (RKISH), die für den Rettungsdienst im Zuständigkeitsbereich der Elmshorner Leitstelle verantwortlich ist. „Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den Einsatzzahlen“, sagt Scheffler. Außer dem Alter der Menschen gebe es zudem einen strukturellen Einfluss auf die Einsatzzahlen: „Die Hemmschwelle, die Notrufnummer zu wählen, ist gesunken“, sagt der Betriebswirt.

Scheffler geht nach Auswertung von Daten des Statistikamts Nord davon aus, dass die Zahl der Menschen in Schleswig-Holstein unter 20 Jahre bis 2025 um 20 Prozent zurück und die der Menschen zwischen 60 und 80 Jahren um 17 Prozent zunehmen wird. Die Zahl der Hochbetagten, die älter als 80 Jahre sind, werde sich verdoppeln. Schefflers eigene Analyse der RKISH-Einsatzzahlen hat ergeben: Mit zunehmendem Alter steigen die Alarmierungen exponentiell. Für die Altersgruppe bis 60 Jahre liege die Einsatzrate bei jährlich bis zu 50 pro 1000 Einwohner, in der Gruppe der 75- bis 80-Jährigen bei bis zu 400 und in der Gruppe der über 90-Jährigen bei mehr als 1000. Aus der Kombination von Bevölkerungsentwicklung und Einsatzwahrscheinlichkeit hat Scheffler die Prognose von insgesamt 64.500 Einsätzen im Kreis Pinneberg 2025 abgeleitet. „Die Entwicklung seit 2010 bestätigt uns sogar darin, dass wir eher konservativ gerechnet haben“, so Scheffler.

In der Kooperativen Regionalleitstelle West arbeiten die Kreise Pinneberg, Dithmarschen und Steinburg zusammen. Sie sind für die Feuerwehr- und Rettungseinsätze verantwortlich. Räumlich getrennt aber unter dem selben Dach arbeitet die Landespolizei, die sich zusätzlich um den Kreis Segeberg kümmert. Notfallrettung, Krankentransport, Verlegungs- und Rückholdienste sowie die Bereitstellung von Personal und Material in besonderen Lagen lassen die Kreise von der Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein gGmbH (RKISH) erledigen. Die Basisdaten für sein Gutachten „Der Rettungsdienst in Schleswig-Holstein im Jahr 2025“ hat Autor Michael Scheffler für seine Masterarbeit erhoben. Scheffler hat nach Abitur und Bundeswehrzeit an der Fachhochschule in Heide Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik und Controlling studiert. 2011 folgte sein Master an der Fachhochschule in Kiel. Anschließend begann der heute 30-Jährige als Controller bei der Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein gGmbH (RKISH). Seine Berufserfahrungen dort flossen in die Studie ein.

Ein weiterer Fakt, der die Einsatzzahlen hochtreibt:  Die Hemmschwelle, den Notruf zu wählen, sinkt. „Grundsätzlich sagen wir: besser einmal zu viel, als einmal zu wenig. Aber wir müssen versuchen, Notärzte etwa durch Telemedizin und qualifizierte Notfallsanitäter zu entlasten“, sagt Scheffler. Folge der steigenden Einsatzzahlen sind explodierende Kosten. Sie sollen sich laut der Prognose allein im Kreis Pinneberg auf 22,1 Millionen Euro jährlich vedoppeln. Etwa 70 Prozent entfallen auf Personal, 30 Prozent auf Material und Gebäude. Den Löwenanteil tragen die Krankenkassen – und damit die Versicherten.

Die Regio-Kliniken in Elmshorn, Pinneberg und Wedel sind seit etwa einem Jahr dabei, ein System einzuführen, mit dem Bilder von Untersuchungen innerhalb eines Kliniknetz- werkes ausgetauscht werden können. „Auf diese Weise können wir mehr Behandlungssicherheit erreichen“, erläuterte Kliniksprecher Sebastian Kimstädt.
So sei es etwa möglich, dass ein Facharzt, der bei einem Patienten in Pinneberg eine Magenspiegelung gemacht habe, sich unkompliziert die Zweitmeinung eines Kollegen aus der Wedeler Klinik einholen könne. „Bislang mussten die Bilder dafür immer ausgedruckt und von einer Klinik zur anderen geschickt werden. Das neue Netzwerk macht diese Zusammenarbeit einfacher“, sagte Kimstädt.
Auch für die Abteilungen, die auf mehrere Standorte verteilt sind, habe das System Vorteile, denn die Fachärzte könnten jetzt von allen drei Kliniken aus auf die Untersuchungsbilder zugreifen. Innerhalb dieses Jahres solle das Projekt abgeschlossen sein, sagte Kimstädt. Die Regio-Kliniken hätten 100 Millionen Euro in das System investiert.

Laut Scheffler werden nicht nur mehr deutlich mehr Mitarbeiter und Einsatzfahrzeuge gebraucht. Auch die Arbeit ändert sich. Scheffler sagt: „Für Notfall- und Krankentransporte wird es wieder getrennte Fahrzeuge geben, Disponenten in der Leitstelle werden zu Logistikern, die Anforderungen an Sanitäter steigen, wir werden häufiger Telemedizin einsetzen.“

In der Elmshorner Leitstelle werden bald zusätzliche Einsatzleittische für Disponenten gebraucht. Deswegen hat der Kreistag im Oktober einer Erweiterungsfläche im Neubau zugestimmt. Oliver Carstens, Sprecher der Kreisverwaltung, sagt: „Mit der geplanten Erweiterungsfläche ist die Leitstelle über 2025 hinaus gut aufgestellt.“

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erstellt am 29.Jan.2016 | 10:00 Uhr

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